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Betrugsvorwürfe haltlos Politik bringt Krankenkassen in Bredouille

Krankenkassen sind Abrechnungsbetrüger, Leistungsverweigerer und Oberkontrolleure - es hagelt Kritik auf die gesetzlichen Kassen. Manche haben es verdient. Doch selbst diese Kassen nutzen nur aus, dass die Politik seit fast zehn Jahren falsche finanzielle Anreize im Gesundheitssystem setzt. Aber Berlin schweigt und arrangiert sich.

Es hagelt Kritik auf die gesetzlichen Kassen. Quelle: dpa

Es ging soeben durch alle Medien: Knapp jede zweite der 134 Krankenkasse stehe unter Verdacht, ihren Versicherten überzogene Krankheiten anzudichten, um mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds für vermeintlich übernommene Arzt- und Klinikrechnungen zu bekommen. Bei einer BKK beispielsweise sei die Zahl der Herzinfarkt-Patienten um mehr als 280 Prozent gestiegen, der Kassen-Durchschnitt liege bei einem Prozent. Die Quelle sei das Bundesversicherungsamt (BVA). Das bemühte sich gestern um Aufklärung. Zurück blieben viel heiße Luft und ein Grundkurs über Statistik. So war bei der - kleinen - BKK die Zahl der Herzinfarkte von 5 auf 19 Fälle gestiegen. Und übrigens zeige die Erfahrung der Vorjahre, dass sich aus den wenigsten Verdachtsfällen berechtigte Manipulationsfälle ergeben. Und so weiter.

Die Tricks der Krankenversicherer
Mit günstigen Preisen lockenWer sich im Internet für Krankenversicherung interessiert, findet ganz schnell auch Anzeigen, in denen eine private Krankenversicherung für 49 Euro im Monat versprochen wird. Experten raten ab: In nur ganz wenigen Fällen kommen solche Beiträge überhaupt zustande. Wer so wirbt, hat meist nur ein Ziel: Die Daten des Interessenten einsammeln. Quelle: dpa
Adressen weiter verkaufenIm Internet sind viele professionelle Adressenhändler unterwegs. Wer seine Daten in einem scheinbar unabhängigen Portal für einen kostenlosen Vergleich eingibt, muss damit rechnen, dass er später mit Emails oder Anrufen bombardiert wird. Denn die Adressensammler verkaufen die Kontaktdaten an interessierte Vermittler weiter, die genau wissen, wie sie einen Versicherungsvertrag am besten verkaufen. Quelle: gms
Gierige Vermittler rausschickenNur wer eine private Krankenversicherung tatsächlich auch verkauft, verdient in der Vermittlerbranche Geld damit. Denn nur dann kassiert er Provision. Das Prinzip dabei: Je höher der Monatsbeitrag des Kunden, umso besser die Provision des Verkäufers. Nach den neuen Regeln wird der Monatsbeitrag hier in der Spitze mit dem Faktor neun multipliziert. Früher ging es bis zum Faktor 15 hoch. Quelle: dpa
Hohen Eigenanteil aufbrummenDas Prinzip in der privaten Krankenversicherung: Je mehr der Kunde im Falle einer Krankheit selbst bezahlt, umso niedriger wird sein Monatsbeitrag. Wer also einen Selbstbehalt von mehreren hundert bis zu 1000 Euro vereinbart, hat die Chance auf Prämien von weniger als 200 Euro. Quelle: dpa
Rechnungen nur teilweise zahlenJeder Versicherer hat seine eigenen Bedingungen. Daraus ergibt sich, was er im Zweifel bezahlt und was nicht. Für den Kunden ist das von vornherein schwer ersichtlich, deshalb haben die Analysten von Franke & Bornberg einen Index mit typischen Krankheiten gebildet und so das Leistungsniveau von unterschiedlichen Tarifen simuliert. Oft liegt das Erstattungsniveau der Billigtarife dabei nur zwischen 50 und 70 Prozent. Quelle: dpa
Teure Krankheiten ausschließenDie private Krankenversicherung (PKV) wirbt gerne damit, dass sie deutlich mehr leistet als die gesetzliche Krankenversicherung. In Billigtarifen wird jedoch die Leistung für bestimmte Krankheiten von vornherein ausgeschlossen. Dazu zählen etwa Behandlungen durch Psychologen, Wahlleistungen im Krankenhaus, Zahnleistungen oder die freie Arztwahl. Quelle: dpa
Prämien schnell erhöhenViele Krankenversicherer lockten Kunden in Billigtarife und hoffen, dass sie bald in höherwertige und teurere Tarife wechseln. Diese Rechnung ist in vielen Fällen jedoch nicht aufgegangen. Im Gegenteil: Viele Kunden in Einsteigertarifen zahlen sogar gar nichts mehr. Die Kosten tragen alle Versicherten im jeweiligen Kollektiv. Die Folge sind satte, zweistellige Prämienerhöhungen. Quelle: dpa

Aber auch das BVA verschweigt geflissentlich, wie es zu solchen Abrechnungsoptimierungen kommt.

Jens Baas, Chef der Techniker Kasse, hat es dagegen auf den Punkt gebracht: "Viele Krankenkassen sind heute aufgrund der Logik des Kassen-Finanzausgleichs kaum mehr motiviert, einen Diabetiker gesund zu halten. Nein, am besten ist es, wenn der Diabetiker auf dem Papier durch alle möglichen Komplikationen wie ein besonders schwerer Fall aussieht. Der bringt viel mehr ein als ein 20-jähriger Gesunder."

2004 führte die rot/grüne Bundesregierung die vereinfachte Abrechnung nach Fallpauschalen ein. Die hat Vorteile, bedeutet aber auch: Es wird in der Regel nicht mehr unterschieden, wie aufwändig eine Heilbehandlung wirklich war. Es soll Kassen geben, die nichts dagegen haben, wenn Ärzte Patienten für kranker erklären als sie es sind - und dennoch günstiger mit den Kassen abrechnen - weil die Kasse so eine höhere Auszahlung aus dem Gesundheitsfonds bekommt. Der wird über den  Einheitsbetrag aller Krankenversicherten finanziert. Das wiederum hat Kanzlerin Merkel (CDU) durchgesetzt.  Von dort aus werden die Milliarden Euro den einzelnen Kassen zugewiesen, je nachdem, was die als Auslagen für ihre Versicherten dort in Rechnung stellen. Heißt praktisch: Je kranker die Versicherten, desto mehr Geld für die Kasse.

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