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Berühmte letzte Worte

Ich werde alt, ich höre Offline-Stimmen

Unser Kolumnist hört Stimmen. Und die Offline-Stimmen sind plötzlich lauter als das Online-Gebrabbel. Er glaubt: Dann haben Marken im Netz ein Glaubwürdigkeitsproblem.

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Unser Kolumnist geht lieber ins Geschäft als sich von Online-Werbung beeinflussen zu lassen. Dabei stellt er fest, dass er Adidas nicht mehr vertrauen kann Quelle: REUTERS

Das ganze Online-Getue wird für mich immer mehr zu einem undurchschaubaren Grundrauschen ohne Peaks, ohne Höhepunkte. Das kann daran liegen, dass ich alt werde, es kann aber auch daran liegen, dass das Netz an vielen Stellen immer profaner wird.

Ganz ehrlich, ich habe die Nase voll von der sogenannten Crowd, die phlegmatisch vor sich hin brabbelt - gestern in den Nachmittags-Talkshows des Privat-TV, heute überall im Netz. Eine amorphe Masse, die sich, an ihren eigenen Dunstkreisen berauschend, in diesen um sich selbst dreht.

Ich habe die Nase voll von Bloggern, die ihr Hobby ihren Beruf nennen - und sich selbst Autoren, Gründer, Entrepreneure. Die den Autofirmen, den Handyunternehmen, den Gadgetherstellern nach der Pfeife tanzen, um Produkte abzustauben (Ausnahmen bestätigen bitte auch hier die Regel). Eure Zeit ist vorüber.
Ich erwarte eine kritisch-relevante Auseinandersetzung mit den Themen unserer Zeit oder dem eigenen Schicksal.

Ich habe die Nase voll von Facebook-Werbung und entsprechenden Kommentaren. Früher, als ich noch die Hoffnung hatte, Kommentatoren würden relevante Informationen oder gar eigene Erfahrungen unter die 'Sponsored Posts' der Industrie addieren, habe ich diese sogar gelesen. Vielleicht um dem Ganzen wenigstens ein Minimum an Relevanz, Crowsourced Quality oder Authentizität abzuringen, die die Werbung selbst so schmerzlich vermissen lässt. Auf diese Authentizität aus Beschimpfungen aber kann man getrost verzichten.

Ich habe die Nase voll von hyperscharfen, hyperrealen Werbebildern eines Autos, eines Deos, eines Abflussreinigers. Ich weiß, liebe Agenturen, Ihr seid stolz, wenn Ihr dafür viele 'Likes' einfahrt. Denn es gelingt Euch selten genug und das hat Gründe. Was aber bringen diese 'Likes' der Marke? Die habe ich doch 30 Sekunden und fünf 'Competitive Likes' später längst wieder vergessen. Kommentare? Dialoge? Pfff. Alles Böhmische Facebook-Dörfer, um Eure Honorare zu rechtfertigen.

Ein 'Share' würde ich ja gerade noch akzeptieren. Da hätte jemand wenigstens soviel Gefallen an Eurem Posting gefunden, dass er es mit Freunden teilen möchte.
Erzählt also lieber denk- und merkwürdige Geschichten und initiiert wahre Gespräche um diese herum.

Der Marke ins Gesicht gesehen

Ich selbst nehme inzwischen lieber die Abkürzung und schaue einem Menschen oder einer Marke direkt ins Gesicht. Ich lasse meine animalischen Wurzeln und meine Intuition entscheiden, ob ich ihm oder ihr vertrauen kann. Ja, ich gestehe, ich spreche immer öfter einfach face-to-face mit ExpertInnen auf ihrem Gebiet.

Ich lasse z.B. meine freie Werkstatt mit Smart und Mercedes telefonieren, um eine Lösung für den zerbröselten Smart-"engineered by Mercedes"-Motor zu finden. Ich frage nicht das Netz. Denn mir helfen keine werblichen Hochglanzbilder und 'Sponsored Posts' mit Photoshop-gelifteten Karossen, wenn der Hersteller einem frech und konsequenzenlos erklärt, das sei "ein schlechter Jahrgang" gewesen. Das ist eben Mercedes mit seinem Slogan "Das Beste oder nichts" wie es leibt und lebt. Eine Hilfe ist das nicht. Und schon gar nicht vertrauensbildend.

