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Bezahlte Extras First Class für alle

Eine Exklusivstudie zeigt: Bei der Einführung neuer Gebühren kennt die Fantasie der Luftverkehrsgesellschaften keine Grenzen. Kassiert wird für Koffer, Snacks und Platzreservierungen, weil fast alle Airlines sonst rote Zahlen schreiben würden. Doch der Widerstand von Kunden und Politik wächst. Darum tüfteln die Linien jetzt an Bezahlangeboten, die den Passagieren echten Mehrwert bieten.

Start in eine neue Service-Ära. Fluglinien wollen künftig Mehrwert bieten, der Extragebühren auch wirklich rechtfertigt. Quelle: dpa

In seinen bald fünf Jahren im Lufthansa-Vorstand ist Christoph Franz spürbar klüger geworden. Bevor er 2009 in die Top-Riege der größten europäischen Fluglinie aufrückte, hatte er zusätzlichen Gebühren neben dem Ticketpreis – etwa für die Aufgabe von Koffern oder die Reservierung spezieller Sitzplätze – noch eine klare Absage erteilt: „Wir sind eine Qualitätslinie, und dazu gehört aus unserer Sicht ein All-inclusive, also Service inbegriffen“, so versprach Franz damals gegenüber der WirtschaftsWoche.

Jetzt, kurz bevor der 53-Jährige seine Lufthansa-Karriere an den Nagel hängt, um Verwaltungsratschef beim Schweizer Pharmakonzern Roche zu werden, hat er schnell noch die All-inclusive-Ära beendet. Nachdem die konzerneigene Billigtochter Germanwings bereits seit Jahren für Extras kassiert, müssen künftig auch Kunden der Lufthansa-Economyclass bis zu 40 Euro für eine Platzreservierung zahlen – und noch mal bis zu 60 Euro, wenn der Wunschplatz in einer Notausgangsreihe mit mehr Beinfreiheit liegt.

Die Abzock-Tricks der Airlines
Gepäck für Kleinkinder: Kleinkinder unter zwei Jahren benötigen kein eigenes Ticket, da sie auf dem Schoß der Eltern mitfliegen. Bei einigen Fluggesellschaften haben Kleinkinder dennoch ein Freigepäck von zehn Kilogramm. Bei anderen Airlines müssen die Eltern ein zweites Gepäckstück aufgeben - z. B. für 70 Euro pro Strecke bei Air France. Quelle: dpa
Gepäckaufgabe am Flughafen: Während ein im Voraus gebuchtes Gepäckstück in der Regel zwischen sechs und 35 Euro kostet, schlagen die Airlines bei erst am Flughafen eingechecktem Gepäck richtig zu. Das erste Gepäckstück am Flughafen kostet z. B. bei Air Berlin im Billigtarif "JustFly" 70 Euro pro Strecke und damit fast das Fünffache mehr als bei Onlinebuchung (15 Euro pro Strecke). Quelle: obs
Handgepäckmaße: Im Zuge der Gepäckgebühren haben einige Fluggesellschaften wie z. B. KLM oder Air France ihre zulässigen Handgepäcksgrößen verkleinert. Kunden, die sich nicht vorher informieren, zahlen im schlechtesten Fall 60 Euro nach und müssen das Handgepäck aufgeben. Auch Air Berlin hat die Handgepäckregeln verschärft: Jedes Handgepäckstück muss beim Check-in-Schalter gewogen und mit einem JustFly-Handgepäcklabel versehen werden. Wer es vergisst, riskiert, nicht mitgenommen zu werden. Quelle: dpa
Extragebühren bei Umsteigeverbindungen: Die Billigairline Vueling verlangt von ihren Kunden nicht nur pro Strecke Gepäckgebühren, sondern sogar pro Teilstrecke bei Umsteigeverbindungen. Für die Hin- und Rückflug Berlin-Barcelona zahlt ein Kunde 26 Euro (13 Euro pro Flug) für sein Gepäck. Bei gleicher Strecke mit Umstieg in Madrid zahlt er 56 Euro (14 Euro pro Teilstrecke). Quelle: dapd
Wie Flugtickets teurer werdenNot macht erfinderisch. Das beweisen insbesondere die Fluglinien. Hohe Treibstoffkosten, der harte Konkurrenzkampf sowie immer weiter steigende Gebühren für Flughäfen und Flugsicherheit schmälern das Geschäft. Um den Profit zu steigern, langen viele Fluglinien versteckt hin. Sie erheben Zusatzgebühren oder bieten bisherige Gratis-Leistungen gegen Bares an. Im vergangenen Jahr nahmen allein die US-Fluggesellschaften dank Zusatzgebühren rund 2,4 Milliarden Euro ein. Das sind 26 Prozent mehr als noch 2009. Mit diesen Tricks zocken Airlines in Deutschland ihre Passagiere ab. Quelle: dpa/dpaweb
SitzplatzreservierungLufthansa-Passagiere mit einem Billigticket für die Economy-Class können sich künftig gegen Bezahlung einen Sitzplatz im Voraus sichern. „Wir führen eine Sitzplatzreservierung gegen Entgelt für die Economy-Tarife ein, die heute nicht dazu berechtigt sind“, sagte der Vertriebsvorstand der Lufthansa Passage, Jens Bischof. Wie tief Kunden der niedrigsten Tarifgruppen, die sich vor der offiziellen Check-in-Zeit einen bestimmten Sitzplatz sichern wollen, dafür in die Tasche greifen müssen, steht noch nicht fest. Bischof kündigte Preise „im Marktumfeld“ an. Die bewegen sich dem Magazin zufolge auf Europa-Strecken um die zehn Euro, für Langstreckenflüge könnten es auch schon mal 40 Euro sein. Das Angebot soll noch in diesem Jahr eingeführt werden. Die Sitzplatzreservierung soll zunächst nur via Reisebüro und im zweiten Schritt auch online buchbar werden. Quelle: dpa
Gebühren für Gepäckstücke Quelle: REUTERS

