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Billigflieger Was Ryanair am Rhein vorhat

Europas größter Billigflieger baut in Köln seine fünfte Basis in Deutschland. Doch so klein die Präsenz auch ist: sie sorgt für Druck auf alle anderen Stützpunkte des irischen Discounters und auf die ganze Lufthansa.

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Ryanair-Chef Michael O'Leary macht Germanwings und Lufthansa in Zukunft von Köln aus Druck. Quelle: dpa

Wer Ryanair schon länger beobachtet, hat sich in den vergangenen Monaten die Augen gerieben. Schließlich will der bislang für eher ruppigen Schröpf-Service bekannte Billigflieger nun bei seinen Passagieren mit mehr Großzügigkeit punkten und besonders Familien entgegen kommen. Wer jedoch allen Ernstes als Flughafen oder Wettbewerber mit mehr Freundlichkeit gerechnet hat, muss die trügerische Hoffnung spätestens seit heute begraben.

Am Donnerstag Mittag verkündete Marketingchef Kenny Jacobs das neue freundliche Gesicht des Flugdiscounters, in der zünftigen Bierhalle Gaffel am Hauptbahnhof auf freundliche Art eine klassisch unfreundliche Ryanair-Aktion. Der Flughafen Köln ist die fünfte Basis der Iren in Deutschland. Auf den ersten Blick wirkt die Ankündigung natürlich bescheiden. Trotz des ganzen Tamtams: Gerade mal ein Flugzeug stationieren die Iren ab Oktober am Rhein und steuern damit lediglich fünf neue Ziele an. Zusammen mit den bisherigen Strecken sind es im Schnitt gerade mal gut zwölf Flüge pro Tag. 

Doch von den kleinen Zahlen sollte sich keiner täuschen lassen. Sie sind lediglich der Auftakt zu einer Rundum-Attacke, sowohl auf Germanwings und ihre Konzernmutter Lufthansa wie auf alle anderen Ryanair-Stützpunkte im Westen Deutschlands, Belgien und den Niederlanden.

Der Ort ist egal, Hauptsache der Flug dorthin ist billig

Am offensichtlichsten ist der Druck auf Germanwings. Ryanair fliegt zwar mit London, Dublin und Rom nur mit drei der neuen Strecken in Germanwings-Territorium. Doch auf diesen Routen konnte die Lufthansa-Tochter bisher Preise von bis gut 400 Euro für einen Flug übers Wochenende kassieren. Das dürfte künftig kaum noch möglich sein. Doch unangenehm wird es nun in weiten Teilen des Netzes. Zuerst kann Germanwings zumindest seine über Hamburg angebotene Verbindung nach Madrid als Umsteigeflug künftig nur noch deutlich billiger als Ryanair anbieten, wenn die jemand angesichts der dann doppelt so langen Flugzeit noch buchen soll.

Aber die Attacke der Iren wirkt auf allen Routen. Vielen Städteurlaubern ist der Reiseort inzwischen oft nicht viel wichtiger als der Preis. Sie buchen häufig unter all den angenehmen Orten den günstigsten. Um diese Ziel-Agnostiker zu bekommen und zu halten, kann Germanwings künftig auch auf anderen Strecken nur noch schwer mehrere hundert Euro verlangen, wenn Ryanair einen Hunderter oder mehr billiger ist.

Auch der bisher so angenehme Lockeffekt des Vielfliegerprogramms Miles & More hilft da nur begrenzt. Denn je niedriger die Preise, umso weniger Meilen gibt es, die einen Passagier in die Germanwings-Jets locken könnten. Der Effekt fällt sicher anfangs milde aus. Doch wer Ryanair kennt, weiß: die Iren fangen immer mit nur ein paar Verbindungen an - und stocken dann kräftig auf.

In Köln wohnen viele potenzielle Urlauber

Köln ist für Ryanair besonders reizvoll. Die Metropole am Rhein ist nicht nur der erste große Flughafen in Deutschland. Es ist ein Signal, jede Lücke, die Air Berlin auf ihrem Schrumpfkurs lässt, zu füllen. Dank der vielen Geschäftsreisenden, ist Köln zudem ein Markt mit höheren Preisen als andere Ryanair-Ziele. Und last but noch least wohnen hier rund eine Million reisefreudige und mehr oder weniger solvente potenzielle Urlauber.

Dazu ist das Einzugsgebiet des Flughafens mit das größte in Westeuropa. Nicht zuletzt dank der guten Bahnanbindung des Flughafens sind sowohl Nordrhein-Westfalen wie auch Teile Hessens nur eine Zugstunde entfernt. Diese Anziehungskraft trifft nicht nur Germanwings in Köln, sondern auch deren Mutter Lufthansa im Rhein-Main-Gebiet. Weil die Zugfahrt von deren Hauptflughafen Frankfurt nach Köln und zurück eine vierköpfige Familie mit Bahncard weniger als 140 Euro kostet, wird sich mancher Frankfurter, Limburger oder Mainzer mit Fernweh künftig auch mal die Ryanair-Tarife in Köln ansehen, so lange die Lufthansa-Flüge deutlich mehr kosten.

Und die Attraktion wirkt in beide Richtungen. Denn nicht nur die Rheinländer und ihre Nachbarn haben künftig mehr Wege in die Welt. Auch Touristen aus dem Ausland fliegen öfter statt für Kultur nach Italien oder zur Dauerparty ins Baltikum nach Köln wegen des von nicht Ortsansässigen besonders geschätzten rheinischen Frohsinns, den vielen Museen, Karneval, Festen wie den Christopher Street Day und – wie halb Köln hofft – zu den Spielen des vielleicht bald wieder in der ersten Bundesliga aktiven 1. FC Köln.

Den Wieder-Aufstieg Kölns zur Billigmacht am Rhein sehen sicher auch die Flughafenchefs an anderen Ryanair-Hochburgen mit gemischten Gefühlen - so etwa in Hahn, Weeze (bei Ryanair heißt der Ort Düsseldorf), Eindhoven oder Maastricht . Denn viele ihrer Kunden hat Ryanair aus Hessen und Nordrhein-Westfalen zu ihnen gelockt.

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Bleiben die aus, wird es schnell unangenehm. Den Airports fehlen dann die Einnahmen aus den Duty-Free-Shop. Damit finanzieren sie aber ihre als Marketingbeihilfe bemäntelten Rabatte für Ryanair bei den Landegebühren. Dazu sinken die Chancen, den Verkehr zurückzugewinnen. Wie keine andere Fluglinie schließt Ryanair eine Strecke ruckzuck, wenn die nicht mehr wie gewünscht läuft. Und dann bleiben die Airports auf ihren oft hohen Investitionen in Bahnen und Terminals sitzen.

Aus diesem Grund dürfte auch Michael Garvens als Chef des Kölner Flughafens seine verständliche Freude über den Großkunden erstmal im Zaum halten. So wie er jetzt seinen Konkurrenten aus dem Umland Geschäft wegnimmt, könnte Ryanair bald auch ihn unter Druck setzen. Mit mehr Flügen an anderen Airports und der Drohung, ohne bessere Gebühren die heutigen Flüge oder zumindest das Wachstum künftig anderswo hinzubringen.

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