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Architektur Traditionelle Fassaden erleben Renaissance

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Tradition als Ressource

Die Wolkenkratzer der Zukunft
On hold_Pentominium, Copyright Imre Solt Quelle: Imre Solt
Busan Lotte Town Tower Quelle: SOM
Dalian Greenland Center Quelle: HOK
CTF Tianjin Tower Quelle: SOM
One World Trade Center Quelle: SOM dbox studio
Goldin Finance 117 Quelle: P & T Group
Makkah Clock Royal Tower Quelle: Henry Wong

Christoph Sattler, Kopf des zuständigen Münchner Architekturbüros Hilmer & Sattler und Albrecht, dementiert gelassen: Wenn schon, dann habe Giovanni Muzio Pate gestanden, mit seinem wuchtigen Mailänder Wohnblock von 1918, der "Casa brutta", die klassische und moderne Elemente verbindet. Der rechtwinklige Grundriss der Heinrich-Heine-Gärten, ihre abschirmende Randbebauung, die sich am Ideal der kompakten europäischen Stadt orientiert, die Schichtung von Sockel, Wänden und Dachgeschoss, die vertikale Feingliederung der Fassaden durch Fenster und Türen, schließlich das Portal mit seiner zeichensetzenden Geste zur Straße hin – all das ergebe "eine Art Neoklassizismus", wie ihn das Münchner Büro schon in München und Münster erprobt hat, mit den Lenbach- und Klostergärten. Aber auch im sozialen Wohnungsbau, in der Münchner Wotanstraße, deren Fassade mit horizontalen Fensterbändern und vertikalen Halbsäulen spielt.

Noch lieber spricht Sattler von "moderner Klassizität" – und bezeichnet damit eine Haltung, die Abschied nimmt vom heroischen Glauben an die Innovation: Entwerfen, so Christoph Sattler, habe "weniger mit dem Erfinden von Neuem als mit dem freien Neukombinieren von architektonischen Erinnerungen" zu tun, die im Gedächtnis gespeichert sind. Er glaubt nicht, dass man das Rad der Geschichte zurückdrehen könne, aber er sieht mächtige Anzeichen für eine Renaissance architektonischer Grundformen, gar für einen "neuen Manierismus".

Damit kehrt sich die Blickrichtung um: In dem Maß, wie die Zukunft als Projektionsfläche für Fortschrittsvisionen ausfällt, wird, wie die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann sagt, "die Vergangenheit zur unerschöpflichen Ressource für Erneuerung und Wandel: Alt und Neu, zwei bisher klar definierte Gegensätze, gehen eine neuartige Verbindung ein." Für die Architektur bedeutet dies, dass die von der Moderne verachteten Archetypen des Bauens plötzlich die „Gnade einer zweiten Chance“ (Assmann) erhalten. Neubauten dürfen heute ruhig alt aussehen.

Das Haus als Körper

Kein Wunder, dass das Haus wieder als Körper entdeckt wird mit Fenstern und Türen als Körperöffnungen. So inszeniert der Berliner Architekt Tobias Nöfer im Düsseldorfer Quartier Central auf dem ehemaligen Derendorfer Güterbahnhof den Eingang zum Hofgarten als Portikus mit Rundbogen, flankierenden Säulen und Gesims. Das Tor trennt die Anonymität der Straße von der Privatheit des Hofs. Zugleich ist es, so Nöfer, ein "Metasymbol für den Eingang". Es verweist durch die Staffelung der Säulenpaare auf den Innenraum und verleiht der Fassade Tiefe, ein im besten Sinne konventioneller Effekt, den Nöfer dem Palazzo Farnese in Rom abgeschaut hat.

Guter Städtebau, gute Fassaden, so findet er, beruhen nicht auf originellen Einfällen, sondern auf der Einhaltung von Konventionen, die dafür sorgen, dass einzelne Häuser sich zu einem Ensemble verbinden. Das funktioniert nur auf der Basis von festen Verabredungen. In Düsseldorf hat eine mit dem Investor und den beteiligten Architekten entwickelte Gestaltungssatzung dazu geführt, dass die einzelnen Häuser sich dem Reglement fügen, ohne ihre Individualität aufzugeben. Allen gemeinsame Putzfassaden in hellen Farbtönen, zweigeschossige Sockelzonen und zurückgesetzte Dachgeschosse sollen Einheit in der Vielfalt stiften.

Tragen und Lasten

Schönheit verlangt für Nöfer nach dem Bemühen um eine "gemeinsame Sprache", die das Gegenteil von Beliebigkeit ist. Für die Schauseite des Hauses heißt das, Teamgeist zu zeigen, auf den Ort Rücksicht zu nehmen, sich in Material, Farbe und Formgebung der Nachbarschaft anzupassen.

Dass das auch im großen Format möglich ist, hat in jüngster Zeit der Architekt Christoph Mäckler mit dem Frankfurter Opernturm demonstriert: Er zitiert mit seinem siebengeschossigen Sockel die Traufhöhe der einstigen Randbebauung und mit seiner Natursteinfassade das Hellbeige der benachbarten Alten Oper. Neben einer "gewissen Schönheit, die vor allem durch Proportionierung entsteht", gehört für Mäckler die "Dauerhaftigkeit des Materials" zu einer guten Fassade. Man müsse mit Stein und Putz arbeiten, statt mit Glasfassaden, die alle 20, 30 Jahre ausgetauscht werden müssen.

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