WiWo App Jetzt gratis testen!
Anzeigen

Bahn-Streik Die Mitarbeiter sind die Leidtragenden

Die Lokomotivführer drohen mit dem größten Streik ihrer Geschichte. Die Auseinandersetzung ist derartig zerfranst, dass kaum einer noch durchblickt – am wenigsten die, um die es eigentlich geht. Bei den Beschäftigten herrscht Frust.

Schriftzüge von Deutscher Bahn und GDL Quelle: dpa

Vier Tage also. So lange könnte der kommende Ausstand der Lokomotivführer dauern. Vier Tage Frust bei Pendlern, Logistikchefs und ICE-Reisenden. Keine Frage: So ein Streik nervt gewaltig. Eine Entscheidung will die GDL bald treffen.

Doch nicht nur für die Kunden wäre so ein Bahn-Streik ein Ärgernis. Die Mitarbeiter haben schon längst aufgegeben, den Sinn hinter diesen Aktionen zu verstehen. Natürlich geht es den Lokomotivführern darum, dass sie in Zukunft auch für das gesamte Zugpersonal verhandeln dürfen. Und bei der Forderung nach mehr Geld sind die Beschäftigten natürlich dabei.

Das sind die Bahngewerkschaften GDL und EVG

Doch warum eine Annäherung, geschweige denn eine Einigung, zwischen Bahn, Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) so schwer fällt, versteht keiner mehr. Nicht einmal die Profis.

Bei der EVG-Führung klingt das so: Selbst Insider „verstehen das Ganze nicht mehr“, sagte jüngst Alexander Kirchner in einem Pressegespräch. Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber erklärte heute in einem Interview zu den Gründen der gescheiterten Gespräche der letzten Verhandlungsrunde: „Das kann ich nicht erklären, weil ich es nicht verstehe.“

Was bringt das Wirtschaftsjahr 2015?
MindestlohnVom 1. Januar an gilt in Deutschland ein allgemeiner, flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde, mit einer Übergangszeit bis 2017. Fest steht: manches wird teurer - Taxifahren zum Beispiel, oder der Gang zum Friseur. Quelle: dpa
TarifrundenWieviel Geld viele Arbeitnehmer im Portemonnaie haben, werden auch die Tarifverhandlungen 2015 zeigen. Allen voran für die rund 3,7 Millionen Beschäftigten der deutschen Metall- und Elektroindustrie. Die Gewerkschaft IG Metall fordert 5,5 Prozent mehr Geld, die Verhandlungen beginnen Mitte Januar. Bereits 2014 hatte es für Beschäftigte in vielen Branchen ein Plus auf dem Gehaltszettel gegeben. Quelle: dpa
EuroraumAm 1.1.2015 bekommt die Euro-Familie Nachwuchs: Litauen führt die Gemeinschaftswährung ein - der baltische Staat wird damit das 19. Euro-Mitgliedsland. In der Euro-Schuldenkrise hat es zuletzt wieder mehr Sorgen über Griechenland gegeben. Quelle: dpa
KonjunkturDie Risiken für die Wirtschaftsentwicklung bleiben bestehen. Vor allem der Konflikt mit Russland hänge wie ein „Damoklesschwert“ über der europäischen Wirtschaft, sagt EY-Experte Thomas Harms. DIW-Chef Marcel Fratzscher sieht sogar „enorme Risiken“ für die Konjunktur. Hauptgrund: die Euro-Schuldenkrise. Nachdem Wirtschaftsexperten ihre Wachstumsprognosen eingedampft hatten, verbreiteten sie zuletzt aber wieder mehr Optimismus. Das hängt vor allem mit dem fallenden Ölpreis zusammen. Das entlastet private Haushalte und kurbelt den Konsum an. Quelle: dpa
TTIPEs könnte ein Kürzel des Jahres werden: „TTIP“. Mit dem geplanten Handelsabkommen zwischen Europa und den USA sollen durch gemeinsame Standards und den Wegfall von Zöllen viele neue Jobs entstehen - so die Befürworter. Kritiker dagegen befürchten, europäische Standards könnten fallen und etwa Hormonfleisch nach Europa gelangen. Heftig umstritten ist auch der Investorenschutz: Schiedsgerichte, vor denen Konzerne Schadenersatz von Staaten einklagen könnten. Die Verhandlungen sollen bis Ende 2015 abgeschlossen werden. Quelle: dpa
EnergiepreiseEine gute Nachricht bekamen Millionen Kunden schon vor Weihnachten: nach Jahren steigender Stromrechnungen senken viele deutsche Stromversorger Anfang 2015 erstmals wieder die Preise. Vor dem Beginn der Heizperiode konnten sich die Verbraucher außerdem über stabile oder sinkende Preise für Gas und Heizöl freuen. Und das voraussichtlich weiterhin billige Öl freut die Verbraucher: Tanken und Heizen werden wohl auf absehbare Zeit günstig bleiben. Quelle: dpa
Schriftzug CarSharing Quelle: dpa

