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Aufsichtsratssitzung Unwürdiges Staatstheater um die Deutsche Bahn

Deutsche Bahn: Im Führungsstreit um Finanzvorstand Alexander Doll tritt der Aufsichtsrat zu einer Sondersitzung zusammen. Quelle: imago images

Der Chef der Deutschen Bahn bekommt die operativen Probleme nicht in den Griff. Der Finanzvorstand, der als Hoffnungsträger kam, wird zum Jahresende aussortiert. Ausgerechnet jetzt, wo die Bahn zeigen sollte, was in ihr steckt.

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Anfang November schien die Welt bei der Deutschen Bahn noch in Ordnung. Dabei hätte man hellhörig werden können. Die Anfrage des FDP-Politikers Christian Jung am 4. November stieß damals jedoch kaum auf Interesse. Der Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Karlsruhe-Land in Baden-Württemberg wollte wissen, warum der Verkaufsprozess von Arriva nicht vorankomme und welche Rolle dabei „fehlende Unternehmensdaten im Verkaufsprospekt“ spielten.

Die Antwort des Bundesverkehrsministeriums (BMVI) darauf verhallte ebenfalls im politischen Nirvana. Laut Ministerium seien „für den Verkauf der Arriva PLC alle notwendigen Unterlagen und Dokumente den Bietern sowie den Genehmigungsstellen fristgerecht übermittelt“ worden. Grund für die Verzögerung seien das schwierige Marktumfeld und der Brexit. Antwortgeber war Enak Ferlemann – die rechte Hand von Verkehrsminister Andreas Scheuer und Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn.

Doch nun könnten die scheinbar belanglose Frage und die zugehörige Antwort den Bundesverkehrsminister gehörig unter Druck setzen. Hintergrund ist das Gebaren um die Ablösung des Noch-Finanzvorstands Alexander Doll. Seit vergangenem Donnerstag ist klar: Der Manager wird die Deutsche Bahn verlassen. Der Aufsichtsrat hat die Trennung am Montag gebilligt. Doll verlasse den Konzern zum 31. Dezember, teilte Aufsichtsratschef Michael Odenwald mit.

Odenwald nannte freilich keine Gründe, weshalb Doll nach nur eineinhalb Jahren bei der Bahn geht. Der Manager selbst sprach in der Konzernmitteilung von unterschiedlichen Auffassungen zur weiteren strategischen Entwicklung und Führung.

Warum Scheuer Doll wirklich loswerden wollte, darüber gibt es mehrere Versionen. Die eine: Doll sei dem amtierenden Bahnchef Richard Lutz und Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla zu unbequem gewesen, habe auf Veränderung im Konzern bedrängt und sich zu stark eingemischt. Sprich: Doll wurde dem Alpha-Duo im Vorstand gefährlich.

Die andere: Doll habe dem Vorstand über den schleppenden Verkaufsprozess zu spät und teilweise unvollständig informiert, insbesondere Pensionsverpflichtungen von Arriva in Höhe von mehr als 400 Millionen Euro. Er sei deshalb als Finanzchef nicht mehr tragbar. Doch daran weckt die Antwort des BMVI auf „Frage Nr. 298“ eben Zweifel. Wenn Anfang November klar war, dass alle erforderlichen Unterlagen bei Bahn und Ministerium angekommen seien seien, dann kann Doll kaum ein Vorwurf gemacht werden.

Laut Freidemokrat Jung sei dies zumindest „merkwürdig“. Immerhin habe es schon im Oktober dieses Jahres „Hinweise gegeben, dass im Verkaufsprospekt der Deutschen Bahn zum Beispiel die Arriva-Pensionsverpflichtungen nicht vollständig abgebildet wurden“. Dies sei lange Zeit Bahn-Chef Lutz angelastet worden, der 2010 als Finanzvorstand der Bahn Arriva gekauft hatte. Warum also stand Doll plötzlich in der Schusslinie?

Die Deutsche Bahn ist mal wieder mit sich selbst beschäftigt. Was sich derzeit am Potsdamer Platz in Berlin abspielt, gleicht einem unwürdigen Staatstheater. In den Hauptrollen: Ein Verkehrsminister, der die Querelen im Vorstand scheinbar als Vorwand nimmt, um vom eigenen Versagen abzulenken. Ein Bahnchef, der die operativen Probleme weiterhin nicht in den Griff bekommt. Ein Finanzvorstand, der als Hoffnungsträger kam und nun aussortiert wird. Und ein Aufsichtsrat, der mal wieder die Kontrolle über den Konzern zu verlieren scheint. Ausgerechnet jetzt, wo die Bahn zeigen sollte, was in ihr steckt.

