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Architektur Traditionelle Fassaden erleben Renaissance

Neuerdings schauen uns Häuser wieder an wie Gesichter. Mit der Wiederentdeckung der guten alten Fassade kehrt die traditionelle Formensprache der Architektur zurück.

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Klassische Geste - Die Heinrich-Heine-Gärten in Düsseldorf Quelle: FRANKONIA Eurobau AG

Schon das Wort Fassade, das dem italienischen la facciata entstammt, erinnert daran: Häuser haben Gesichter. Über Jahrhunderte, von der Gotik bis zur Gründerzeit, wandten sie sich den Straßen und Plätzen zu, formten sie mit ihren Fenstern und Hauseingängen die Physiognomie der Stadt, ihren vorherrschenden Charakter. Erst seit der Moderne kehren uns Häuser den Rücken zu. Die Fassade wurde, weil konstruktiv nicht mehr notwendig, zur Lüge erklärt, zum überflüssigen Maskenspiel. Das Wohnen im Grünen, in der offenen Stadtlandschaft, wie es die Nachkriegsmoderne propagierte, machte die Gesichtslosigkeit schließlich zum Programm – und verzichtete auf die Fassade zugunsten des aufgelockerten Zeilenbaus.

Wohin das geführt hat, kann man allenthalben studieren, zum Beispiel in Düsseldorf, im Stadtteil Heerdt westlich von Oberkassel, entlang der Hansaallee: Die wenigen hellbeigen Häuserriegel aus den frühen Sechzigerjahren wenden sich reihenweise von der Straße ab.

Die schönsten Plätze Deutschlands
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Dresden: Alt- und Neumarkt Quelle: AP
Frankfurt am Main: Opernplatz Quelle: dpa
Hildesheim: Marktplatz Quelle: dpa

Es geht auch anders

Doch auf der andern Seite der Allee zeigt Düsseldorf neuerdings, dass es auch anders kann. In kuriosem Kontrast zur eher tristen Umgebung erhebt sich auf breiter Front eine cremefarbene, historisch anmutende Fassade über dem Bürgersteig, in ihrer Mitte ein von zwei Türmen gekröntes Torhaus mit mächtigem, inwendig kassettiertem Rundbogen. Viel selbstbewusster kann man in Zeiten von Fortschrittsskepsis und Utopieverlust die Rückbesinnung auf das traditionelle Repertoire der Architektur nicht demonstrieren. Eine Schmuckfassade! Ein Portal!

Das Entree zu den Heinrich-Heine-Gärten, einem Wohn-Quartier der Luxusklasse, feiert den Eingang als Ort der Grenzüberschreitung. Es lädt ein und sperrt zugleich aus, macht neugierig und markiert die Schwelle jenseits derer der private Raum beginnt: 313 Wohnungen sollen hier auf fast 40.000 Quadratmetern Wohnfläche entstehen, mit einem Investitionsvolumen von 160 Millionen Euro, der Kern eines neuen Stadtteils, dessen erster Bauabschnitt gerade abgeschlossen worden ist.

Umso bemerkenswerter findet es der Berliner Architekturkritiker Bernhard Schulz, der jüngst den "konservativen Tendenzen in der Gegenwartsarchitektur" nachgespürt hat, dass die Heinrich-Heine-Gärten sich in ihrer Formensprache "geradezu ungeniert der Architektur der Wiener Wohnhöfe der Zwanziger bedienen" – für ein Bauprogramm, das statt des "neuen", sozialistischen Menschen freilich den Besserverdienenden Quartier bieten soll.

Tradition als Ressource

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Makkah Clock Royal Tower Quelle: Henry Wong

Christoph Sattler, Kopf des zuständigen Münchner Architekturbüros Hilmer & Sattler und Albrecht, dementiert gelassen: Wenn schon, dann habe Giovanni Muzio Pate gestanden, mit seinem wuchtigen Mailänder Wohnblock von 1918, der "Casa brutta", die klassische und moderne Elemente verbindet. Der rechtwinklige Grundriss der Heinrich-Heine-Gärten, ihre abschirmende Randbebauung, die sich am Ideal der kompakten europäischen Stadt orientiert, die Schichtung von Sockel, Wänden und Dachgeschoss, die vertikale Feingliederung der Fassaden durch Fenster und Türen, schließlich das Portal mit seiner zeichensetzenden Geste zur Straße hin – all das ergebe "eine Art Neoklassizismus", wie ihn das Münchner Büro schon in München und Münster erprobt hat, mit den Lenbach- und Klostergärten. Aber auch im sozialen Wohnungsbau, in der Münchner Wotanstraße, deren Fassade mit horizontalen Fensterbändern und vertikalen Halbsäulen spielt.

