Beckerbillett „Es gibt keine Maschinenbauer mehr, die solche Geräte herstellen“

Quelle: imago images

Das Hamburger Unternehmen Beckerbillett gehört zu den letzten Bastionen für die Druckerei von Museumskarten und Kinotickets. Nur: Was macht so eine Firma, wenn sich die Welt digitalisiert?

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Gelbes Papier, spartanisch bedruckt, mit Informationen zu Reihe und Sitz sowie einem Bereich zum Abreißen für den Kontrolleur: Über viele Jahrzehnte sahen Kinotickets genauso aus. In Deutschland produziert hat sie meist das Hamburger Unternehmen Beckerbillett. Mit einer speziellen Halbrotationsmaschine gelang es der Firma nach Ende des Zweiten Weltkrieges, die sogenannten Rollenbilletts erheblich schneller herzustellen als bis dahin üblich. Es war eine Erfindung, die Beckerbillett zum Marktführer in Deutschland machte.

Die gelben Kinotickets sind heutzutage allenfalls etwas für Sammler und ein paar kleinere Kinos. Eintrittskarten sehen nun anders aus, sind individueller gestaltet, gerne einmal in Farbe bedruckt. Beckerbillett konnte seine Stellung als Marktführer zwar über all die Jahre behaupten, doch spätestens durch Corona hat die nächste Revolution begonnen. In einem Zeitalter, wo Eintrittskarten häufig digital auf dem Smartphone gespeichert sind und mit einem schicken QR-Code versehen werden, schert sich ohnehin kaum jemand um gedruckte Tickets. Und jetzt?

Dirk Lehmann gehört offenbar nicht zu den Leuten, die schnell aufgeben. „Wir wollen die Letzten sein, die noch Tickets in Europa drucken“, kündigt der Geschäftsführer von Beckerbillett an. Dabei zogen sich bereits einige Unternehmen aus genau diesem Geschäft zurück, nicht nur, wenn es um Kinokarten geht. Zu teuer sind die großen Druckmaschinen, die Lehmann zufolge gerne mal eine Million Euro kosten können und längst nicht mehr entwickelt werden. „Es gibt keine Maschinenbauer mehr, die solche Geräte herstellen, wie wir sie nutzen“, sagt er. Erst neulich habe sich ein niederländischer Konkurrent aus dem Druckerei-Geschäft zurückgezogen als die Maschine kaputtgegangen sei.

Lehmann ist ein Stück weit der Tradition verpflichtet. Je nachdem wie man rechnet, ist Beckerbillett 130 Jahre alt. 1892 wurde die Buchdruckerei Hugo Becker gegründet. Während des Zweiten Weltkrieges kam das Geschäft zum Erliegen. 1947 ging es wieder so richtig los, die Militärregierung in Hamburg suchte jemanden, der Kinokarten drucken konnte, vergab die Lizenz an das Familienunternehmen und schloss die Firma wieder ans Stromnetz an. Lehmanns Urgroßvater machte die neu entstandene Abteilung für Rollenbilletts zu einem eigenständigen Unternehmen.

Hätte sich Beckerbillett nur auf die Kinos dieses Landes konzentriert, würde es das Familienunternehmen heute so wohl nicht mehr geben. In den 1980er-Jahren etwa kam ein Museum auf das Unternehmen zu und fragte nach einem kompletten Kassensystem, inklusive Ticketdruck. „Mein Onkel hat darauf ein solches elektronisches System entwickelt. Die Geräte sind unfassbar robust, noch heute sind zwei oder drei davon in Deutschland im Einsatz“, sagt Lehmann.

„Zwei verrückte Jahre“

Aber Kinokarten und Museumskarten drucken, das reicht heute nicht mehr. Längst geht es bei Beckerbillett um Online-Shops und um digitale Besuchermanagementsysteme. Es geht um Software, mit der sich zum Beispiel Dauerkarten verwalten lassen, die mit einer Zutrittskontrolle verknüpft ist und die zur Administration genutzt werden kann. 50 Prozent des Umsatzes kommt laut Lehmann vom Druckereigeschäft, der Rest aus dem Software-Business. Noch heute sieht sich Beckerbillett als Marktführer, nun aber vor allem für die „Entwicklung und Einbindung von Ticketing-Lösungen für die Kultur- und Veranstaltungsbranche“, wie es das Unternehmen selbstbewusst in seinen Stellenausschreibungen formuliert.

