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Billigflieger will wachsen Geschäftsreisende sollen Gewinn von Easyjet treiben

Der Billigflieger Easyjet will in Deutschland stärker wachsen und mithilfe von mehr Geschäftsreisenden an Bord den Unternehmensgewinn steigern. Doch der Markt ist umkämpft.

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Carolyn McCall Quelle: Chris Gloag für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Mrs. McCall, warum haben Sie Angst vor dem deutschen Markt?

Carolyn McCall: Wie kommen Sie denn darauf?

Easyjet ist in ganz Europa aktiv, aber mit Ausnahme von Berlin in Deutschland kaum präsent.

Das hat aber nichts mit Angst zu tun. Wir wachsen seit Jahren in Deutschland und werden das weiter tun. Wir haben gerade fünf neue Strecken gestartet, und neue Ziele stehen für die nahe Zukunft weit oben auf unserer Liste.

Das haben Ihre Vorgänger auch gesagt. Trotzdem ist Easyjet ein Nischenanbieter.

Das täuscht. Der deutsche Markt funktioniert nur etwas anders als andere.

Deutschland ist doch angesichts der Krise im Rest von Europa genau, was Sie suchen: Die Wirtschaft wächst, es gibt viele Flughäfen und zahlungskräftige Geschäftsreisende und Urlauber.

Leider hat Deutschland auch ein Überangebot deutscher Anbieter. Das drückt auf die Preise. Lufthansa dominiert den Markt stärker als andere große Airlines in ihren Ländern. Zudem hat Air Berlin relativ schwache Finanzen, aber mit Etihad einen spendablen Aktionär. Aber am Ende kümmern wir uns nicht um Ländergrenzen, wenn wir eine neue Strecke aufnehmen.

Sondern?

Wir sehen jede Stadt in Europa als einen eigenen Markt, unabhängig davon, in welchem Land sie liegt. Sehen wir in einer Stadt Chancen, gehen wir dahin.

Woran denken Sie – Frankfurt, Hamburg?

Unser Ziel ist der neue Berliner Flughafen, wenn er denn offen wäre. Da sollten wir sein. Dann würden wir anders wahrgenommen.

Das wird noch länger dauern. Bis dahin haben andere wie Norwegian oder Vueling aus Spanien sich die lukrativen Städte wie Düsseldorf und München gesichert.

Das glaube ich nicht. Wir bauen unser Netz in Deutschland aus, aber vorerst expandieren wir erst mal in Frankreich oder Italien. Wenn wir in einer Stadt nicht sind, hat das gute Gründe.

Zum Beispiel, dass Sie anderswo weniger Konkurrenz haben?

Nein. Aber wir haben nur eine begrenzte Zahl neuer Flugzeuge, und die setzen wir da ein, wo sie das meiste Geld bringen. Es gibt in Deutschland einfach keine Strecke, die uns so viele Möglichkeiten bietet wie die zwischen Mailand und Rom.

Wenn Ihnen Flugzeuge fehlen, warum kaufen Sie nicht einfach ein paar neue? Früher sind Sie mit bis zu 20 Prozent im Jahr gewachsen und hatten auch immer genug Flieger.

Da hatten wir auch eine andere Strategie. Heute geht es uns nicht um ein größeres Netz, sondern um mehr Gewinn.

War das Ihre Entscheidung oder die Ihres Hauptaktionärs, Sir Stelios Haji-Ioannou?

Die von allen in Vorstand und Verwaltungsrat. Wir wollen vor allem Geld verdienen. Das ist bei hohem Ölpreis und schwacher Konjunktur leichter, wenn wir nur um vier Prozent wachsen.

Das wird Sir Stelios freuen, der mit Forderungen nach mehr Gewinn Ihre Vorgänger und mehrere Verwaltungsratschefs zermürbt hat. Nun hat mit John Barton ein neuer angefangen. Ist jetzt Ruhe?

Der Wechsel ist eine gute Möglichkeit zur Versöhnung und um einen konstruktiven Dialog zu führen.

