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Bike-Sharing Der Leihrad-Boom erfasst die Großstädte

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Investoren stecken Millionen in den digitalen Radverleih


Verkehrsplaner träumen von autofreien Innenstädten, trotzdem befürchten Kommunen, dass sie im Zweifel verwaiste Leihräder von ihren Straßen lesen und entsorgen lassen müssen. Der Wiener Kurier brachte Anfang Februar einen Artikel mit einem großen Foto von in den Wienfluss geworfenen Leihrädern, hier der Marke oBike. Wahrscheinlich handelt es sich um das Werk frustrierter Passanten, denen die von ihren letzten Nutzern wild auf dem Bürgersteig abgestellten Räder im Weg waren. Auch München erlebte ein Trauma mit oBike-Rädern.

Erstaunlich, dass ausgerechnet oBike so stark auffällt, schließlich startete das von Chinesen gegründete Unternehmen erfolgreich in Singapur, dem erzautoritären Stadtstaat britisch-chinesischer Prägung mit seinen drakonischen Strafen für jede tatsächliche oder nur vermeintliche Störung der öffentlichen Ordnung. Schon für weggeworfene Kaugummis hagelt es in Singapur empfindliche Geldbußen, zum Erstaunen mancher Touristen. Aber vielleicht war das Unternehmen gerade wegen der eingeschüchterten singapurischen Kundschaft nicht gewappnet für die teils chaotischen Zustände in den liberalen westlichen Großstädten und die leider fehlende Disziplin vieler europäischer Nutzer.

Fünf Mini-E-Bikes für die Stadt
Tsinova Ion Quelle: Spotpress
Corratec Life S Quelle: Spotpress
Kalkhoff Durban Compact G Quelle: Spotpress
Tern Vektron
Macina Fold Quelle: Spotpress

Natürlich kennen auch andere Leihradanbieter die Probleme. Schäden an den Rädern und rücksichtslose Falschparkerei will der in Berlin vertretene Radverleiher Mobike mit Strafpunkten für schlampige Radler eindämmen. Zudem setzt Mobike offenbar auf Diplomatie, um verschreckten Kommunen die Angst zu nehmen. „Wir wollen erst mit den Städten reden, damit wir willkommen sind“, sagt Jimmy Cliff, der bei Mobike für den deutschen Markt zuständig ist.

Der Manager verrät nicht genau, wie viele Räder er in Berlin im Einsatz hat. Es dürfte sich um rund 3000 Stück handeln, denn Mobike bezeichnet sich als größten Anbieter in Berlin, wo der deutsche Konkurrent Nextbike bisher 2000 Räder stationiert hat – Tendenz steigend. Denn Nextbike musste dem Senat zusichern, bis Ende 2018 den Berlinern 5000 Räder zur Verfügung zu stellen, um den Zuschlag zu bekommen. Für die stationslosen Konkurrenten fehlen solche Auflagen.

Spannende Lebensläufe

Gegründet wurde Mobike von der ehemaligen chinesischen Journalistin HU Weiwei, die sich als Herz des Unternehmens bezeichnet und mit ihrer charismatischen Persönlichkeit dem umstrittenen Leihradkonzept ein freundliches Gesicht verleiht. Geleitet wird das Unternehmen von CEO und Mitgründer WANG Xiaofeng. Laut Handelsblatt hat Mobike allein im vergangenen Jahr eine Milliarde Dollar von Investoren eingesammelt, etwa vom chinesischen Internetkonzern Tencent, einem der ehemaligen Arbeitgeber von Gründerin HU.

Einen ähnlich spannenden Lebenslauf kann oBike-Gründer SHI Yi vorweisen. Der 1989 in Shanghai geborene Jungunternehmer ist in Deutschland zur Schule gegangen und hat an der Frankfurter Goethe-Universität Informatik und Wirtschaftswissenschaften studiert. Seinen beruflichen und wirtschaftlichen Durchbruch hat er trotz seines zarten Alters längst geschafft. Mit seiner 2009 gegründeten High-Tech-Firma Avazu hält er Beteiligungen an aufstrebenden Digitalunternehmen. Eines seiner Babys hat er laut Forbes 2015 für 300 Millionen Dollar verkauft.

Unternehmen, die so viel Geld in der Tasche haben wie oBike oder Mobike, können wahrscheinlich ohne Rücksicht auf die Kosten expandieren. Was macht es da schon, wenn ein paar Räder in Donau, Isar, Main oder Spree landen? Nicht einmal die 48,5 Prozent Anti-Dumping-Zoll für in China hergestellte Fahrräder schrecken die Markteroberer aus Fernost ab. Der hohe Zollsatz lasse sich durch die niedrigen Produktionskosten der Räder kompensieren, heißt es dazu bei oBike.

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