Bauwirtschaft Hochtief am Rande des Nervenzusammenbruchs

Lieber Pedro Alomodòvar! Niemand hat uns behäbigen Deutschen spanische Seele, spanische Psyche und spanisches Temperament so nahe gebracht wie Sie als Regisseur – inklusive einer Logik, die wir Teutonen nicht verstehen.

Vorstandschef Frank Stieler, der noch nicht einmal anderthalb Jahre im Amt ist, soll „einvernehmlich“ aus dem Vorstand ausscheiden. Quelle: dpa

Wir bitten Sie deshalb eindringlich, sich eines Stoffes anzunehmen, den wir beim besten Willen nicht mehr begreifen und in dem ein Spanier, Ihr Landsmann Florentino Pérez, die Fäden zieht.

„Hochtief am Rande des Nervenzusammenbruchs“ könnte das Werk in Anlehnung an einen Ihrer großartigsten und durchgeknalltesten Filme heißen. Beginnen würde es damit, wie ein völlig überschuldeter Fußballclub-Präsident aus dem noch überschuldeteren Spanien mit viel Chuzpe und unter Ausnutzung des etwas blöde gestalteten deutschen Wertpapierübernahmegesetzes ein grundsolides deutsches Unternehmen kauft – nämlich den braven Baukonzern Hochtief, der sich vergeblich gegen die Übernahme wehrt und der bis dahin irgendwie stolz darauf war, die größte Baubude des Landes zu sein.

Die größten Baukonzerne Europas
Bauarbeiter arbeiten auf einem Gerüst Quelle: AP
Bauarbeiter arbeiten auf einer Baustelle des Konzerns Strabag Quelle: dpa
Platz 8: COLAS SADer französische Konzern hat sich auf Straßen- und Schienenbau spezialisiert. Der Name des Konzerns, für den 73.600 Menschen arbeiten, setzt sich aus den englischen Wörtern "cold" und "asphalt" zusammen. Umsatz 2012: 13 Milliarden Euro Quelle: dpa
Baukräne unter grauem Himmel Quelle: AP
Ein Bauarbeiter erhitzt auf einer Baustelle Rohre Quelle: APN
Bauarbeiter in einem neu gebauten U-Bahn-Schacht Quelle: dpa/dpaweb
Ein Arbeiter des Bauunternehmens Hochtief weist einen Container ein Quelle: dpa

Dann würde der Film erzählen, wie Don Florentino deutsche Marionetten-Manager einsetzt und wie die sich – entschuldigen Sie den Kraftausdruck – den Arsch aufreißen, um alles zum Wohlgefallen des Spaniers zu regeln. Doch die vermeintliche deutsche Perle, die Don Florentino in sein Haus gezwungen hat, mutiert in dessen Händen zum Windei. Zum Schreien komisch! Von Australien über Hamburg bis Budapest tun sich bei Hochtief plötzlich Problembaustellen auf. Und das einzige, woran Florentino wirklich lag – nämlich gute Dividenden der sich sträubenden Tochter – kann die nicht zahlen.

Wie Louis de Funès tobt Don Florentino deshalb in seiner Villa, die angeblich heute schon mehr den Banken gehört als ihm, und zerdeppert ein paar Pokale seines Vereins Real Madrid. „Die Akquisition von Hochtief war wohl die wichtigste strategische Entscheidung, die unsere Gruppe in den letzten Jahren realisiert hat", hat er mal gesagt und steht nun da wie Don Quijote vor den Windmühlen. Zugegeben: Die Slapstick-Szene mit den Pokalen haben wir erfunden. Aber alles andere stimmt.

Dann kommt´s noch doller: Just in dem Moment, als die deutschen Hochtief-Marionetten vieles endlich wieder in gute Bahnen gelenkt haben, setzt Perez sie vor die Tür! Madre mia! Das ist wie geschrieben für einen Regisseur wie Sie, dessen Werk sich laut Wikipedia „durch melodramatische Szenen mit oft verblüffenden Wendungen auszeichnet“ und dessen zentrale Figuren sich in ihrem wundervollen Hang zur Theatralik vom „Wunsch nach Nähe“ leiten lassen.

Wer Hochtief bereits verlassen hat

Am vergangenen Wochenende nun überschlugen sich die Ereignisse! Das werden die Höhepunkten Ihres Oscar-verdächtigen Films. Freitag kursierten plötzlich Gerüchte, Hochtief-Chef Frank Stieler werde am nächsten Dienstag bei der Aufsichtsratssitzung entlassen oder gezwungen, um seine Entlassung zu bitten. Das klang so unseriös, dass die Journalisten es kaum glauben und erst mal recherchieren wollten.

Von der Recherche bekam Hochtief Wind und bestätigte, um den Medien zuvor zu kommen, das unglaubliche Gerücht am Samstagmittag von sich aus in Form einer Ad-hoc-Meldung. Darin stand auch, dass gleichzeitig der Top-Manager Rainer Eichholz geht, der die Unternehmenstochter Hochtief Solutions führt! Und dass zu allem Überfluss in sechs Wochen auch noch der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Wennemer seinen Posten niederlegen wird, nachdem er sich mit Stieler gerade auf dessen völlig unerwartetes „einvernehmliches Ausscheiden“ aus dem Vorstand verständigt habe.

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