Noch lieber spricht Sattler von "moderner Klassizität" – und bezeichnet damit eine Haltung, die Abschied nimmt vom heroischen Glauben an die Innovation: Entwerfen, so Christoph Sattler, habe "weniger mit dem Erfinden von Neuem als mit dem freien Neukombinieren von architektonischen Erinnerungen" zu tun, die im Gedächtnis gespeichert sind. Er glaubt nicht, dass man das Rad der Geschichte zurückdrehen könne, aber er sieht mächtige Anzeichen für eine Renaissance architektonischer Grundformen, gar für einen "neuen Manierismus".

Damit kehrt sich die Blickrichtung um: In dem Maß, wie die Zukunft als Projektionsfläche für Fortschrittsvisionen ausfällt, wird, wie die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann sagt, "die Vergangenheit zur unerschöpflichen Ressource für Erneuerung und Wandel: Alt und Neu, zwei bisher klar definierte Gegensätze, gehen eine neuartige Verbindung ein." Für die Architektur bedeutet dies, dass die von der Moderne verachteten Archetypen des Bauens plötzlich die „Gnade einer zweiten Chance“ (Assmann) erhalten. Neubauten dürfen heute ruhig alt aussehen.

Das Haus als Körper

Kein Wunder, dass das Haus wieder als Körper entdeckt wird mit Fenstern und Türen als Körperöffnungen. So inszeniert der Berliner Architekt Tobias Nöfer im Düsseldorfer Quartier Central auf dem ehemaligen Derendorfer Güterbahnhof den Eingang zum Hofgarten als Portikus mit Rundbogen, flankierenden Säulen und Gesims. Das Tor trennt die Anonymität der Straße von der Privatheit des Hofs. Zugleich ist es, so Nöfer, ein "Metasymbol für den Eingang". Es verweist durch die Staffelung der Säulenpaare auf den Innenraum und verleiht der Fassade Tiefe, ein im besten Sinne konventioneller Effekt, den Nöfer dem Palazzo Farnese in Rom abgeschaut hat.

Guter Städtebau, gute Fassaden, so findet er, beruhen nicht auf originellen Einfällen, sondern auf der Einhaltung von Konventionen, die dafür sorgen, dass einzelne Häuser sich zu einem Ensemble verbinden. Das funktioniert nur auf der Basis von festen Verabredungen. In Düsseldorf hat eine mit dem Investor und den beteiligten Architekten entwickelte Gestaltungssatzung dazu geführt, dass die einzelnen Häuser sich dem Reglement fügen, ohne ihre Individualität aufzugeben. Allen gemeinsame Putzfassaden in hellen Farbtönen, zweigeschossige Sockelzonen und zurückgesetzte Dachgeschosse sollen Einheit in der Vielfalt stiften.

Tragen und Lasten

Schönheit verlangt für Nöfer nach dem Bemühen um eine "gemeinsame Sprache", die das Gegenteil von Beliebigkeit ist. Für die Schauseite des Hauses heißt das, Teamgeist zu zeigen, auf den Ort Rücksicht zu nehmen, sich in Material, Farbe und Formgebung der Nachbarschaft anzupassen.

Dass das auch im großen Format möglich ist, hat in jüngster Zeit der Architekt Christoph Mäckler mit dem Frankfurter Opernturm demonstriert: Er zitiert mit seinem siebengeschossigen Sockel die Traufhöhe der einstigen Randbebauung und mit seiner Natursteinfassade das Hellbeige der benachbarten Alten Oper. Neben einer "gewissen Schönheit, die vor allem durch Proportionierung entsteht", gehört für Mäckler die "Dauerhaftigkeit des Materials" zu einer guten Fassade. Man müsse mit Stein und Putz arbeiten, statt mit Glasfassaden, die alle 20, 30 Jahre ausgetauscht werden müssen.

Korrespondenz mit dem Körpergefühl

Wachstum der Mega-Metropolen
Platz 10: N.Y.-Newark (USA)Bereits 1960 lebten rund 14 Millionen Menschen im Großram New York- Newark. Laut Prognosen sollen es 2020 über 20 Millionen sein. Das würde einem Wachstum von 44 Prozent entsprechen. (Quelle: UN) Quelle: dapd
Platz 9: Tokio (Japan)Um 122 Prozent soll Japans Hauptstadt zwischen den Jahren 1960 und 2020 wachsen. Schon 1960 lebten in Tokio 16,5 Millionen Menschen - 2020 sollen es aber fast 38 Millionen sein. Zwar reicht es mit dieser Wachstumsprognose nur für einen der hinteren Plätze - allerdings wäre Tokio mit dieser Bevölkerungszahl 2020 die weltweit größte Stadt! Quelle: Reuters
Platz 8: Shanghai (China)Fast 20 Millionen Menschen sollen im Jahr 2020 in Shanghai leben - 1960 belief sich die Zahl der Einwohner noch auf 6 Millionen. Dieser Anstieg würde einem Wachstum von 180 Prozent entsprechen. Quelle: Reuters
Platz 7: Kalkutta (Indien)Knapp 6 Millionen Menschen lebten im Jahre 1960 in Kalkutta. Die Zahl der Einwohner soll bis 2020 um 227 Prozent steigen - dann soll die Stadt laut Prognosen Platz für über 18 Millionen Menschen bieten. Quelle: Reuters
Platz 6: Mexiko-Stadt (Mexiko)Ein Wachstum von 309 Prozent hat Mexiko-Stadt zu erwarten. 4,5 Millionen Menschen lebten hier 1960 - im Jahr 2020 sollen es bereits über 20 Millionen sein. Quelle: dapd
Platz 5: São Paulo (Brasilien)Noch stärker fällt der Wachstum mit 445 Prozent in Brasiliens größter Stadt aus. 2020 sollen in São Paulo fast 22 Millionen Menschen Platz finden - 1960 belief sich die Zahl der Einwohner auf "nur" 4 Millionen. Quelle: Reuters
Platz 4: Mumbai (Indien)Mit stolzen 484 Prozent Wachstum muss eine der wichtigsten Hafenstädte Indiens rechnen. Auch Mumbai fasste im Jahr 1960 nur knapp 4 Millionen Einwohner. Allerdings soll die Stadt 2020 fast 24 Millionen Menschen Platz zum Leben bieten. Quelle: dapd

