Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen Anleitung zum Krankfeiern

Für manche vor allem ein Urlaubsschein: Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Quelle: imago

Blaumachen ist mindestens so alt wie die Entgeltfortzahlung. Dank im Internet verfügbarer Tipps fällt es Arbeitnehmern heute leichter, sich extra Urlaub verschreiben zu lassen. Verhindern können Unternehmen das kaum.

Mit der kryptisch anmutenden Abkürzung F43.0V lässt es sich gut ausspannen. Bei dem Kürzel handelt sich um einen sogenannten Diagnoseschlüssel. Den verwenden Ärzte unter anderem auf Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (AU), auch gern „Gelber Schein“ genannt. Er öffnet unter anderem Angestellten die Möglichkeit, mehr „freie Tage" als die vertraglich vereinbarten Urlaubstage zum Entspannen zu nutzen. F43 gehört zur Gruppe der psychischen Diagnosen. „Reaktionen auf schwere Belastung und Anpassungsstörungen.“

Dahinter können schwere Fälle von Mobbing stecken, aber auch eine Äußerung des Patienten, mit dem neuen Vorgesetzten nicht klarzukommen, schlecht zu schlafen und mit schlechtem Gefühl zur Arbeit zu gehen. Es obliegt dem Arzt, das als hinreichend gesundheitlich problematisch zu werten und den Schlüssel einzutragen. Die „0“ nach der F43 steht für akut. Folgt ein „V“, dann steht das für Verdacht.

Ob der Patient tatsächlich gemobbt wird und die geschilderten Symptome echt oder vorgespielt sind, kann der Arzt so gut wie gar nicht überprüfen. Im Gegensatz zu einem bakteriellen Infekt oder dem Bruch eines Gliedmaß ist eine vorgetäuschte oder tatsächliche Anpassungsstörung weder per Stethoskop noch MRT zu erkennen.

Diese Berufe produzieren am meisten Burn-Out-Fehltage

Die Zahl der AU-Tage wegen psychischer Störungen lag im Jahr 2013 bei 15,3 Prozent. Darunter fallen laut BKK Dachverband häufig Berufe mit Kundenkontakt wie „zum Beispiel Alten- und Krankenpfleger, Erzieher oder Lehrer.“ Wer nicht auf Psyche gehen will, kann auch auf Probleme mit den Atemwegen (J98), Bauchschmerzen (R10), Durchfall (A09), Schlafstörungen (F51), allgemeines Unwohlsein (R53) oder Rückenschmerzen (M54) setzen.

Wer wissen will, welche Schlüsselbegriffe reichen, um einen Arzt von der Belastung zu überzeugen, obwohl in Wahrheit gar keine vorliegt, findet im Internet reichlich Auskunft. In Foren wird gefragt, was man dem Arzt sagen soll, auf Webseiten wie „Krankheit-simulieren.de“ ein Leitfaden an die Hand gegeben, in Blogbeiträgen von Krankenhausärzten mit dem Titel „Krank feiern leicht gemacht: Der Weg zum gelben Urlaubsschein“ eine Bedienungsanleitung gegeben.

Sorge, dass der Arbeitgeber mitbekommt, was der Angestellte auf der AU als Krankheit überhaupt angegeben hat, muss ein Simulant so gut wie nicht haben. Die Diagnoseschlüssel unterliegen dem Datenschutz.

„Blaumachen ist nichts neues“, sagt Christoph Rupprecht von der AOK. Die Zahl der Fehltage pro Arbeitnehmer ist seit 2006 von 8,1 auf 10,6 in 2017 gestiegen. Das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und -geber spiele eine immer wichtigere Rolle. Ist die Identifikation mit dem Unternehmen hoch, dann wird der Arbeitnehmer kaum darüber nachdenken, sich mit einer kaum nachprüfbaren Diagnose ein paar freie Tage zu gönnen.

Auch die Suche nach einem Arzt, der nicht so genau nachfragt und rasch das gewünschte Zettelchen ausfüllt, ist dank Internet erheblich erleichtert. Waren die Generationen vor dem Internet noch auf die mündlich übermittelten Informationen angewiesen, reichen heute wenige Klicks. Bewertungsportale wie Jameda machen die Suche nach einem Arzt, der nicht zu viel fragt, leicht.

In den Kommentaren und Bewertungen zu den Ärzten äußern sich Patienten, dass zum Beispiel Arzt A oder Ärztin B rasch mit der AU zur Hand sind. Für die Ärzte kann sich so ein Ruf durchaus auszahlen. Die Praxis ist ausgelastet. Patienten, die vielleicht gar nicht so unverhohlen mit dem Wunsch nach einer AU die Praxis betreten, wollen für die Behandlungspauschale der gesetzlichen Krankenkassen kein langes Gespräch – sondern den Zettel. „The Market for Paid Sick Leave“ heißt eine Untersuchung aus dem Jahr 2016. Darin stellten die Autoren unter anderem fest, dass im Untersuchungsland Norwegen Ärzte die Zahl der Krankschreibungen erhöhten, sobald ein weiterer Arzt in der Gegend eine Praxis eröffnete. Und eher großzügige Ärzte zögen mehr Patienten an.

Dank der Entgelfortzahlung für sechs Wochen stellt sich in der Regel für Arbeitnehmer, die im Anschluss oder vor ihrem Urlaub eine AU einreichen, auch keine finanzielle Einbuße ein. Wer mit etwas weniger auskommt, rutscht zwar nach dieser Zeit ins Krankengeld, das aber unter Umständen für eine Weile reicht. Wie hoch das ist, lässt sich mit Krankengeldrechnern ermitteln.

Diesen Service bietet unter anderem die Techniker Krankenkasse auf ihrer Homepage an. 546 Tage oder 78 Wochen wird Krankengeld gezahlt auf Basis eines einzelnen Diagnoseschlüssel. Erst nach der sogenannten Aussteuerung wird es finanziell eng – ein unter Umständen hartes Schicksal für Menschen mit chronischen Erkrankungen, die immer wieder Fehltage produzieren.

Für Arbeitgeber, die einzelne Mitarbeiter verdächtigen, sich mit AUs mehr Urlaub zu gönnen, ist es schwer, das zu unterbinden oder im schlimmsten Fall arbeitsrechtliche Schritte einzuleiten. Mitarbeitern ist es durchaus auch im Falle einer AU erlaubt, ins Kino zu gehen oder in die Kneipe – der Arbeitnehmer hat lediglich sicherzustellen, dass die Tätigkeit nicht die Genesung beeinträchtigt. Und welcher Arzt würde nicht unterschreiben, dass lange Spaziergänge am Strand einem Menschen mit F43.0V gut tun würden.

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