Wie zuvor schon etwa bei der Einführung neuer Betten in der Businessclass ist die Lufthansa auch mit ihrer Extragebühren-Offensive ein wenig spät dran: Der Obolus für die früher kostenlosen Extras ist inzwischen Branchenstandard. „Nicht nur Billigflieger wie Ryanair, fast jede Airline hält da inzwischen die Hand auf“, sagt Jay Sorensen, Chef der US-Beratung Idea Works, die sich auf die im Fachjargon Ancillary Revenues genannten Nebenverdienste spezialisiert hat.

Passagiere mögen die Aufschläge als Abzocke empfinden – für die Fluglinien sind sie finanzielle Notwehr nach Jahren steigender Kosten bei sinkenden durchschnittlichen Ticketpreisen. „Ohne Extras würde wohl keine Airline mehr Gewinne schreiben“, sagt Bruce Buchanan, bis vor gut einem Jahr Chef des Billigfliegers Jetstar, der zur australischen Qantas gehört.

Gesamte Nebeneinnahmen der Airlines abseits des Ticketverkaufs in 2012

RangAirlineLandEinnahmen gesamt (in Mrd. €)
1United Airlines USA4,1
2DeltaUSA2
3American AirlinesUSA1,5
4SouthwestUSA1,3
5QantasAustralien1,2
6RyanairIrland1,1
7Air France-KLMFrankreich0,9
8EasyjetGroßbritannien0,9
9US AirwaysUSA0,8
10Korean AirKorea0,6
Quelle: Idea Works

Sogar Europas profitabelste Airline Ryanair wäre ohne das Gebühren-Zubrot seit 2008 in den roten Zahlen unterwegs (siehe Tabelle). Die Fluggesellschaften können einen Großteil ihrer Kosten, etwa für Treibstoff oder auf den Flughäfen, kaum beeinflussen. Daher empfehlen die Airline-Experten der Strategieberatung A.T. Kearney in einer Exklusivstudie für die WirtschaftsWoche, Extras mit Mehrwert für den Kunden anzubieten – wie etwa eine schnellere Abfertigung – und solche Leistungen in Paketen zu bündeln.

Die Extraeinnahmen steigen rasant. In seinem ersten Ancillary Report 2007 fand Berater Sorensen in den Geschäftsberichten aller Fluglinien noch ein Aufkommen von insgesamt 2,5 Milliarden Dollar. 2012 waren es schon 27,1 Milliarden, in diesem Jahr dürften es deutlich mehr als 30 Milliarden Dollar werden. Und das ist erst der Anfang. Selbst der US-Billigflieger Southwest hat angedeutet, dass er sein mit dem Werbespruch „Bei uns ist alles frei bis zu den schlechten Witzen der Flugbegleiter“ umrissenes Konzept kippen und für Serviceextras kassieren will.

Dabei werden die Gebühren nicht nur immer höher, es gibt auch immer mehr davon, seit Imperial Airways, eine der British-Airways-Vorgängergesellschaften, 1927 das „Luxus-Sandwich“ für einen Shilling und drei Pence als ersten kostenpflichtigen Extraservice der Luftverkehrsgeschichte verkaufte. Dann war jahrelang Schluss mit mit den Extras – Flugreisen waren so exklusiv und teuer, dass alles inklusive war.

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