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Bahn-Vorstand Martin Seiler „Zugausfälle wegen Personalmangels wird es nicht geben“

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„Wir sind sowohl digitaler Vorreiter als auch old school“

Und diesen Montagmorgen-Schock erleben Sie auch?
In den Büros weniger, auch bei den Kollegen im Kundenkontakt oder auf Bahnhöfen ist der digitale Wandel Normalität, aber es gibt auch noch Bereiche ohne. Der Konzern ist groß und es gibt unterschiedliche Geschwindigkeiten. Wir sind sowohl digitaler Vorreiter als auch old school. Die Bahn verändert sich, weil das Potenzial gewaltig ist. Die komplette digitale Steuerung des Schienennetzes würde bedeuten, dass die Kapazität auf der Schiene in Zukunft um bis zu 20 Prozent erhöht werden kann. Dafür muss investiert werden.

Und wann werden die Lokführer nicht mehr gebraucht, weil die Züge autonom fahren?
Ich sage jedem, der Lokführer werden will, kommt zu uns, macht bei uns die Ausbildung. Autonomes Fahren auf der Schiene geht nicht von heute auf morgen. Wir beschäftigen uns mit dem Thema, aber wir werden in absehbarer Zeit keine autonom fahrenden Züge sehen. Die Entwicklung schreitet allmählich voran.

Der oberste Lokführer-Gewerkschafter Claus Weselsky hat in der WirtschaftsWoche davor gewarnt, dass wegen des Personalmangels bei den Lokführern Zugausfälle unausweichlich sind. Hat er Recht?
Viele Kollegen gehen bald in Rente. Wir müssen die frei werdenden Stellen neu besetzen. Das ist nicht leicht. Aber wir kommen gut voran. Wir wollen in diesem Jahr über 1000 neue Lokführer einstellen. Bis Ende April haben wir bereits die Hälfte davon eingestellt. Zugausfälle wegen Personalmangels wird es nicht geben, weder im Personen- noch im Güterverkehr.

Machen Ihnen andere Unternehmensbereiche Sorgen, weil sie nicht genügend Personal bekommen?
Die Bahn stellt in diesem Jahr 19.000 neue Mitarbeiter ein. Außerdem investieren wir weiterhin viel Geld in den Nachwuchs, rund 4.000 Azubis und Dual Studierende starten im Herbst. Bei der Bahn gibt es alleine 50 verschiedene Ausbildungsberufe. Um die zukunftsfest zu machen, entwickeln wir gerade Inhalte weiter. In die Lehrpläne soll mehr IT, aber auch mehr Serviceorientierung.

Die Deutsche Post stellt junge Menschen in der Brief- und Paketzustellung oft nur befristet ein und macht die Entfristung der Verträge zum Beispiel davon abhängig, wie viele Tage die Beschäftigten krank waren. Ein Modell für die Bahn?
Bei der DB liegt der Anteil unbefristeter Verträge mit über 95 Prozent seit Jahren auf hohem Niveau. Eine Probezeit von sechs Monaten reicht aus, um herauszufinden, ob ein Bewerber zu uns passt und umgekehrt. Befristete Arbeitsverträge verändern das kulturelle Klima eines Arbeitgebers. Wir setzen auf langfristige Arbeitsbeziehungen. Bei der Deutschen Bahn gilt zudem eine unbefristete, lebenslange Beschäftigungssicherung.

Wie attraktiv ist die Deutsche Bahn denn auf dem Arbeitsmarkt als Arbeitgeber?
Sehr attraktiv. Das zeigen allein die rund 250.000 Bewerbungen, die wir jährlich bekommen. Ende April haben wir bereits die 10.000ste Einstellungszusage gemacht und sind damit sehr nah dran an dem Ziel von 19.000 neuen Mitarbeitern in diesem Jahr. Für eine erfolgreiche Personalgewinnung auf einem engen Arbeitsmarkt bauen wir laufend bürokratische Hürden ab und werben mit überraschenden Aktionen für den Arbeitgeber DB. Wir schaffen noch dieses Jahr, zunächst für Azubis, das Anschreiben ab. Es ist wenig aussagekräftig, da reichen uns künftig der Lebenslauf und das Vorstellungsgespräch. Wir rekrutieren inzwischen auch über andere Kanäle, probieren vieles aus. Lokführer suchen wir zum Beispiel direkt über Castings in Bahnhöfen. Außerdem müssen wir akzeptieren, dass sich das Niveau der Schulabgänger verändert hat.

Inwiefern?
Wir stellen fest, dass die Ausbildungsreife von Schulabgängern nicht immer unseren Erwartungen entspricht. Als DB bieten wir aber allen eine Chance, vom Abiturienten bis zum Hauptschüler. Wichtig sind uns da nicht die Noten oder die soziale Herkunft, sondern die Leidenschaft für die Eisenbahn. Zur Unterstützung während der Ausbildung bieten wir neu ab Herbst sozialpädagogische Begleitung an.

Was soll das bringen?
Die Sozialpädagogen helfen den jungen Menschen als Anlaufstelle und Beratung für private und berufliche Probleme. Wir haben das zunächst in vier Pilotprojekten getestet und festgestellt, dass viele Auszubildende das Angebot sehr gerne annehmen. Motivation und Leistung steigen, leistungsschwache Azubis können individuell gefördert werden. Wir sind deshalb im Hochlauf und wollen in allen Ausbildungsbetrieben, die Bedarf anmelden, einen Sozialpädagogen zur Verfügung stellen.

Das heißt, dass die Schule bei der Ausbildung junger Menschen versagt?
So würde ich das nicht sagen. Aber so, wie sich die Gesellschaft verändert, verändern sich auch die jungen Menschen, die von der Schule kommen. Wir nehmen die Jugendlichen so, wie sie sind. Wir stehen dann als großer Ausbilder in der Verantwortung, sowohl für die fachliche Qualifizierung als auch die soziale Betreuung. Die Sozialpädagogen sind für uns jedenfalls eine gute Investition, damit die Auszubildenden ihre Lehre nicht abbrechen und wir die jungen Menschen dauerhaft an die Deutsche Bahn binden.

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