Tatsächlich steckt der Konzern tief in der Krise. Die Pünktlichkeitswerte werden kaum besser, der Nahverkehr verliert Marktanteile, die Güterbahn hat sich festgefahren. Der Staat hat die Bahn dennoch als ökologischen Heilsbringer und Retter der Klimaziele entdeckt. Der Bund pumpt bis 2030 rund 150 Milliarden Euro in das Schienensystem: Es gibt Geld für Gleise und Weichen genauso wie für die alle anderen Sparten: Eigenkapital in Höhe von einer Milliarde Euro pro Jahr für den Konzern, Mehrwertsteuerprivilegien für den Fernverkehr und Subventionen für die Güterbahn.

Statt selbstbewusst in die Zukunft zu schreiten, streitet der Vorstand nun offenbar um die Deutungshoheit im Führungsgremium. Lutz und Pofalla sind die Autoren der neuen Dachstrategie „Starke Schiene“, in der auf 181 Seiten die rosige Zukunft der Bahn beschrieben wird. Das Papier soll die Blaupause für die Offensive auf der Schiene sein. Die Bahn werde „robuster“, „moderner“ und „schlagkräftiger“, heißt es darin. Dafür brauche man auch die Politik. Die Bundesregierung hat deshalb den Konzern, der zu 100 Prozent dem Steuerzahler gehört, mit Milliarden-Versprechen bedacht.

Über das Ziel waren sich auch alle im Vorstand einige. Doch einigen ging der Fortschritt offenbar nicht schnell genug. Vor allem Doll soll darauf gedrängt haben, endlich auch mal Dinge umzusetzen. Möglicherweise wurde er den beiden Kontrahenten Lutz und Pofalla daher zu ungemütlich.

Die drängten allerdings ebenso auf Fortschritte bei der Güterbahn, die Doll neben dem Finanzressort mitverantwortete. Vor wenigen Wochen machte Lutz dem Finanzvorstand dann ein Angebot: Doll solle sich ausschließlich um den Güterverkehr kümmern. Auf diesem Wege wollten Lutz und Pofalla offenbar Sigrid Nikutta als neuen Güterverkehrsvorstand verhindern. Doll lehnte ab. Die Chefin des Berliner Nahverkehrs kommt trotzdem und soll ab Januar 2020 den Cargo-Bereich sanieren.

Dass Doll der Bitte von Lutz nicht nachgekommen sei und Finanzchef bleiben wollte, soll der Auslöser gewesen sein, Doll aus dem Vorstand zu bugsieren. Scheuer sah möglicherweise die Chance gekommen, von eigenen Problemen wie dem Maut-Desaster abzulenken. Dolls Problem: Der Arriva-Verkauf brachte nicht so viel ein, wie er und alle anderen gehofft hatten. Die Bahn wollte rund vier Milliarden Euro erlösen. Am Schluss blieb nur die Private-Equity-Firma Carlyle übrig, die weniger als 2,5 Milliarden Euro geboten hatte. Doll, der andere Vorstände unter Druck setzte, konnte selbst nicht liefern.

Tatsächlich scheint die britische Nahverkehrstochter operativ deutlich schlechter dazustehen als bislang angenommen. Sorgenkind ist die Arriva Northern Rail, dem Betreiber der Regionalzüge in Nordengland. Die WirtschaftsWoche hatte schon früh auf die Missstände der Arriva-Tochter hingewiesen.

Aber wie soll es nun weitergehen? Lutz wird voraussichtlich das Finanzressort vorübergehend weiterführen, bis ein neuer CFO gefunden ist. Im Gespräch war zuletzt KfW-Vorstandsfrau Ingrid Hengster. Doch damit sind die operativen Probleme nicht gelöst.

Nicht gut weg kommt derzeit auch der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn. Michael Odenwald, der das Kontrollgremium leitet, war früher Staatssekretär im BMVI. Bis kurz vor den entscheidenden Sitzungen schien bei ihm die Personalie Doll als Streitthema gar nicht angekommen zu sein. Dass er nun plötzlich ein Befürworter des Abgangs von Doll ist, wirft Fragen auf, ob er den Aufsichtsrat noch unter Kontrolle hat.

Vor allem Arbeitnehmervertreter äußerten im Hintergrund zuletzt den Verdacht, Doll sei nicht das Problem. Die Vertreter der Eisenbahngewerkschaften hatten sich lange geweigert, ihn für die Probleme verantwortlich zu machen. Daher werden am Montag viele Beobachter darauf achten, wie sie sich auf der Aufsichtsratssitzung verhalten werden. Einziger Tagesordnungspunkt: der Aufhebungsvertrag von Finanzvorstand Doll.



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