Corona habe vieles vorangetrieben, sagt Lehmann. „Das waren jetzt zwei verrückte Jahre.“ Teilweise mussten Museen schließen, dann durften weniger Besucher als üblich in die Ausstellungen, Tickets musste man online erwerben und dann gab es noch Zeitfenstertickets, die beispielsweise nach 40 Minuten wieder ihre Gültigkeit verloren. „In den schlimmsten Monaten machte die Druckerei nur noch 20 Prozent unseres Umsatzes aus“, sagt Lehmann. Viele der 55 Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit. „Aber gleichzeitig ist unser Kassensystem-Geschäft explodiert, so dass wir unseren Jahresumsatz halten konnten.“ Nun pendle sich vieles wieder ein. Kinotickets würden weiterhin oft online gebucht werden. Bei Museumstickets rechnet Lehmann damit, dass sie wieder öfter vor Ort gekauft werden, auch weil viele Museumsbesucher älter sind als Kinogänger.

Hurtigruten-Kreuzfahrten Der Sommer, der über die Zukunft von Hurtigruten entscheiden wird

Die norwegische Reederei hat einen guten Ruf bei ihren Kunden, die Schiffe gehören zu den modernsten der Welt. Doch nun bringen Geldsorgen das Unternehmen Hurtigruten in Schwierigkeiten.

Hochbezahlte Junganwälte „Wer es bis zum Job in einer Großkanzlei bringt, ist härter als andere“

Sechsstellige Einstiegsgehälter, dafür ständige Erreichbarkeit und Nachtschichten: Wer schafft den Sprung in die Großkanzlei? Und was treibt diese Elite an?  

Geldanlage Wie lege ich 100.000 Euro renditestark an?

Eine Anlegerin will eine sechsstellige Summe investieren. Soll sie alles auf Aktien setzen oder besser eine Wohnung zur Vermietung kaufen? Und was ist mit Gold?

 Weitere Plus-Artikel lesen Sie hier

Aber stimmt die Aussage über die Marktführerschaft von Beckerbillett überhaupt noch? Der Markt ist klein, mit überschaubaren Margen. Statistiken über die Umsätze der einzelnen Anbieter gibt es nicht. Beckerbillett macht laut Lehmann einen Umsatz zwischen fünf und zehn Millionen Euro. Genauer will er nicht werden. Beim Museumsverband kennen sie Beckerbillett zwar, mit wie vielen Häusern das Unternehmen aber wirklich zusammenarbeitet, weiß man nicht. Immerhin: Konkurrenz aus dem Ausland muss das Unternehmen kaum fürchten. Es braucht häufig einen engen Austausch zwischen Museum und Ticketing-Anbieter, erst recht, wenn es um ein Besuchermanagementsystem geht. Dazu benötigen Firmen ein gutes Serviceangebot, ohne Sprachbarrieren. Und von der Ausschreibung für ein neues System bis hin zur Installation vergehen gerne einmal Jahre.

Konkurrenten hat Beckerbillett aber durchaus, erst recht, seitdem alles digitaler läuft. Da wäre zum Beispiel das Berliner Unternehmen Visitate. Es versteht sich, genauso wie in Teilen auch Beckerbillett, als Anbieter von Software und Services, zum weitgehend automatisierten Verkauf von Tickets, Führungen sowie Merchandise und will auch die Organisationsabläufe durch seine Technologie vereinfachen. „Quantitativ gesehen ist Beckerbillett sicherlich der Marktführer in Deutschland“, sagt Visitate-Geschäftsführer Oliver Grünler. Das Unternehmen könne von seinen langen Kundenbeziehungen profitieren. „Aber der Markt ändert sich.“

Bei Visitate können Kunden auch auf ein Verbrauchsmodell setzen. Sie bezahlen die Software nur, wenn sie die wirklich nutzen. Gut ein Viertel des Umsatzes mache das bei Visitate bisher aus, sagt Grünler, Tendenz steigend. „Das lohnt sich vor allem für kleinere Museen, für die eine feste Jahreslizenz sonst zu teuer wäre“, findet er. Bei Beckerbillett machen sie so etwas bisher nicht. Dort erwerben Kunden ein Kassensystem inklusive der Lizenzen. Wer will, kann noch einen Servicevertrag abschließen, um unter anderem regelmäßige Software-Updates zu erhalten, ganz traditionell eben.

Lesen Sie auch: Die französische Digitalbank Qonto kauft den deutschen Wettbewerber Penta. Das ist ein logsicher Deal – mit Signalwirkung.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%