Der Easyjet-Aktienkurs

Die Abzock-Tricks der Airlines
Gepäck für Kleinkinder: Kleinkinder unter zwei Jahren benötigen kein eigenes Ticket, da sie auf dem Schoß der Eltern mitfliegen. Bei einigen Fluggesellschaften haben Kleinkinder dennoch ein Freigepäck von zehn Kilogramm. Bei anderen Airlines müssen die Eltern ein zweites Gepäckstück aufgeben - z. B. für 70 Euro pro Strecke bei Air France. Quelle: dpa
Gepäckaufgabe am Flughafen: Während ein im Voraus gebuchtes Gepäckstück in der Regel zwischen sechs und 35 Euro kostet, schlagen die Airlines bei erst am Flughafen eingechecktem Gepäck richtig zu. Das erste Gepäckstück am Flughafen kostet z. B. bei Air Berlin im Billigtarif "JustFly" 70 Euro pro Strecke und damit fast das Fünffache mehr als bei Onlinebuchung (15 Euro pro Strecke). Quelle: obs
Handgepäckmaße: Im Zuge der Gepäckgebühren haben einige Fluggesellschaften wie z. B. KLM oder Air France ihre zulässigen Handgepäcksgrößen verkleinert. Kunden, die sich nicht vorher informieren, zahlen im schlechtesten Fall 60 Euro nach und müssen das Handgepäck aufgeben. Auch Air Berlin hat die Handgepäckregeln verschärft: Jedes Handgepäckstück muss beim Check-in-Schalter gewogen und mit einem JustFly-Handgepäcklabel versehen werden. Wer es vergisst, riskiert, nicht mitgenommen zu werden. Quelle: dpa
Extragebühren bei Umsteigeverbindungen: Die Billigairline Vueling verlangt von ihren Kunden nicht nur pro Strecke Gepäckgebühren, sondern sogar pro Teilstrecke bei Umsteigeverbindungen. Für die Hin- und Rückflug Berlin-Barcelona zahlt ein Kunde 26 Euro (13 Euro pro Flug) für sein Gepäck. Bei gleicher Strecke mit Umstieg in Madrid zahlt er 56 Euro (14 Euro pro Teilstrecke). Quelle: dapd
Wie Flugtickets teurer werdenNot macht erfinderisch. Das beweisen insbesondere die Fluglinien. Hohe Treibstoffkosten, der harte Konkurrenzkampf sowie immer weiter steigende Gebühren für Flughäfen und Flugsicherheit schmälern das Geschäft. Um den Profit zu steigern, langen viele Fluglinien versteckt hin. Sie erheben Zusatzgebühren oder bieten bisherige Gratis-Leistungen gegen Bares an. Im vergangenen Jahr nahmen allein die US-Fluggesellschaften dank Zusatzgebühren rund 2,4 Milliarden Euro ein. Das sind 26 Prozent mehr als noch 2009. Mit diesen Tricks zocken Airlines in Deutschland ihre Passagiere ab. Quelle: dpa/dpaweb
SitzplatzreservierungLufthansa-Passagiere mit einem Billigticket für die Economy-Class können sich künftig gegen Bezahlung einen Sitzplatz im Voraus sichern. „Wir führen eine Sitzplatzreservierung gegen Entgelt für die Economy-Tarife ein, die heute nicht dazu berechtigt sind“, sagte der Vertriebsvorstand der Lufthansa Passage, Jens Bischof. Wie tief Kunden der niedrigsten Tarifgruppen, die sich vor der offiziellen Check-in-Zeit einen bestimmten Sitzplatz sichern wollen, dafür in die Tasche greifen müssen, steht noch nicht fest. Bischof kündigte Preise „im Marktumfeld“ an. Die bewegen sich dem Magazin zufolge auf Europa-Strecken um die zehn Euro, für Langstreckenflüge könnten es auch schon mal 40 Euro sein. Das Angebot soll noch in diesem Jahr eingeführt werden. Die Sitzplatzreservierung soll zunächst nur via Reisebüro und im zweiten Schritt auch online buchbar werden. Quelle: dpa
Gebühren für Gepäckstücke Quelle: REUTERS

Solch schöne Worte haben wir schon oft gehört. Doch die Konflikte sind geblieben.

Das täuscht. Die institutionellen Investoren stehen schon lange hinter dem Vorstand. Wir haben die Dividende erhöht und eine Sonderdividende ausgeschüttet.

Und Sir Stelios?

Er ist auch zufrieden.

Sie verhandeln gerade über eine Flugzeugbestellung im Wert mehrerer Milliarden Euro. Da bleibt wenig Geld für hohe Dividenden, wie sie Sir Stelios mag.

Zu den Einzelheiten des Deals kann ich nichts sagen. Aber wir verhandeln mit Airbus, Boeing und Bombardier, und wir brauchen die Maschinen erst ab 2018.

Der Easyjet-Aktienkurs hat sich in den drei Jahren Ihrer Führung verdreifacht. Dazu ist Easyjet in den britischen Leitindex FTSE 100 aufgestiegen. Wie wollen Sie das Tempo halten?

Die Mitgliedschaft im FTSE 100 hat für uns keine Bedeutung. Wir wollen das operative Geschäft verbessern, pünktlicher, zuverlässiger und effizienter werden. Dann steigen auch Gewinne und Kurs.

Was ist Ihr Gewinnziel? Analysten gehen davon aus, dass Sie bald eine Marge von gut zehn Prozent vor Steuern schaffen.

