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ARD und ZDF Expertenrat fordert weniger Politikmagazine im Ersten

Die Politikmagazine im Fernsehen haben eine lange Tradition. Ihre herausragende Stellung zur Meinungsbildung hätten die Sendungen aber verloren, sagt ein Medienexperte und rät zur Verschlankung.

Soll die ARD die Zahl der Polit-Magazine kürzen? Quelle: dpa

Zu viele Politikmagazine, aber dennoch zu wenig Politik - zu diesem Schluss kommt der Medienexperte Bernd Gäbler in seiner am Samstag veröffentlichten Studie mit dem Titel „Wie politisch sind Politikmagazine im Fernsehen?“. Gäblers wichtigste Folgerung: Die ARD sollte die Zahl ihrer Magazine deutlich abbauen und sich auf bestenfalls zwei Marken konzentrieren. Diese Debatte hatte die ARD schon einmal vor ein paar Jahren.

Die ARD sendet im Ersten derzeit sechs verschiedene Politikmagazine immer dienstags und donnerstags um 21.45 Uhr: „Report Mainz“, „Report München“, „Monitor“, „Panorama“, „Fakt“ und „Kontraste“. Besonders die Magazine „Fakt“ und „Kontraste“ hätten im Beobachtungszeitraum zwischen September und Dezember 2014 „zu wenig eigene Recherchen aufzuweisen und kaum außergewöhnliche Beiträge entwickelt“, heißt es in der Studie. Sie sollten im Ersten abgeschafft werden und in den Regionalprogrammen fortgeführt werden.

Wie RTL und Sat.1 das Fernsehen veränderten
1. Januar 1984Die Ära des Privatfernsehens in Deutschland begann am 1. Januar 1984 um 9.58 Uhr. Die Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS) ging um diese Zeit mit Sat1 auf Sendung, RTL plus folgte einen Tag später. Der damalige Geschäftsführer, Jürgen Doetz, begrüßte das Publikum gemeinsam mit Moderatorin Irene Joest vor den Fernsehern mit den Worten: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, in diesem Moment sind Sie Zeuge des Starts des ersten privaten Fernsehveranstalters in der Bundesrepublik Deutschland.“ Quelle: dpa
2. Januar 1984Am 2. Januar 1984 sah das Publikum dann Helmut Thoma, damals Direktor der deutschen Programme, auf der Mattscheibe. Er begrüßte die Fernsehzuschauer zum Senderstart der ersten RTLplus-Sendung. RTLplus sendete damals aus Luxemburg sein deutschsprachiges Programm. 1988 zog der Privatsender nach Köln. Für Köln sprach, dass bereits wegen des WDR Übertragungsleitungen vorhanden waren. Quelle: dpa
8. April 1988Der junge Sender musste um das Publikum kämpfen. Erfolge verzeichnet RTL dabei unter anderem mit seiner Comedy-Spielshow „Alles Nichts Oder?!“ mi t Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder (hier im Jahr 2008). Trotz kleinem Budget und minimaler Ausstattung war das Moderatorenduo sehr gewinnbringend für den Sender. Die Grundidee war ein Kindergeburtstag für Erwachsene. Ein prominenter Gast musste an albernen Spielen teilnehmen und sich gegen die Moderatoren behaupten. Der Gewinn war eine Torte. Derjenige, der das Spiel verlor, musste seinen Kopf durch ein Loch in der Wand stecken, um dann die Torten aus dem Publikum ins Gesicht geworfen zu bekommen. Das klingt letztlich infantiler, als die Show tatsächlich war. Die Sendung lief bis 1992. Quelle: dpa
7. November 1988Große Erfolge brachte Sat.1 die Sendung „Glücksrad“ ein. Zum ersten Mal drehte es sich im Privatsender am 7. November 1988. Moderiert wurde die Ratesendung von Frederic Meisner (links) und Schauspieler Peter Bond (rechts), die sich wöchentlich abwechselten. Die Buchstabenfee, also die Dame, die die Buchstaben der Ratewand umdreht, war Maren Gilzer. Die Spiele-Show war montags bis freitags um 19.30 Uhr zu sehen. Wegen des hohen Erfolges wurde sogar 1991 eine samstägliche und eine sonntägliche Ausgabe ins Programm genommen. Fast sieben Jahre lang war das „Glücksrad“ damit täglich zu sehen. Vorbild für die Sendung war die US-Show „Wheel of Fortune“. Die Adaption ausländischer Formate wurde schnell zu einem Steckenpferd der Privaten – denn das brachte enormen Erfolg. Quelle: dpa
21. Januar 1990Die erste erotische TV-Show im deutschen Fernsehen war die Spiele-Show „Tutti Frutti“, moderiert von Hugo Egon Balder. Die Gäste konnten in Raterunden Punkte gewinnen, die sie in abzulegende Kleidungsstücke der Stripperinnen investierten. Den Privaten hing damals wegen zahlreicher Erotikfilmen im Nachtprogramm ein Schmuddel-Image an. „Tutti Frutti“ änderte daran nicht viel, wurde jedoch zum vieldiskutierten Gesprächsthema. Das Punktesystem begriff kaum jemand, nackte Haut wollten dafür genug Interessenten sehen. Ein Novum, was der Sender auch offensiv bewarb: Die Kandidaten mussten auch selbst Kleidung ablegen – und die Zuschauer durften hoffen, Nachbar oder Nachbarin in Unterwäsche zu erwischen. Die Sendung lief auf RTL bis 1993. Quelle: dpa
10. Dezember 1991Rosa von Praunheim präsentierte zu Beginn einer jeden Ausgabe der Show „Explosiv - Der heiße Stuhl“ eine Person, über die sie provokante Thesen aufstellte. Anschließend musste derjenige auf dem heißen Stuhl platznehmen und mit fünf weiteren Gästen über diese Thesen diskutieren. Dabei kam es zu lauten, persönlichen Diskussionen, die der Moderator immer wieder anheizte. Filmemacher Rosa von Praunheim outete in seiner Sendung außerdem die TV-Lieblinge Hape Kerkeling und Alfred Biolek als schwul, was einer der größten Skandale der TV-Geschichte war. Sein Kommentar dazu: „Mein Outing von schwulen Prominenten war ein Verzweiflungsschrei auf dem Höhepunkt der Aidskrise“, erklärt der heute 69-jährige Rosa von Praunheim auf seiner Website. Ihm ging es damals darum, schwule Sympathieträger, die versteckt lebten, zur Solidarität mit der Homosexuellengemeinschaft zu bewegen, weil es in ihr die meisten HIV-Infizierten und Aids-Toten zu beklagen gab. Generell war „Explosiv“ die wohl umstrittenste, da krawalligste Talkshow der privaten Fernsehsender. Quelle: dpa
19. Januar 1992Linda de Mol startete 1992 die Sendung „Traumhochzeit“ auf RTL. Die Sendung zählte mit bis zu elf Millionen Zuschauern zu den beliebtesten deutschen Fernsehsendungen der 1990er Jahre. Bis zum Jahr 2000 konnten in der Sendung drei Paare gegeneinander antreten, die (neben verschiedenen kleineren Preisen) eine Traumhochzeit gewinnen konnten. Der gigantische Erfolg der Samstagabend-Show legte den Grundstein für das Imperium der niederländischen Produktionsfirma Endemol, heute zweitgrößter Fernsehproduzent der Welt. Mitbegründer der Firma: Lindas Bruder John de Mol. Quelle: dpa

