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Bike-Sharing Der Leihrad-Boom erfasst die Großstädte

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Streifzüge durch die Innenstadt


Der Anbieter BYKE, zu erkennen an den auffälligen türkisfarbenen Rahmen und gelben Felgen seiner Räder, ist kürzlich in Frankfurt gestartet. BYKE bezeichnet sich als Berliner Unternehmen, doch gibt es Verbindungen nach China, dem Mutterland des Leihradbooms. Einer der drei BYKE-Geschäftsführer und Mitgründer ist der Amerikaner Eric Wang. Laut einem Profil auf dem internationalen Karrierenetzwerk LinkedIn leitet Wang neben seinen BYKE-Aktivitäten auch das US-Geschäft des Pekinger Internetunternehmens Zenjoy, das Spiele für Smartphones entwickelt.

Auf den grün-gelb-bunten BYKE-Rädern prangt zudem das goldglänzende Wappen der chinesischen Fahrradmarke Phoenix. Billige Zweiradware Made in Asia? Das Gegenteil ist der Fall. In der einstigen Radel-Nation China ist die 1897 gegründete Marke Phoenix eine Legende. Bevor das Auto das wackere Volk der Radfahrer im wahrsten Sinn des Wortes von Chinas Straßen drängte – und das ist erst rund zehn Jahre her – gehörte ein Rad aus den Phoenix-Fabriken zu den wenigen, bescheidenen Statussymbolen, die dem chinesischen Normalbürger überhaupt zur Verfügung standen. Wer heiraten wollte, musste ein Phoenix haben.

Kam Staatsbesuch aus dem Westen, machten die kommunistischen Führer ihren Gästen gern ein nagelneues Fahrrad aus den Fabriken der Vorzeigemarke zum Geschenk. Vom digitalen Geschäftsmodell mit den spontan per Smartphone leihbaren Rädern ahnte man damals freilich noch nichts. Und die in Deutschland aufgestellten Phoenix-Räder sind moderner als die Exemplare von früher – schon allein wegen des Handy-Positionssystems und den solarbetriebenen Automatikschlössern.

Schäden am Rad der Hotline melden

Auch der ADAC-Experte Alexandro Melus ist angetan von dem Phoenix-Rad, das wir ihm in einem Frankfurter Gewerbegebiet zu einem kleinen Sicherheitscheck vorbeibringen. Licht, Bremse und Reifen sind ok, sogar der vorgeschriebene Reflektor hinten ist angebracht – selbst nach strenger deutscher Straßenverkehrsordnung also keine Mängel. Melus empfiehlt Radlern auf die sogenannten drei B’s zu achten, bevor sie sich auf ein Rad schwingen: Bremsen, Bereifung, Beleuchtung. Bei den stets unter freiem Himmel abgestellten Leihrädern ist ein solcher Schnellcheck besonders wichtig.

Nach diesen Kriterien deutlich schlechter fällt das Urteil des Experten für unser mitgebrachtes oBike-Rad aus, weil die Bremse am Hinterrad nicht greift, dafür die Vorderradbremse umso kräftiger. Hier muss man aufpassen, wenn man nicht über den Lenker fliegen will. Warum die Rückbremse klemmt, lässt sich von außen nicht erkennen. Verkehrssicher ist dieses oBike jedenfalls nicht. Weiteres Manko: Bei dem Rad fehlen die Schutzbleche, auch vermisst der ADAC-Experte hinten einen roten Reflektor. Strenggenommen dürfte man so gar nicht auf die Straße, auch wenn die Polizei in Großstädten andere Prioritäten haben dürfte als unsichere Fahrräder.

Haben wir mit dem Rad einfach Pech gehabt? oBike bedauert die Defekte und erklärt, dass lokale Dienstleistungspartner sich um die Wartung und gleichmäßige Verteilung der Räder über das Stadtgebiet kümmern würden. Dabei sei man auch auf die Hilfe der Nutzer angewiesen, die Schäden über eine Hotline melden könnten, was laut oBike sehr gut klappt. Zudem prüften die lokalen Partner bei der Umverteilung der Räder diese auf Schäden. Es komme relativ selten vor, dass ein defektes Rad nicht aufgegriffen werde, etwa weil die Batterie des solarbetriebenen Schlosses defekt sei, sodass dieses nicht geortet werden könne. Unser testweise herausgegriffenes oBike-Rad mag einige Mängel gehabt haben – das Schloss jedoch funktionierte.

Bei Streifzügen durch die Frankfurter Innenstadt sind wir im Januar und Februar immer wieder auf kaputte Leihräder unterschiedlicher Anbieter gestoßen: Abgerissene Schutzbleche, zerrissene Sattelpolster oder sogar aus der Felge gerutschte Speichen – und das bei Rädern, die erst wenige Monate im Einsatz sind.

Bei solchen schon auf den ersten Blick erkennbaren Mängeln steigt man gar nicht erst auf und lässt die Räder gleich links liegen. Problematischer für die Verkehrssicherheit sind Schäden, die man erst unterwegs feststellt, etwa eine defekte Bremse. Wer sich aufs Leihrad schwingt, sollte den Bock also unbedingt prüfen, am besten mit den drei B’s unseres ADAC-Experten: Bremsen, Beleuchtung, Bereifung. Ganz so spontan wie erhofft ist das Leihradeln so allerdings nicht.

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