Worum geht es eigentlich?

Normalerweise streiken Mitarbeiter für mehr Geld, geringe Arbeitszeiten und auch mal um mehr Macht. Ihr gemeinsamer Feind ist der Arbeitgeber. Doch Bahn und Gewerkschaften haben sich in Grabenkämpfe verstrickt, die nicht einmal für die Eingeweihten nachvollziehbar sind.

Da wurde bis Ende Januar etwa Monate lang über eine Abschlagszahlung für 2014 gestritten, die ohnehin am Ende eines Tarifvertrages verrechnet wird. Die eigentlichen Themen wurden gar nicht behandelt. Zum Glück konnten sich Bahn und EVG bei dem Punkt dann doch irgendwie einigen.

"Ein ganzes Land in Geiselhaft"
Bundeskanzlerin Angela Merkel empfiehlt ein Schlichtungsverfahren zur Beendigung des Tarifkonflikts. "Es gibt auch die Möglichkeit der Schlichtung, wenn beide Partner zustimmen", sagte die Kanzlerin am Mittwoch in Berlin. Dies hatte die Deutsche Bahn zuvor angeboten. "Ich kann nur an das Verantwortungsbewusstsein appellieren, hier Lösungen zu finden, die für uns als Land einen möglichst geringen Schaden haben - bei aller Wahrung des Rechts auf Streik." Streiks seien eine Möglichkeit der tariflichen Auseinandersetzung, sie müssten aber verhältnismäßig sein, sagte Merkel weiter. Ob dies der Fall sei, darüber könne letztlich nur ein Gericht entscheiden. "Aber es gibt eine Gesamtverantwortung", mahnte Merkel. Gerade im Bereich der Daseinsvorsorge wie dem Verkehr, wo Millionen Bürgern betroffen seien und es um die Zukunft der Wirtschaft gehe, sei von allen Beteiligten ein hohes Maß an Verantwortung notwendig. Quelle: REUTERS
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat die Bahn dazu aufgerufen, notfalls vor Gericht zu ziehen. Der Streik sei unverhältnismäßig und überstrapaziere die Akzeptanz der Bevölkerung in Tarifauseinandersetzungen, sagte Dobrindt am Mittwoch. "Und deswegen muss man, wenn es jetzt nicht zu einer Schlichtung kommt, die Rechtsposition der Bahn wahrnehmen und muss alle Rechtsmittel nutzen." Wenn die Verhältnismäßigkeit nicht gegeben sei, könne dies auch vor Gericht geklärt werden, fügte der CSU-Politiker hinzu. In einem Tarifkonflikt müsse in besonderer Weise auf die Auswirkungen auf Dritte Rücksicht genommen werden. Dobrindt schloss nicht aus, dass die von der Bahn ins Spiel gebrachte Vermittlung durch zwei unabhängige Schlichter zustande kommen könne. Er halte dies für ein "seriöses Angebot", durch das es möglich sei, zu einem Ergebnis zu kommen. Er stehe in direkten Gesprächen mit dem Staatskonzern, fügte der Minister hinzu. Quelle: REUTERS
SPD-Chef Sigmar Gabriel hat die GDL ungewöhnlich scharf attackiert und einen Schlichter zur Beilegung des Konflikts gefordert. Er warf der GDL Missbrauch des Streikrechts vor. "Das Streikrecht wurde in den letzten 65 Jahren in Deutschland von den DGB-Gewerkschaften immer verantwortungsbewusst genutzt - und nur dann, wenn es um Arbeitnehmerinteressen ging", sagte er der "Bild"-Zeitung. "Die GDL hat sich von diesem Prinzip verabschiedet." Den Funktionären gehe es nicht um höhere Löhne oder bessere Arbeitsbedingungen, sondern um Eigeninteressen. "Ich appelliere an die Funktionäre der GDL, an den Verhandlungstisch zurückzukommen", sagte Gabriel. Nötig sei jetzt Verantwortungsbewusstsein auf allen Seiten und ein Schlichter oder Vermittler, um den drohenden volkswirtschaftlichen Schaden abzuwenden. Die SPD steht dem Gewerkschaftslager und vor allem dem DGB gewöhnlich sehr nahe. Quelle: dpa
"visitBerlin"-Geschäftsführer Burkhard Kieker sagte, er könne die Politik des GDL-Vorsitzenden Claus Weselsky nicht nachvollziehen. "Das scheint ein Profilneurotiker zu sein, der ein ganzes Land in Geiselhaft nimmt." Quelle: REUTERS
Die Deutsche Bahn hält den angekündigten erneuten Lokführerstreik für „reine Schikane“. „Dieser Streikaufruf macht nur noch sprachlos“, sagte Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber. Das Unternehmen plant wie bei den vorherigen Streiks einen Ersatzfahrplan. So soll etwa ein Drittel des sonst üblichen Zugverkehrs angeboten werden können. Quelle: dpa
"Was derzeit bei der Bahn passiert, ist Gift für den Standort Deutschland", sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Deutsche Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Achim Dercks. "Neben dem Ärgernis für Urlauber führen Streiks im Güterverkehr bereits nach wenigen Tagen zu Produktionsstörungen, weil Bahntransporte oft nicht kurzfristig auf Straßen oder Schiffe verlagert werden können." In Schlüsselbranchen wie der Automobilindustrie sei die Produktionskette komplett auf Just-in-time-Produktion ausgerichtet, bei der Zuliefer- und Produktionstermine genau aufeinander abgestimmt seien. "Warenlager helfen nur die ersten Tage, dann stockt die Fertigung", sagte Dercks. Quelle: dpa
Das Verständnis der Pendler hält sich in Grenzen. Quelle: Screenshot

