Bahn-Liberalisierung Deutsche Blockadehaltung schadet dem Schienenverkehr

Hat Bahn-Chef Rüdiger Grube mit Rücktritt gedroht wie es Spiegel Online behauptet? Die Deutsche Bahn ließ per Pressemitteilung dementieren. So oder so scheint die Liberalisierung der Eisenbahnmärkte in Europa in weite Ferne gerückt.

Für die Deutsche Bahn geht es um viel. EU-Kommissar Kallas will die Trennung von Schienennetz und Transportgesellschaften ab 2019 erzwingen. Quelle: dapd

Offenbar auf Druck der Bundesregierung will EU-Kommissar Siim Kallas seine geplante Bahn-Reform nicht mehr im Januar präsentieren. Es ist die zweite Verschiebung innerhalb von wenigen Monaten – eigentlich sollte schon im Dezember das Konzept vorliegen.

Diese Ziele hat die Deutsche Bahn verfehlt
Ziel nicht erreicht: Pünktlichkeit95 Prozent aller Personenzüge waren laut Bahn-Statistik in diesem Jahr maximal sechs Minuten verspätet. Das ist besser als im Vorjahr, dank des Regionalverkehrs. Doch die Fernzüge waren wie 2011 nur zu 80 Prozent pünktlich, mit der Tendenz zu mehr Verspätung. Von Juli bis Oktober sank die Pünktlichkeit teilweise unter 75 Prozent, Zugausfälle nicht eingerechnet. Als Begründung nennt die Bahn unter anderem „Baugeschehen“. Quelle: dpa
Ziel nicht erreicht: AchsenSeit Sommer 2008 muss die Deutsche Bahn ihre Radsatzwellen etwa zehn Mal häufiger auf Risse kontrollieren als bislang. Für einen ICE 3 bedeutet das einen mehrstündigen Werkstattaufenthalt nach 30.000 statt 300.000 Kilometern. Dadurch sind ständig fünf Prozent der ICE-Flotte weniger unterwegs. Der Einbau neuer Achsen beginnt frühestens 2013. Entspannung ist allenfalls für 2014 zu erwarten. Quelle: dapd
Ziel nicht erreicht: FlotteWeil Hersteller nicht wie bestellt liefern, fehlen der Deutschen Bahn weitere Züge. Siemens wollte bis Ende 2011 neue ICE-Züge bauen, die nach Frankreich und Belgien fahren können – Fehlanzeige. Zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember wollte Siemens acht der bestellten 16 Züge liefern und einen ICE später gratis – die Flitzer erhielten wegen Softwarefehlern keine Zulassung, ein Termin ist offen. Anders ist die Situation bei den ICEVorgängern, den Intercity-Zügen. Einige haben 40 Jahre auf dem Buckel – und wirken entsprechend schäbig. Zwar modernisiert die Deutsche Bahn nun 800 Wagen. Doch weil es keine Ersatzzüge gibt, muss sie ständig rund 150 Wagen aus dem laufenden Betrieb nehmen, die dann dort fehlen. Das verschärft den Mangel an Fahrzeugen weiter. Die aufgemöbelten Waggons ähneln den ICE – Velours in der zweiten, Leder in der ersten Klasse. Bis 2014 soll die 200-Millionen- Euro-Modernisierung laufen. Erste renovierte Züge fahren allerdings zwischen Köln und Hamburg, wo die Bahn neuerdings gegen private Konkurrenz antritt – ein Schelm, der Böses dabei denkt. Quelle: obs
Ziel nicht erreicht: Fernziel London2012 wollte die Deutsche Bahn die britische Hauptstadt anfahren. Daraus wird auf absehbare Zeit nichts, denn der Bahn fehlen geeignete Züge. Selbst die 17 neuen ICE-Züge von Siemens, deren Einsatz sich nun weiter verzögert, fahren maximal bis zum Tunnel unter dem Ärmelkanal. Eine Zulassung für England ist nicht absehbar. Quelle: REUTERS
Ziel teilweise erreicht: Komfort2010 kamen Reisende wegen Überhitzung ins Krankenhaus. Seitdem modernisiert die Bahn die Klimaanlagen ihrer 44 ICE der zweiten Generation. 32 sind fertig und trotzten den Temperaturen an dem heißen Wochenende im September. Im Juli 2013 sollen alle 44 ICE 2 so weit sein. Die Intercity- Züge dagegen bleiben anfällig. Ihre Klimaanlagen laufen weiterhin immer wieder heiß, bei 40 Grad an einem Sonntag im August fielen rund fünf Prozent aus. Besserung ist nur langsam in Sicht. Neue Verdichter, Verflüssigungsaggregate und gereinigte Klimakanäle sollen bis Ende 2014 Abhilfe schaffen. Auch die Bordrestaurants haben Probleme: Im Sommer fielen reihenweise Kühlschränke aus, weil der Temperaturfühler streikte. Die Ursachen sind nur teilweise behoben. Unzuverlässig arbeiten auch die Geräte, die das Essen erhitzen. Sie laufen ab und zu über und setzen ganze Restaurants unter Wasser. Ebenso geben Spülmaschinen in aller Regelmäßigkeit den Geist auf. Die Folge: Benutztes Geschirr wird an Bahnhöfen gegen sauberes ausgetauscht. Die Bahn hat inzwischen den Hersteller gewechselt. Immerhin werden mittlerweile auch Vegetarier satt. Flexibler und kundenfreundlicher sollen die neuen ICx-Züge werden, die ab 2016 einen Teil der Fernverkehrsflotte ablösen. Experten der Nahverkehrsberatung Südwest haben aber gleichzeitig auch weniger Platz für die Reisenden errechnet. Rund 2,5 Sitze pro Quadratmeter quetscht die Bahn in den neuen ICx. Bei den aktuellen ICE-Zügen sind es weniger als zwei. Der neue ICE bekommt beim Komfort von den Consultern daher nur die Note ausreichend. Gut schnitten die ersten ICE-Generationen ab. Quelle: dapd
Ziel nicht erreicht: Internet im ZugErst ein Drittel der Hochgeschwindigkeitsstrecken und ein Drittel der ICE-Flotte sind so ausgerüstet, dass Internet-Empfang über einen Hot-Spot möglich ist. Auch der bloße Mobilfunkempfang ist oft mangelhaft. Erst 2014 sollen alle ICE-Züge mit WLAN ausgerüstet sein. Nahverkehrszüge und die modernisierten Intercitys bleiben empfangsfrei. Der Thalys, ein Gemeinschaftszug der belgischen, niederländischen und französischen Bahn, bietet zwischen Köln und Brüssel WLAN an – die Deutsche Bahn nicht. Quelle: REUTERS
Ziel erreicht: SympathieBahn-Chef Grube sorgte bei den Beschäftigten für bessere Stimmung. Unter den beliebtesten Arbeitgebern Deutschlands stieg die Bahn bei Wirtschaftswissenschaftler von Rang 57 auf Rang 37 und bei Ingenieuren von Rang 21 auf Rang 19. Bis 2020 soll die Bahn nach Grubes Willen zu den Top Ten gehören. Kunden loben, wie die Bahn über Facebook und Twitter mit den Fahrgästen kommuniziert. Quelle: dapd

