Autovermieter in der Bredouille Europcar-Chef: „Uns fehlen mehr als 80.000 Mietautos“

Keine Autos im Angebot? Das Risiko besteht. Der Chef des Mietwagen-Anbieters Europcar etwa spricht davon, dass dem Unternehmen mehr als 80.000 Mietautos fehlen Quelle: imago images

Die deutschen Autovermieter spielen eine zentrale Rolle bei der Mobilitätswende, findet Europcar-Deutschland-Chef Wolfgang Neumann, der Vizepräsident des Verbands der Internationalen Autovermieter (VIA) ist. Im Interview spricht er über ehrgeizige Elektro-Ziele seiner Branche – und seine Forderungen an die Politik.

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WirtschaftsWoche: Herr Neumann, ich habe mal nach Mietautos am Hamburger Flughafen für die kommende Woche geschaut. Europcar hat 42 Fahrzeuge angeboten – davon drei Elektroautos. Was sagt das über die Mobilitätswende bei den deutschen Autovermietern aus?
Wolfgang Neumann: Es sagt mehr über das knappe Angebot von Elektrofahrzeugen aus. Wir hängen an den Produktionskapazitäten der Autohersteller. Gerade die Herstellung rein elektrischer Fahrzeuge hat in den vergangenen Monaten erheblich unter der Chipkrise und der schlechten Lieferbarkeit von Kabelbäumen gelitten. Der Krieg in der Ukraine setzt die globalen Lieferketten zusätzlich unter Druck.

Wie hoch ist der Anteil der Elektroautos in den Flotten der Vermieter?
Für den Verband der internationalen Autovermieter ist die Elektrifizierung der Flotten ein Fokusthema. Ich schätze, ausgehend von der Europcar MobilityGroup, dass der Anteil von Elektro- und Hybridfahrzeugen bei rund 15 Prozent liegt. Bei den reinen Elektroautos ist es noch ein einstelliger Prozentsatz.

Nicht gerade viel.
Das stimmt, wir hätten ja gerne mehr, bekommen aber im Moment keine. Rein elektrische Fahrzeuge gehen im Moment vor allem in den Privatkundenbereich. Um die Mobilitäts- und Antriebswende ernsthaft voranzutreiben, sollten Shared-Mobility-Anbieter wie Autovermieter als Kundengruppen bevorzugt werden.

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Welche Ziele haben Sie sich für den Ausbau der Elektro-Flotten gesetzt?
Wir möchten den Anteil, den Elektroautos bei den Herstellern haben, abbilden und gerne auch darüber hinausgehen. Bis 2030 werden die meisten Hersteller wohl keine Verbrenner mehr bauen. Damit ist klar, wo wir hinmöchten.

Wolfgang Neumann, Deutschland-Chef des französischen Autovermieters Europcar. Quelle: PR

Wie wichtig ist die staatliche Förderung der Elektroautos für Ihre Branche?
Auch wir profitieren im Einkauf von der staatlichen Förderung. Aus Sicht unseres Verbands ist dies das richtige Instrument, um bei der Elektrifizierung voranzukommen. Als Teil des Klimaschutzsofortprogramms will die Bundesregierung weiter gezielt die Flottenelektrifizierung in den Blick nehmen. Staatliche Vorgaben würden nur unflexibler machen und das Angebot verteuern.

Warum glauben Sie, dass gerade die Autovermieter eine zentrale Rolle bei der Mobilitätswende haben?
Autovermietung ist eine attraktive Zukunftsbranche. Sie nimmt zehn Prozent der jährlichen Pkw-Neuzulassungen ab. Dann halten wir unsere Fahrzeuge im Durchschnitt sechs bis zwölf Monate und produzieren so junge Gebrauchte. Diese jungen Gebrauchten, die dann in den Markt gehen, sind vom Verbrauch und Schadstoffausstoß ökologisch effizienter als deutsche Durchschnittsautos, die sie dann ersetzen. Wenn die Vermietung – ob nun für fünf Minuten oder drei Monate – eine Alternative zum Kauf eines neuen Fahrzeugs bietet, leisten wir unseren Beitrag. Und: Autovermietung ist ein Schaufenster für Elektromobilität. Wenn Kunden ein Elektroauto bei uns mieten, dann haben sie nach einer Probefahrt nicht direkt ein Verkaufsgespräch. Die Eintrittsschwelle ist damit geringer.

Und was investieren Sie als Branche selbst?
Wir investieren in Lade-Infrastruktur. Da sind wir allerdings auf Hilfe der Politik angewiesen. Eine Herausforderung wird sein, an den Verkehrsknotenpunkten – Flughäfen, Bahnhöfen – eine bedarfsgerechte Lade-Infrastruktur zur exklusiven Nutzung der Vermieter aufzubauen. Dort tausende Autos in einer großen Auslastung zu fahren und den Ladeprozess kurz zu halten, ist eine große Herausforderung. Der Ladevorgang darf nicht zehn Stunden dauern, sondern nur eine halbe. Wenn man heute zehn Ladepunkte nebeneinander hat, dann geht die Leistung des Ladens runter, wenn zehn Autos gleichzeitig geladen werden. Das muss sich in Zukunft ändern. Die Ladesäulen müssen darüber hinaus einheitlich funktionieren – jeder Stecker muss in jede Ladesäule passen. Auch die Abrechnung muss einheitlich und intuitiv laufen, insbesondere für unsere internationalen Kunden

Auch die Vermietung als solches wird knifflig sein: Heute tanke ich mein Mietauto vor der Abgabe schnell auf. Wenn ich ein Elektroauto erst Stunden aufladen muss, riskiere ich bei einem knappen Terminplan meine Tagesmiete zu überziehen.
Das sind die Herausforderungen, denen wir uns jetzt stellen. Es wird weiter die Szenarien geben, dass ein Kunde das Auto aufgeladen oder mit leerer Batterie abgibt. Das Ganze wird aber einfacher werden, wenn wir Fahrzeugdaten auslesen können und wissen, in welchem Zustand das Auto ist. So können wir auch die Ladung effizient mit einplanen.

Kommen Sie denn an die Daten ran?
Die Daten sind vorhanden. Der Zugang ist eine Herausforderung, wir Autovermieter sind hier auf individuelle Vereinbarungen mit den Herstellern angewiesen. Teilweise setzen wir auch auf eigene Telematiklösungen. Die höchste Datenqualität erhalten wir jedoch nur mit einem gesetzlich geregelten und diskriminierungsfreien Echtzeit-Zugriff.

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Sprechen wir zum Schluss nochmal über die Gegenwart: Die Preise für Mietautos sind extrem hoch. Ich habe für eine Tagesmiete vor Kurzem mehr als 220 Euro bezahlt – ohne Sprit. Werden die Preise in absehbarer Zeit sinken?
Die Autovermieter mussten ihre Flotten nach dem Ausbruch von Corona herunterfahren – und bekamen mit anwachsender Nachfrage weniger Autos wegen der Lieferschwierigkeiten der Hersteller. Aus dieser Entwicklung sind wir noch nicht heraus. Wenn wir heute ein Elektrofahrzeug bestellen, beträgt die Lieferzeit ungefähr ein Jahr. Wenn man von unserem Anteil bei den Neuzulassungen ausgeht, dann fehlen uns mehr als 80.000 Mietautos pro Jahr. Das Angebot ist niedriger als die Nachfrage – deshalb steigt der Preis. Experten zufolge kann das noch bis ins Jahr 2023 hinein dauern. Im zweiten Halbjahr soll sich die Lage aber entspannen.

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