„Die jahrelange ARD-interne Debatte ist beendet“, sagte ARD-Chefredakteur Thomas Baumann der Deutschen Presse-Agentur zu Gäblers Erkenntnissen. „Wir haben sechs sehr starke, eingeführte Marken. Es gibt keinen Grund, sie preiszugeben, zumal diese auch journalistische Vielfalt widerspiegeln.“ Ein Blick auf das ZDF, das mit „Frontal 21“ eine hoch respektable Sendung mache, lehre: „Die Reduzierung auf eine Marke ist kein Garant für größeren Erfolg.“

Tages-Politik steht zu wenig im Mittelpunkt

Wichtige Themen aus dem Tagesgeschäft der Politik stehen laut Studie zu wenig im Mittelpunkt. Bundeskanzlerin Angela Merkel sei nie Gegenstand der Analyse, allenfalls ein „Satire-Objekt“. Parteien und Parlament würden nur gestreift, bei der Analyse gesellschaftspolitischer Großtrends seien Defizite auszumachen. Es dominierten simple Verbraucherthemen.

„Was sind „echte“ Politthemen?“, fragt dagegen Baumann. Gäbler habe da sicher eine andere Definition. „Für uns jedenfalls ist nicht nur politisch, was gerade in Ausschüssen des Deutschen Bundestages behandelt wird. Auch O-Töne von Politikern machen einen TV-Beitrag nicht per se zum politischen Beitrag. Wir hingegen meinen, dass auch Verbraucherthemen politisch sein können. Wenn wir etwa über die Zulassungsbedingungen von neuen Medikamenten berichten, dann ist das zweifellos ein relevantes, viele Menschen betreffendes Thema, mit dem sich eventuell auch der Gesetzgeber zu befassen hat.“

Gäbler kritisierte bei der ARD neben der „ungenügenden Markenführung“ auch den mit 30 Minuten zu knappen Raum für eine „variable Gestaltung“. „Die ARD hat eine Güterabwägung vorgenommen“, erklärte Baumann. „Eine Sendelänge von 45 statt 30 Minuten für die Magazine wäre schön. Wir haben uns aber entschieden, die „Tagesthemen“ von 22.30 auf 22.15 Uhr vorzuziehen. Gerade weil uns aktuelle politische Information besonders wichtig ist. Angesichts der Tatsache, dass das Erste in aller Regel pro Woche mit zwei politischen Magazinen und dem Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ aufwartet, halten wir die Sendelänge von 30 Minuten für gut vertretbar.“

Was der ARD laut Gäbler auch fehlt: die Online-Präsenz ihrer Magazine, die Bearbeitung für einen Youtube-Kanal, Hinweise auf Facebook oder Twitter-Tweets seien vernachlässigte Themen. Politikmagazine, so Gäbler, sollten nicht vom Mythos ihrer Vergangenheit“ leben. Sie müssten wieder „informativ, investigativ, meinungsbildend, hintergründig, tiefschürfend“ werden.