Ich werde mich hüten, öffentlich ein konkretes Ziel zu nennen. Aber wir haben jetzt eine Marge von fast zehn Prozent und tun alles, um die zu steigern.

Und wie?

Indem wir unseren Service verbessern und damit die Erträge steigern. Was genau wir tun, kann ich Ihnen noch nicht verraten. Wir haben in meinen ersten 18 Monaten bei Easyjet unsere Pünktlichkeit verbessert, um die Voraussetzung für unsere Initiative zu schaffen, mehr Geschäftsreisende an Bord zu holen.

Das wollte schon Ihr Vor-Vorgänger. Trotzdem sind seit Jahren nur gut 18 Prozent Ihrer Kunden geschäftlich unterwegs.

Ein großer Erfolg, nicht wahr?

Wie bitte?

Die Zahl unserer Fluggäste ist insgesamt gestiegen und demnach auch die Zahl der Geschäftsreisenden. Uns interessiert nicht, warum jemand reist. Wir wollen mit jedem Kunden möglichst viel Geld verdienen. Uns ist egal, ob wir dafür ein teureres, flexibel umbuchbares Ticket verkaufen oder Extras wie mehr Beinfreiheit und das Recht, als Erster an Bord gehen zu dürfen.

Mehr Produktivität und Innovation

Die weltbesten Fluglinien
Die First Class in einem A340 von Emirates Quelle: AP
Ein Flugzeug der Turkisch Airlines Quelle: REUTERS
Eine Frau beim Check in bei Qantas Quelle: Presse
Zwei Flugzeuge der Air New Zealand Quelle: AP
Ein Flugzeug von Etihad Airways Quelle: AP
Flugzeuge von Thai Airways Quelle: REUTERS
Ein Paar in der First Class der Cathay Pacific Airways Quelle: Presse

Stört Geschäftsreisende nicht, wenn sie trotz teurer Tickets zuzahlen müssen?

Unsere Kunden sehen das anders. Sie bekommen ein günstiges Basisticket mit Effizienz, Pünktlichkeit und freundlichem Service. Wer Extras wie mehr Komfort will, weiß: Er muss zuzahlen.

Ist ein Koffer zu schwer, kassieren Sie bis zu 14 Euro pro Extrakilo, obwohl Sie der Mehrverbrauch an Sprit nur ein, zwei Euro pro Kilo kostet – das ist doch absurd!

Beim Gepäck, da haben Sie recht, widerspricht vieles dem gesunden Menschenverstand. Darum werden wir in diesem Jahr ein kundenfreundlicheres System vorstellen. Zu Spitzenzeiten, wenn ein Flugzeug sehr voll ist, macht es Sinn, Beschränkungen zu haben, aber das gilt nicht unbedingt bei allen Flügen. Details kann ich Ihnen erst im Herbst nennen.

Easyjet gehört zu den wenigen Fluglinien ohne ein eigenes Vielfliegerprogramm, obwohl Ihre Wettbewerber damit in der Regel mehr verdienen als mit dem Flugbetrieb. Wird sich das ändern?

Nein. Für uns würde sich das nicht rechnen.

Wenn Sie Ihren besten Kunden keine Freiflüge anbieten, was tun Sie denn für die Kundenbindung?

Ein gutes Produkt und den besten Preis auf jeder Strecke: Was mehr kann eine Fluglinie bieten?

Wie wollen Sie Easyjet in den kommenden fünf Jahren sonst noch weiterentwickeln?

Wir werden produktiver und innovativer.

Das sagen alle Fluglinienchefs...

Aber wir arbeiten daran. Das beginnt mit weniger Verspätungen und endet bei Flugzeugen, die dank windschnittiger Lacke weniger Sprit verbrauchen.

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Was tun Sie, falls Großbritannien 2017 den Austritt aus der EU beschließt?

Keine Ahnung! Aber ich glaube, das würde uns nicht schwer treffen. Uns ist das europäische Open-Skies-Abkommen wichtig, und das würde bleiben. Unser Hauptquartier ist in London. Aber wir haben auch in Genf einen wichtigen Verwaltungssitz. Wir sind also schon eine europäische Airline, denn 60 Prozent unserer Passagiere kommen von außerhalb Großbritanniens. Der Trend dürfte sich verstärken.

Wie Margaret Thatcher sind Sie gegen Frauenquoten. Was tun Sie als eine von nur drei Vorstandschefs britischer Großunternehmen für Frauen im Berufsleben?

Ich bin gegen eine Zwangsquote, denn dann könnten Frauen befördert werden, die nicht die erforderlichen Qualifikationen mitbringen. Stattdessen geben wir Frauen die Chance, Erfahrungen zu sammeln, die sie für den Aufstieg in eine höhere Position benötigen.

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