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Behandlungsfehler Die Mängelliste deutscher Krankenhäuser

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Die Klinik als Discounter

Immer weniger Ärzte müssen immer mehr Patienten behandeln - Behandlungsfehler und Fehldiagnosen sind die Folge. Quelle: dpa

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) will mehr Geld und startete vergangene Woche eine Kampagne: Sie fordert wegen der Tariferhöhungen fürs Personal höhere Budgets für die 2.064 Kliniken. „Die über Jahre anhaltende Kosten-Erlös-Schere hat enormen Rationalisierungsdruck in die Kliniken gebracht“, warnt DKG-Präsident Alfred Dänzer. „Noch schneller und hektischer geht es nicht.“

Clemens Galuschka, Geschäftsführer der Dortmunder St. Lukas Gesellschaft, die drei Krankenhäuser betreibt, stimmt zu: „Fehler passieren, weil zu wenig Ärzte täglich zu viele Patienten behandeln. Deshalb müssten dringend die Ausbildungskapazitäten an den Universitäten steigen. Doch sie werden gekürzt.“ Den Hebel für eine bessere und sicherere Versorgung sieht der Klinikmanager in höheren Fallpauschalen je Behandlung, nach denen mit den Krankenversicherungen abgerechnet wird.

„Deutsche Kliniken sind doch Discounter“, klagt Galuschka. „Ein österreichisches Krankenhaus bekommt für eine laparoskopische Gebärmutterentfernung 12.060 Euro, bei uns sind es nur 5.470 Euro.“ Diese Unterbezahlung sei eine potenzielle Gefahr für Patienten: „Um teure oder gefährliche Operationen zu vermeiden, verweisen Kliniken Hilfe suchende Patienten an ein anderes Haus – aber nicht aus Fürsorglichkeit oder weil es ihnen an Expertise fehlt, sondern weil sie hohe Kosten und Schadensersatzansprüche fürchten.“

Fehlsteuerung der Ressourcen

Volker Jacobs, Leitender Ärztlicher Klinikmanager der Universitätsfrauenklinik in Salzburg, widerspricht der einseitigen Schuldzuweisung ans Bare. Der Gynäkologe mit einem MBA ist sich sicher: „Geld geht verloren, weil noch zu wenig Kostentransparenz und -bewußtsein auf der Entscheiderebene – den Ärzten – herrscht. Das führt zu Fehlsteuerungen der Ressourcen, die dann beim medizinischen Personal und der Versorgungsqualität fehlen.“

Häufig akzeptierten die Weißkittel die Anzugträger aus der Verwaltung nicht – und umgekehrt. Oft leisteten die Verwaltungen Widerstand, weil sie mit der Kenntnis von Zahlen Macht verbänden. Und genau die wollten sie nicht abgeben. „Eigentlich sollten sie sich als Dienstleister sehen, doch in den vergangenen 20 Jahren haben sie sich eher verselbstständigt“, so Jacobs. Wären aber sämtliche Kosten transparent, würde auch von Ärzten und Pflegepersonal schon aus Eigeninteresse sinnvoll gespart, ist Jacobs überzeugt.

Wöchentliche Arbeitszeit der Krankenhausärzte in Stunden (zum Vergrößern bitte Bild anklicken).

Ob das alleine zu besserem Fehlermanagement in den Kliniken führt? Stefan Romberg, Arzt und gesundheitspolitischer Sprecher der FDP im nordrhein-westfälischen Landtag, hält etwas anderes für wichtiger: „Die tatsächlichen Arbeitszeiten der Ärzte müssen reduziert werden, damit weniger Fehler passieren“.

Als 2011 die Arbeitsschutzbehörde in dem Bundesland in 40 Kliniken die Einhaltung der Schichtzeiten für Ärzte prüfte, fielen 92 Prozent der Häuser durch. Romberg fordert die rot-grüne Landesregierung seit Langem auf, im Sinne der Patientensicherheit die Namen dieser Kliniken zu veröffentlichen. „Übermüdung ist einer der Hauptgründe für Behandlungsfehler“, sagt der Arzt und Abgeordnete. „Mich ärgert, dass diese Relevanz nicht erkannt wird und die Landesregierung mit Hinweis auf den Datenschutz jegliche Namensnennung dieser Kliniken verhindert.“

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