Nicht nur um Inhalte, auch um Macht

Und jetzt die GDL. Ihr Chef labt sich in markigen Sprüchen. Im Kern geht es ihm nicht nur um Inhalte, sondern auch um Macht. Aktueller Streitpunkt: die Lokrangierführer, also jene Mitarbeiter, die Züge in den Rangierbahnhöfen aneinanderkoppeln und die Züge oft nur in Gehgeschwindigkeit fahren. Diese Berufsgruppe wird von der EVG tarifiert. GDL-Boss will sie zu sich holen. Im Kern nachvollziehbar: Warum ein Lokrangierführer anders entlohnt werden soll als ein Streckenlokomotivführer im ICE ist schwer nachvollziehbar. Wer einen Lkw auf einem Hof fahren kann, kann schließlich auch einen Lkw auf der Straße fahren – mit Führerschein natürlich.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Die Mitarbeiter leiden unter dem ganzen Zoff mit am meisten. Bei den letzten Aufsichtsratswahlen haben die Kandidaten der freien Listen punkten können. GDL und EVG wurden mehr oder weniger abgestraft. Ein Indiz für die „Unzufriedenheit der Mitarbeiter“, so ein Insider.

Ein Mitarbeiter der Deutsche Bahn meldete sich bei der WirtschaftsWoche vor kurzem zu Wort. „Was sich diese beiden Gewerkschaften leisten, auf wessen Rücken sie es sich leisten, ist ungeheuerlich. Die Betroffenen im Zug, auf dem Bahnsteig, im Reisezentrum haben für diese Ränkespiele immer weniger Verständnis“, schrieb er dort. Er betitelte die Mail mit „Tarifkomödie bei der Bahn“.

Man würde am liebsten lachen, wenn es nicht so ernst wäre.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%