Für die Deutsche Bahn geht es um viel. Kallas will die Trennung von Schienennetz und Transportgesellschaften ab 2019 erzwingen. Die Deutsche Bahn würde dadurch die Möglichkeit verlieren, Gewinne aus dem Schienennetz dafür zu nutzen, um die eigene Wettbewerbsposition im Fern-, Nah- und Güterverkehr gegenüber Konkurrenten zu stärken. Auch Frankreich hält daran fest, dass der integrierte Konzern die beste Organisationsform ist. Es ist also nicht verwunderlich, dass Deutsche und Franzosen gegen die Kallas-Pläne lobbyieren.

Möglicherweise soll über das 4. Eisenbahnpaket nun im Februar beraten werden. Danach könnte es im Europäischen Parlament eingebracht werden. Die Zeit drängt. 2014 beginnt für viele EU-Parlamentarier der Wahlkampf um den Einzug ins Straßburger Parlament. Sollte ein Gesetz nicht bis Sommer dieses Jahres auf den Weg gebracht werden, könnte die weitere Öffnung der Bahnmärkte auf die nächste Legislaturperiode verschoben werden.

Die Bahn in Zahlen

So sehr die Position der Deutschen Bahn für sich genommen nachvollziehbar ist, so sehr schadet sie sich damit auch selbst. Denn neben Kallas' Plan, die Eisenbahnkonzerne in Europa zu trennen, stehen auch weitere Veränderungen an. So besteht das 4. Eisenbahnpaket aus insgesamt sechs Gesetzen. Unter anderem soll es darum gehen, die technischen Zulassungsverfahren für Lokomotiven und Waggons zu vereinfachen und die Personenverkehrsmärkte weiter zu öffnen. Darauf hatte die Deutsche Bahn immer gedrängt.

Für die Wachstumsstrategie des Konzerns sind solche Verbesserungen daher ungemein wichtig. So kommt es beispielsweise immer noch vor, dass die Zulassung von Güterwagen sich wegen unterschiedlicher DIN-Normen von Bolzen in einigen Mitgliedsstaaten verzögert. Teilweise sollen auch absurd anmutende Probleme wie eingeschränkte Tankmöglichkeiten für Dieselfahrzeuge auf der Schiene in Belgien den Wettbewerb behindern.

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Außerdem gibt es Unstimmigkeiten bei der Öffnung von Nahverkehrsmärkten und Trassenpreisen. All das will Kallas, der als Befürworter eines liberalisierten Eisenbahnmarktes in Europa gilt, ebenfalls verbessern. Das "Nein" aus Deutschland beziehungsweise "Non" aus Frankreich zur geplanten Novellierung führt damit auch dazu, dass die Schiene gegenüber anderen Verkehrsträgern wie Flugzeugen und Lkw im Nachteil bleibt.

Die Nebenwirkungen der Blockadehaltung für die Deutsche Bahn könnten daher unangenehmer sein als sie es derzeit erahnt.

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