Die Aversion gegen die "Glaskisten", die in den Siebzigerjahren "rücksichtslos in die Innenstädte gestellt wurden", teilt Mäckler mit Vertretern der jüngeren Architektengeneration. Für Petra Kahlfeldt, die mit ihrem Mann Paul das Berliner Büro Kahlfeldt Architekten führt, haben Kollegen, die einem Gebäude mit ihren Stahl-Glas-Konstruktionen eine Klimahülle überziehen, die "Fassade vergessen". Eine gute Fassade, findet sie, müsse aus der Fern- und Nahsicht etwas erzählen von den tektonischen Verhältnissen, vor allem vom großen Thema der Architektur: vom Tragen und Lasten einer Wand. Die Fassade habe eine "gewisse Autonomie", aber sie sei dem Haus nicht äußerlich, kein bloßer Schmuck, sondern die "Ouvertüre", die etwas verrät über die Konstruktion des Baukörpers, ein "Versprechen", das durch das innere Raumgefüge eingelöst werden muss.

Nicht Stilvorlieben, sondern die bautechnischen Herausforderungen führten "zwingend" zur architektonischen Gestalt: Ein Fenster sei, anders als manche Modernisten meinten, eben "mehr als ein Loch", ein Dach "mehr als eine Linie". Sie stehen, wie Petra Kahlfeldt sagt, in "Korrespondenz mit unserem Körpergefühl". Gute Architektur nehme deshalb Bezug auf das menschliche Maß.

Der Wunsch nach Verständlichkeit des Bauwerks, nach "überzeitlicher gestalterischer Komposition" jenseits der Moden, hat bei Kahlfeldt Architekten zu klassizistischen Lösungen geführt. Vor allem im Villenbau, wo Paul Kahlfeldt die klassischen Fassadenthemen durchspielt: ausgewogene Proportionen, Sockelausbildung, Säulenfront, Fenster- und Türrahmungen.

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Alte Geschichten neu interpretieren

Es ist nicht zuletzt der Geschmack der Bauherren, ihre Vorliebe für Sprossenfenster, Eingangshallen und übersichtliche Raumaufteilungen, die beim Bau von Einfamilienhäusern zu eher konservativen Kompositionen führt. Eines der ersten Häuser des Kölner Architekten Axel Steudel – der Bauherr hatte vergeblich nach einem geeigneten Altbau gesucht – war eine Neuauflage von Karl Friedrich Schinkels Neuem Pavillon, mit Zierelementen in abstrahierter plastischer Form.

Mittlerweile hat Steudel, ein Schüler von Oswald Mathias Ungers, zu freieren Kompositionen gefunden. Nostalgie ist ihm fremd, harmonische Formen weiß er zu schätzen. Dass er zu den Jungkonservativen unter den Architekten gezählt wird, quittiert er mit einem Adolf-Loos-Zitat: "Das Haus ist konservativ." Dabei versteht sich Steudel durchaus als Mittler zwischen Tradition und Moderne, es interessiert ihn, was dabei herauskommt, wenn sich "beide Seiten die Hand geben", wenn alte Geschichten neu interpretiert werden.

Wie bei seinem 2007 entstandenen Neubau im Bergischen, einem großzügigen, breitgelagerten Familienhaus, das an Friedrich Nietzsches Bemerkung erinnert: "Häuser blicken uns an wie Gesichter." Mit seinen Giebeln und freundlichen Fenstergruppen fügt es sich unaufdringlich in die Nachbarschaft ein und bleibt, wenn man genau hinsieht, trotzdem Zeitgenosse. Denn darauf kommt es Steudel eben an: "Mir ist es wichtig, dass die Leute das Gefühl haben: Das ist ein Haus von heute."

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