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Bahnstreik und Hafenstau Die nächste Störung für die Lieferkette kommt aus... Deutschland oder China?!

Der Lokführer-Streik macht viele Unternehmen nervös. Ihre Lieferketten waren in den vergangenen Wochen und Monaten ohnehin nicht sonderlich stabil. Quelle: imago images

Seit Monaten klagen deutsche Unternehmen über Schifffahrtschaos und brüchige Lieferketten. Jetzt müssen sie auch noch den Bahnstreik verkraften. Und am anderen Ende der Welt droht bereits die nächste Eskalation.

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Coca-Cola hat schnell reagiert. Erst am Dienstag kündigte die Gewerkschaft der Deutschen Lockmotivführer an, dass wegen des Streiks deutschlandweit Personen- sowie Güterzüge ausfallen sollen. Bereits ab Donnerstag will Coca-Cola deshalb seine Transporte von der Schiene auf die Straße holen. „Wir planen, auf Lastwagen umzusteigen“, so ein Sprecher des Konzerns. Auch die Deutsche Post – die innerhalb von Deutschland Pakete auf langen Strecken per Schiene transportiert, um Emissionen einzusparen – stellt um. „Die betreffenden Sendungen werden in den kommenden Tagen auf die Straße verlagert“, sagt ein Sprecher. Auf die Kunden seien nur „geringe Auswirkungen“ zu erwarten. Bisher zumindest.

Der Streik der GDL läuft noch keine zwei Tage. Doch viele Unternehmen macht das bereits nervös. Ihre Lieferketten waren in den vergangenen Wochen und Monaten ohnehin nicht sonderlich stabil. Auf den Ozeanen rund um den Globus herrscht Chaos – und die Auswirkungen reichen bis weit auf das Festland. Weil sich weltweit Schiffe verspäten, sind die Häfen verstopft und die Lager der Unternehmen leer. Viele Branchen kämpfen mit Rohstoffengpässen. Bereits im Juni warnten deshalb große Deutsche Wirtschaftsverbände, die zunehmenden Störungen in der Schifffahrt bedrohten die Lieferketten und auch die Produktion.

Die Situation hat sich seitdem nicht gebessert. Gerade erst meldete der chinesische Hafen Ningbo-Zhousan einen Ausbruch des Coronavirus an einem seiner Containerterminals. Im schlimmsten Fall könnten die chinesischen Behörden den Betrieb im Hafen für Wochen bremsen, so wie sie es wenige Wochen zuvor bereits bei einem Ausbruch des Coronavirus im Hafen von Yantian anordneten. Mit einem Umschlag von 28,7 Millionen Standardcontainern war Ningbo-Zhoushan im vergangenen Jahr der drittgrößte Containerhafen weltweit. Rechnet man auch andere Ladungen wie Öl oder Kohle hinzu, gilt Ningbo-Zhoushan sogar als weltgrößter Hafen.

Laut der Nachrichtenagentur Reuters stauen sich in den Gewässern vor dem Hafen bereits 28 Schiffe. Bis die Auswirkungen in Europa spürbar sind, könnte es noch eine Weile dauern – die Schiffe brauchen vier Wochen und länger bis zu den nordeuropäischen Häfen. Doch sollte der Hafen länger stillstehen, wären die Auswirkungen auf die weltweiten Handelsketten wohl noch gravierender als die Blockade des Suezkanals im Frühjahr.

Das zeigt, wieso der Streik der Lokführer für die Wirtschaft zu einem mehr als ungünstigen Zeitpunkt kommt. Die Schiene ist eine beliebte Alternative für den Seeweg, wenn sie auch nur sehr begrenzte Kapazität bietet. Der Streik der Lokführer bei DB Cargo betrifft zudem nicht nur deutsche, sondern auch internationale Züge: Auf deutschen Schienen müssen die Lokführer auch die deutsche Sprache beherrschen. An der Grenze wechseln die Lokführer deshalb häufig. Sollte dort ein Zug stehen bleiben, weil ein Lokführer im Streik ist, könnten so wichtige Strecken blockiert werden. Die Deutsche Bahn fürchtet auch deshalb, der Streik könne „massive Auswirkungen auf Lieferketten für die deutsche und europäische Industrie haben“.

Nach gut einem Tag Streik standen rund 190 Güterzüge im Rückstau. Welche Unternehmen davon betroffen sein könnten, ist bisher unklar. Bisher habe der Streik noch keine Auswirkungen, heißt es etwa von den Autoherstellern VW und Daimler. Doch man beobachte die Situation und treffe entsprechende Absicherungsmaßnahmen.



Auch die chemische Industrie ist bereits in Alarmbereitschaft. Über 200 Millionen Tonnen an Chemikalien bewegte die Branche in Deutschland im Jahr 2019, rund zwölf Prozent davon werden über die Schiene transportiert, heißt es vom Verband der Chemischen Industrie (VCI). Für einige Stoffe sei der Transport per Bahn grundsätzlich vorgeschrieben. Die Branche sei daher auf „reibungslose Abläufe im Bahnverkehr angewiesen“, warnt der Verband.

Wie lange die Streiks der GDL andauern werden, lässt sich heute nur erahnen. Die Wirtschaft fürchtet bereits eine Renaissance der Streiks von 2014/15. Damals bestreikten die Lokführer die Deutsche Bahn nahezu neun Monate lang in Etappen. In der Summe waren die Lokführer 21 Tage im Arbeitskampf – und sorgten so laut Schätzungen von Ökonomen für einen volkswirtschaftlichen Schaden von rund 100 Millionen Euro am Tag.

Bisher versuche DB Cargo daher „mit großem Aufwand“ den Schienenverkehr am Laufen zu halten. Versorgungsrelevante Züge, die zum Beispiel Kraftwerke und große Industriebetriebe versorgen, sollen weiter fahren. „Zur Sicherstellung der Transporte kooperiert DB Cargo außerdem mit Eisenbahnverkehrsunternehmen in Deutschland und Europa“, teilt der Konzern mit.

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Auch die Reaktion von Kunden wie der Deutschen Post und Coca-Cola macht der Bahn Angst. Es bestehe die Gefahr, „dass durch den Streik dem klimafreundlichen Schienengüterverkehr ein nachhaltiger Schaden zugefügt wird, weil Kunden ihre Verkehre in dieser Situation auf die Straße zurückverlagern könnten“, teilt DB Cargo mit.

Mehr zum Thema: Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat zum Streik aufgerufen. Es droht eine der größten Arbeitsniederlegungen überhaupt. Aber wie lange kann die GDL durchhalten? Es gibt Zweifel an der finanziellen Stärke.

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