Das sind die Giganten der Medienwelt
Fernsehsender, Zeitungen, Kinostudios: Medien sind ein Milliardengeschäft – im Bild eine Szene aus dem aktuellen Film „Spider-Man“. Auf Basis der Erlöse des Jahres 2013 hat Lutz Hachmeister, Direktor des Berliner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik, ein Ranking der 50 größten Medienunternehmen der Welt erstellt. Wir zeigen die Top 10. Quelle: AP
Platz 10: Cox EnterprisesMit fast 12 Milliarden Euro Umsatz zählt Cox Enterprises zu den zehn größten Unternehmen der Branche. Das Hauptquartier liegt in Atlanta (Georgia). Der Konzern gehört fast vollständig der Familie Cox beziehungsweise Kennedy und beherbergt unter anderem 17 Tages- und 25 Wochenzeitungen sowie 15 regionale Fernsehsender. Quelle: Handelsblatt Online
Platz 9: BertelsmannBertelsmann ist der größte deutsche Medienkonzern, auch dank der RTL-Gruppe mit ihren Fernsehsendern. Weltweit rangiert der Konzern auf Rang 9, mit einem Umsatz von 16,4 Milliarden Euro. Vorstandschef Thomas Rabe will die Erlöse bis 2016, spätestens aber bis 2017 auf 20 Milliarden Euro steigern. Quelle: dpa
Platz 8: Sony Entertainment Der japanische Elektronikkonzern befindet sich weiterhin in der Krise. Der Umsatz stieg zwar zuletzt um 14,3 Prozent auf 7,77 Billionen Yen (54,8 Mrd. Euro am Stichtag 31. März), das Plus resultierte aber größtenteils aus Währungseffekten: Bei konstanten Kursen wäre der Erlös um zwei Prozent gesunken. Der operative Gewinn sank um fast 90 Prozent auf 26,5 Milliarden Yen (187 Millionen Euro), unterm Strich steht ein Verlust von 128,4 Milliarden Yen (903 Millionen Euro) – der sechste in sieben Jahren. Quelle: AP
Platz 8: Sony Entertainment Der japanische Elektronikkonzern Sony ist in vielen Sparten aktiv: Er hat ein Filmstudio, baut Fernseher und Audiogeräte, hat aber auch die Spielkonsole Playstation im Angebot – im Bild eine Brille, die Spiele in einer virtuellen Realität ermöglicht. Allerdings tut sich das Traditionsunternehmen schwer. Der Umsatz stieg zwar zuletzt um 14,3 Prozent auf 7,77 Billionen Yen (54,8 Mrd. Euro am Stichtag 31. März), das Plus resultierte aber größtenteils aus Währungseffekten, bei konstanten Kursen wäre der Erlös um zwei Prozent gesunken. Der operative Gewinn sank um fast 90 Prozent auf 26,5 Milliarden Yen (187 Millionen Euro), unterm Strich steht ein Verlust von 128,4 Milliarden Yen (903 Millionen Euro) – der sechste in sieben Jahren. Quelle: AP
Platz 7: Viacom CBSDer US-Medienkonzern Viacom CBS, Mutter der Fernsehsender MTV, Nickelodeon und des Hollywood-Filmstudios Paramount, verbuchte im vergangenen Jahr einen Umsatz 21,894 Milliarden Euro – Rang sieben. Der Hauptsitz ist der Broadway in New York City. Quelle: AP
Platz 6: Time WarnerUnter dem Dach von Time Warner sind diverse Medienunternehmen versammelt – etwa der Bezahlsender HBO, der derzeit mit der Serie „Game of Thrones“ für Furore sorgt. Auch das Verlagshaus Time Inc., die Filmproduktionen New Line Cinema und Warner Bros. Entertainment sowie die TV-Kette Turner zählen zum früheren Branchenprimus. 2009 gliederte das Unternehmen den Kabelnetzbetreiber Time Warner Cable Inc. aus und zog zudem einen Schlussstrich unter die erfolglose Fusion mit AOL. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr umgerechnet 22,4 Milliarden Euro. Quelle: AP

Dem ZDF und seinem einzigen Politikmagazin „Frontal 21“ fehle es an redaktioneller Stärke, um ein kontinuierlich hohes Niveau zu halten, urteilt Gäbler weiter. „Spiegel TV“ auf RTL habe sich zu einem „bunten Gesellschaftsmagazin“ entwickelt. Gäbler, der früher unter anderem Geschäftsführer des Grimme-Instituts war, hatte die Studie im Auftrag der Otto Brenner Stiftung in Frankfurt angefertigt.

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