Ich laufe z.B. in einer knappen Stunde mehrere Schuhgeschäfte offline ab und probiere den 'Adidas Stan Smith' an. Ich erkenne die Unterschiede im Leder, in der Verarbeitung, der Sohle. Ich lasse mir von der genialen jungen Dame mit der Punk-Frisur im Szene-Laden erklären, was die Jugend heute trägt, dass die Hersteller immer weniger auf Qualität achten, sie nur noch einen oberflächlichen Markt bedienen. Wer es nicht glaubt, dem empfehle ich, die Beurteilungen des 'Adidas Stan Smith' oder 'Spezial' auf der Adidas-Seite zu lesen.

Die Sportartikelriesen im Vergleich
NikeBasketballAuf dem US-Markt hat Nike mit der Schwestermarke Jordan die Nase weit vor allen anderen und kommt auf einen Marktanteil von 92 Prozent. Quelle: USA Today Sports
AdidasBasketballAdidas rüstet die US-Profiliga NBA aus, kommt bei Schuhen für die Athleten aber nur auf einen Marktanteil von 5,5 Prozent. Quelle: AP
NikeLeichtathletikMit Laufschuhen setzen die Sportartikelkonzerne weltweit nach Schätzungen 15 Milliarden Dollar um. Auf dem US-Markt kommt Nike auf einen Marktanteil von 52 Prozent. Quelle: dapd
AdidasLeichtathletikAdidas will Nike mit neuen Materialien für Laufschuhe attackieren, läuft aber hinterher. Die Franken liegen in den USA noch hinter Asics aus Japan und erreichen auf dem Nike-Heimatmarkt einen Anteil von 11 Prozent. Quelle: AP
NikeFußballErst seit 1996 mischt Nike mit im Fußballgeschäft. Nike-Manager sagten jüngst, sie seien weltweit die Nummer eins. Branchenschätzungen sahen den US-Konzern zuletzt hinter Adidas mit einem Umsatz von 1,7 Milliarden Euro. Quelle: dpa
AdidasFußballDas Kicker-Business ist eines der wenigen, in denen sich Adidas noch auf Rang eins sieht. Die Franken erwarten im WM-Jahr Rekordumsätze von 2 Milliarden Euro. Quelle: AP

Warum auch sollte ich Adidas noch online vertrauen, wenn die es nicht mal schaffen, einen Adidas-eigenen Store aus der Locator-Liste zu nehmen, der laut Nachbarschaft seit einem Dreivierteljahr(!) geschlossen ist (Köln, Ehrenstrasse)?

Das Netz ist allgemein, neben dem Fernsehen, dank der Werbung und ihrer Kollateralschäden, zu einer großen Zeitverplemperungsmaschine verkommen. Weil Werbung nicht mehr Service oder Lösung, sondern nur noch Ablenkung ist.
Weil jeder seinen ungewürzten Senf zu allem dazugeben muss. Weil Aufmerksamkeit wichtiger scheint als Inhalt, Relevanz oder Qualität. Ich bin froh, dass ich bei den für mich wirklich wichtigen Online-Exkursionen nicht profan belästigt und werblich abgelenkt werde.

In Arbeit
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Marken könnten hier Leuchttürme sein. Leuchttürme, die die Navigation erleichtern. Leuchttürme, die uns den Weg weisen. Leuchttürme, denen man vertrauen kann. Wenn diese Leuchttürme jedoch nur Schiffe anlocken, um möglichst viele Menschen in den werblichen Untiefen zu meucheln, statt ihren Weg zu erhellen, muss man sich auch von diesen Leuchttürmen fernhalten. Langfristig kann das nicht gutgehen.

Die Offline-Stimmen der Marken sind gerade mein Goldstandard. Es wäre zu wünschen, das hier das Netz, die Werbung und Marken wieder aufholen. Die Möglichkeiten des Netzes sind unendlich, anscheinend die Dummheit vieler Marken auch ein wenig.

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