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Boston Consulting Group Wie bei der Piratenpartei

Rich Lesser, künftiger Chef der zweitgrößten Unternehmensberatung der Welt, steht für einen Neuanfang. Er will integrieren und an alte liberale Traditionen anknüpfen.

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Die Top-Beratungsmarken der Manager
Unternehmensberatung Quelle: Fotolia.com
Platz 15: Cap Gemini - der Pionier in der Kombination von IT und Change Management
Platz 14: Oliver Wyman, aus Mercer wurde 2007 Oliver Wyman – doch das hat nicht jeder Manager auch mitbekommen. Quelle: PR
Platz 13: A.D. Little ist wieder im Aufwind Quelle: Reuters
Platz 12: Deloitte ist die Beratungssparte eines globalen Wirtschaftsprüfungsgiganten Quelle: dapd
Platz 11: KPMG schaffte es als Beratungsmarke aus dem Stand heraus auf Platz 11 Quelle: AP
Platz 10: Accenture - führende Beratungsmarke für IT in Deutschland Quelle: Screenshot

Nach neun Jahren unter dem Deutschen Hans-Paul Bürkner steht von 2013 an mit Rich Lesser wieder ein Amerikaner an der Spitze der Boston Consulting Group (BCG). Kein zweites Beratungshaus leistet sich so viel Basisdemokratie: „Bei uns ist es fast wie bei der Piratenpartei“, sagt ein Partner über das wochenlange Auswahlverfahren für den künftigen Chef. „Jede Partner-Stimme wiegt gleich schwer, und die intensiven Diskussionen über den zukünftigen Kurs hatten eine große selbstreinigende Wirkung.“

Der 49 Jahre alte Wahl-New-Yorker, bisher Leiter des Amerika-Geschäfts, ist in den Top-Etagen der US-Konzerne bestens verdrahtet. Lesser gilt als integrativ und teamorientiert. Und er bringt mit, was BCG nach Bürkner braucht. Der hatte es zwar geschafft, den Umsatz von 1,5 auf 3,5 Milliarden Dollar mehr als zu verdoppeln. Die BCG-Kultur der liberalen Vielfalt und Partnerschaft nahm dabei aber Schaden. Lesser steht für einen Neuanfang. Er will an die alte BCG-Tradition der intellektuell brillanten Strategieberatung mit sozialem Gewissen anknüpfen.

Stärken und Schwächen

„New York, New York – if I can make it there, I’ll make it anywhere.“ Der Sinatra-Song könnte fürs Erste zu Lessers Lebensmotto werden. Zwar leitet er schon seit 2009 das Nord- und Südamerika-Geschäft von BCG, viel Erfahrung im Umgang mit Europäern und Asiaten kann er aber nicht vorweisen. Der smarte Ostküstenliberale dürfte aber weltoffen genug sein, um auch das internationale Parkett zu erobern. Zumal er dem gängigen Berater-Klischee des gegelten, hosenträgertragenden und nassforschen Besserwissers so gar nicht entspricht. Lesser ist eher der Gegenentwurf, der mehr bringt als erwartet: „Der Mann ist kein Charismatiker, er schafft es aber, die Menschen für die Sache zu begeistern“, lobt ein Kollege.

Ziele und Visionen

Rich Lesser glaubt fest an neue Wachstumschancen für Amerika und Europa. „Die Lohnkosten in China steigen, die Fabriken kehren zu uns zurück“, sagt er. Der steigende Lebensstandard in den Schwellenländern würde innovativen Unternehmen neue Wachstumschancen bescheren. Diese für seine Kunden herauszuarbeiten und damit für mehr Wohlstand rund um den Globus zu sorgen sieht Lesser als Hauptziel von BCG.

Wachstum um des Wachstums willen – wie Kritiker es seinem Amtsvorgänger Bürkner vorwarfen – ist von Lesser nicht zu erwarten. Bürkner-Schelte betreibt er aber auch nicht. Der habe „eine wunderbare Plattform hinterlassen, auf der wir jetzt aufbauen können“. Der 49-Jährige will die Expertise seiner weltweit 8400 Berater verbreitern und „die einzigartige Unternehmenskultur von BCG und das Erbe des innovativen Vordenkertums bewahren“, schwärmt er. Für die Bürkner-Gegner in den eigenen Reihen dürfte das Balsam für die Seele sein.

Freunde und Gegner

Pittsburgh Steelers während eines Football-Matches Quelle: REUTERS

Einer der ersten Gratulanten nach Lessers Wahl war McKinsey-Chef Dominic Barton. Zum Boss der weltweiten Nummer eins der Strategieberatung hält der künftige Chef der Nummer zwei engen Kontakt. Hatte Amtsvorgänger Hans-Paul Bürkner vor allem das Ziel, die Meckies zu überholen, sieht Lesser den Rivalen eher als Verbündeten im Kampf gegen neue Mitbewerber und den Strukturwandel. Noch erzielen McKinsey und BCG mit Strategieprojekten Spitzenhonorare. Um wachsen zu können, müssen sie aber auch Umsetzungs- oder IT-Beratung anbieten. Hier treffen sie immer häufiger auf die Berater etwa von Dennis Nally, den Chef von PricewaterhouseCoopers. Die Wirtschaftsprüfer PwC, Deloitte, KPMG und Ernst & Young arbeiten für weniger Geld und setzen schon heute mit Beratung 30 Milliarden Dollar um – dreimal so viel wie McKinsey und BCG zusammen.

Vorbilder

Lesser ist ein klassischer Vertreter des amerikanischen Ostküsten-Establisments. Für den überzeugten Anhänger der Demokratischen Partei stehen Bildung und die Erfüllung der Bürgerpflichten ganz weit oben. Als Student interessierte er sich mehr für Naturwissenschaften, bei seinen Kommilitonen galt er als schlauer Schnelldenker, zurückhaltend und bescheiden.

Erste Station nach dem Bachelor-Abschluss als Chemieingenieur (Note: summa cum laude) war der US-Konsumgüterriese Procter & Gamble, später arbeitete Lesser für den Ölmulti BP. Zu BCG stößt Lesser erst nach seinem MBA-Studium in Harvard.

Prägend wird das Zusammentreffen mit Sandy Moose vor 21 Jahren. Die damalige Leiterin des New Yorker Büros und heutige BCG-Legende wird Lessers Chefin und Vorbild, er profitiert von ihren guten Kontakten zur US-Wirtschaftselite. Von ihr hat er Toleranz und Teamgeist gelernt, sie hat ihm die Überzeugung vermittelt, dass hinsichtlich Kultur und Geschlecht gemischte Teams erfolgreicher sind.

Vorlieben

Dass Rich Lesser so ausgeglichen und geerdet ist, hat vor allem mit seiner Familie zu tun, wo er neue Kraft schöpft. Was nicht heißt, dass es bei ihm zu Hause konventionell zugeht: „Ich schaute sowieso fünf Stunden am Tag MTV und dachte mir, dann kann ich mich auch dafür bezahlen lassen“, verriet Lessers Ehefrau Gabrielle Del Sesto 1993 in einem Interview. Damals waren die beiden Harvard-Absolventen gerade frisch verheiratet, für ihren Job als oberste Marktforscherin für digitale Medien bei dem Musik-TV-Sender testete sie stundenlang Videospiele. Bis es Lesser zu bunt wurde: „Entweder die Spiele oder ich!“ Heute hat das Paar drei Kinder. Den letzten Urlaub verbrachte die Familie auf den Galapagos-Inseln. Am Wochenende geht es zum Football: Lesser ist Fan der Pittsburgh Steelers.

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