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Bahn-Vorstand Martin Seiler „Zugausfälle wegen Personalmangels wird es nicht geben“

Deutsche Bahn: Keine Zugausfälle wegen Personalmangels Quelle: Presse

Die Deutsche Bahn will digitaler und agiler werden. Warum Personalvorstand Martin Seiler auf 20 Prozent mehr Züge hofft, den Lokführern eine Jobgarantie gibt und den Montagmorgen-Schock fürchtet.

WirtschaftsWoche: Herr Seiler, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Deutschen Bahn, Jens Schwarz, hat gerade den „enormen Veränderungsdruck“ bei der Deutschen Bahn beklagt. Arbeit verändere sich „schneller als je zuvor“. Was passiert mit Leuten, die nicht mehr mitkommen?
Herr Martin Seiler: Die Deutsche Bahn befindet sich in einer großen Transformation. Digitalisierung und Demografie verändern jede Unternehmenssparte. Weil das Thema Wissenstransfer so wichtig ist, haben wir daher gerade eine Initiative gestartet, eine Art Generationsvertrag: Ältere und jüngere Kollegen arbeiten stärker in Tandems zusammen, erfahrene und digitale Kollegen sollen voneinander lernen. Wir bauen noch in diesem Jahr 500 solcher Tandems auf.

Das kann ja nur ein Anfang sein. Ohnehin helfen bei solchen Mentorenprogrammen eher die Älteren den Jüngeren. Bei der Digitalisierung ist es aber in der Regel umgekehrt. Muss sich die Deutsche Bahn nicht von analogen Mitarbeitern trennen, um den digitalen Experten Platz zu machen?
Wer digital unterwegs ist, entscheidet ja zunächst nicht das Alter. Aber natürlich stellt die Digitalisierung ältere Kollegen vor größere Herausforderungen. Deshalb haben wir mit dem Konzernbetriebsrat eine wichtige Vereinbarung unterzeichnet, sozusagen einen Digitalpakt. Es geht darum, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam den digitalen Wandeln anpacken. Dazu gehört auch digitale Teilhabe. Bis Ende 2019 bekommen zum Beispiel die 60.000 operativen Mitarbeiter, die dienstlich bislang digital nicht erreichbar sind, vom Arbeitgeber ein Smartphone oder Tablet gestellt. Davon profitieren alle: Kunden, Mitarbeiter und Unternehmen. Schneller und effizienter Informationsaustausch wird über alle Jobfamilien hinweg möglich.

Der Digitalpakt heißt im besten Bahn-Deutsch „Rahmen-Konzernbetriebsvereinbarung Gemeinsam Fortschritt und Zukunft gestalten“. Ist dieser Titel nicht Sinnbild dafür, wie schwer sich die Bahn tut, mit den brachialen Veränderungen der Digitalisierung umzugehen?
Der Titel ist sperrig, zugegeben. Aber der Inhalt ist mega-modern! Wir wollen die Mitarbeiter anschlussfähig halten und gehen die Digitalisierung gemeinsam mit den Interessenvertretern an. Wer Nachholbedarf bei digitalen Themen hat, wird gefördert, geschult und begleitet.

Hand aufs Herz: Wäre es nicht einfacher, die Bahn würde sich auch von einem Teil der Belegschaft trennen, die den digitalen Anforderungen nicht gewachsen ist?
Das ist nicht unsere Personalpolitik. Bei uns gibt es einen Anspruch auf Qualifizierung, wenn sich die Tätigkeit aufgrund des digitalen Wandels verändert. Wer bereit ist, sich den Herausforderungen zu stellen und sich weiter qualifiziert, wird unterm Strich profitieren. Wir haben mit den Arbeitnehmervertretern vereinbart, dass der Belegschaft Produktivitätsfortschritte durch die Digitalisierung zugutekommen. Wir nehmen Teilhabe ernst und wollen alle mitnehmen.

Wenn bis zu 60.000 Mitarbeiter ein Smartphone erhalten, heißt das im Umkehrschluss: Die sind bislang überhaupt nicht mobil im Internet unterwegs?
Sicherlich, es gibt noch viele Kollegen, die bislang keinen Zugang haben und dienstlich in einer analogen Welt leben, sich über das schwarze Brett in der Dienststelle informieren müssen. Das wird sich ändern. Ein Beispiel: Wir haben vor einiger Zeit eine Reisekosten-App gestartet, über die jeder Mitarbeiter sämtliche Quittungen mithilfe der Handykamera abrechnen kann. Das vereinfacht die Prozesse für alle und wird gut genutzt. Es ist doch so: Wer weniger Zeit für seine Reisekostenabrechnung braucht, hat mehr Zeit für seine eigentlichen Aufgaben. Ein weiteres Beispiel ist ein Pilotprojekt, in dem sich Mitarbeiter über eine App Feedback geben. Wir testen das gerade. In Zukunft könnten wir auch Mitarbeiterbefragungen, die heute alle zwei Jahre durchgeführt werden, schneller und bei Bedarf durchführen. Es gibt ganz viele Möglichkeiten, wie das Smartphone für alle die Prozesse bei der Bahn beschleunigen wird.

Die Deutsche Bahn hat eine App namens DB Navigator, die zu den am meisten heruntergeladenen Apps in Deutschland gehört. Auf der anderen Seite werden Lokführern Befehle der Leitzentrale mitunter noch per Papier in den Führerstand gereicht. Wo steht die Bahn beim Thema Digitalisierung?
Der DB Navigator zeigt, dass die Deutsche Bahn die Herausforderungen der digitalen Zeit verstanden und kluge Antworten gefunden hat. Aber klar ist auch, dass der Betrieb an vielen Stellen noch zu analog arbeitet. Zuhause ist fast jeder voll digital vernetzt: Nachrichten und E-Mails auf dem Smartphone, Musik und der Wetterbericht über die Sprachbox. Aber wenn man dann nach dem Wochenende wieder ins Büro kommt, erreicht so manche der Montagmorgen-Schock. Bei der Arbeit geht es zu oft noch analoger zu als bei jedem Einzelnen zu Hause.

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