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Brasilien Inhotim Disneyland der Kunst

Der brasilianische Milliardär Bernardo Paz wollte er seine Träume realisieren und baute eine der spannendsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Sie zeigt, wie sich in der Kunstwelt die globalen Gewichte neu verteilen.

Die außergewöhnlichsten Kunstmuseen
Museum of Medieval Torture Instruments, Damrak 33, 1012 LK AmsterdamDas niederländische Kulturzentrum Amsterdam bietet mit Häusern wie dem Van Gogh Museum oder dem Rijksmuseum nicht nur einige der besten Ausstellungshallen für die höhen Instinkte, sondern einiges für die weniger hohen. Neben Dingen, die dem lebensfrohen Image Amsterdams entsprechen wie Cannabisprodukten (Hash Museum) oder gleich zweien zum Thema Sex zählt das Foltermuseum zu den Touristenmagneten. Von Guillotine und dem Judas Thron bis zu weniger bekannten Dingen wie der Heretiker-Gabel, alle Arten menschlichen Erfindergeistes in Sachen Sadismus fein systematisch aufgeteilt in Instrument zu Ganz-Körper-Folter, sowie Unterleib und Oberkörper. Dargestellt mit Hifle lebensechter Wachspuppen. Foto: Ctny (Clayton Tang) Quelle: Creative Commons
Col·lecció de Carrosses Fúnebres, CArrer de la Mare de Déu de Port, 56-58, 08038 BarcelonaWarum ausgerechnet eine der lebensfrohesten Städte Europas die größte Schau von Leichenwagen hat, wird wohl eher ein Geheimnis der Katalanen bleiben. Freunde des Pomp auf der letzten Reise finden die Kutschen und Fahrzeuge vom späten 18. bis zu Mitte des vergangenen Jahrhunderts, viele davon mit stilecht in Uniformen und Perücken angetanen Puppen. Foto: Anoryat Quelle: Creative Commons
International UFO Museum and Research Center, 114 North Main Street, Roswell, New Mexico 88203, USAEs ist kein Ort für rationale Skeptiker: das Ufo Museum & Research Center dokumentiert akribisch alles rund um den Absturz eines Flugobjekts im Juli 1947 beim geheimen Flugplatz der Area 51 in Roswell im US-Bundesstaat New Mexico. Für die einen war es ein Ufo mit Außerirdischen, für die zuerst unsicheren Behörden ein Wetterballon, der da niederging. Das Ganze geschah nahe der Straße Richtung Corona - Verbindungen zum im Süden der USA sehr beliebten mexikanischen Bier des gleichen Namens sind sicher zufällig. Und wer die grünen Männchen mit den großen Augen im Trockeneis-Nebel oder die nachgestellte Alien-Autopsie nicht recht ernst nehmen kann, findet im Museumsladen immerhin eine Auswahl an Souveniers, die nicht so recht von dieser Welt ist. Dieser Tage sehr beliebt: außerirdischer Christbaumschmuck. Foto: Sand Quelle: Gemeinfrei
Meguro Parasitological Museum, 4-1-1, Shimomeguro, Meguro-ku, Tokyo 153-0064, JapanJapan vereint problemlos minimalistische Ästetik, hohe Sinnenfreuden und mit höchstem Ernst präsentierte Merkwürdigkeiten. Tokio-Besucher können entsprechend mit dem Grutt Pass für 60 Museen im Edo-Tokyo das Stadtleben früherer Jahrhunderte bestaunen, das kulturgeschichtliche Tokyo National Museum besuchen oder im obersten Stock des Mori Towers in Rappongi Hills Penthouse die Sammlung Moderner Kunst des Mori Museum bewundern. Es geht aber auch skurril bis unappetitlich: Da wäre zum Beispiel das Surigami Animation für selbst erstellte Comics, das (leider nicht im Grutt Pass enthaltene) Cupnoodles Museum zur Geschichte der Instant-Ramen-Nudel-Becher und natürlich das Parasiten Museum. Die streng wissenschaftliche Schau bietet Hartgesottenen einen tiefen Blick in die „wunderbare Welt“ (Museumswerbung) von Würmern, Maden und anderen Bewohnern lebendiger Wesen. Quelle: obs
Museum of Broken Relationships, Ćirilometodska ulica 2, 10000, Zagreb, KroatienAuch wenn die Internetadresse Brokenships.com eher auf Schiffunfälle deutet, am Ende geht es um Liebeskummer in allen Varianten und um die wohl größte Herausforderung: etwas darstellen, was nicht mehr da ist. Das Museum der zerbrochenen Beziehungen im kroatischen Zagreb versucht dies anhand von Gegenständen mit besonderem Erinnerungswert wie Kuschelbären, Gedichten und Dingen wie Nasensprays. Das brachte dem Museum nicht nur jede Menge Auszeichnungen wie „Innovativstes Museum 2011“, sondern auch jede Menge Einladungen zu Gastausstellungen vom amerikanischen San Francisco über Berlin und Kapstadt, Südafrika, bis in die taiwanesische Hauptstadt Taiwan. Mitgereist sind die passenden Dinge des Geschenkeladens wie Bad Memory Eraser (Radiergummi für schlechte Erinnerungen) oder dem Anti-Stress-Stift mit Sollbruchstelle in der Mitte.
The Museum of Witchcraft, The Harbour, Boscastle, Cornwall PL35 0HD, Vereinigtes KönigreichDie Liebe für das Mittelalter und alles Fantastische zeigt sich in der britischen Provinz nicht nur in Kult um Harry Potter oder dieser Tage besonders um J.R.R. Tolkien mit dem seiner Saga um den Hobbit und den Herrn der Ringe. Liebevoll pflegen sie auch viele kleine Museen. Das beliebteste ist das Museum of Witchcraft in Cornwall im Südwesten Englands, auch weil das Haus dank einem eigenen Twitter-Accopunt (@witchmuseum) recht zeitgemäß auftritt. Und doch wäre aus der Sammlung rund um Zauberei und Okkultismus fast nichts geworden, weil beim ersten Versuch der Gründung 1947 in Stratford-upon-Avon der Widerstand der Bürger der Shakespeare-Stadt zu groß war. So startete der zweite Versuch in der irischen See auf der Isle of Man, stilecht mit einer „Resident Witch“. Weil dem Gründer Cecil Williamson da zu wenig los war, zog er – nach drei von Anwohnern vereitelten Gründungsversuchen in den USA, Windsor und Gloucestershire – ins offenere Cornwall. Quelle: ZB

Der brasilianische Bergbaumilliardär Bernardo Paz gründete vor achtzehn Jahren inmitten der subtroischen Berglandes Brasiliens Inhotim. Es ist eine heute eine der spannendste Ausstellungen zeitgenössischer Kunst weltweit. Sie zeigt, wie sich in der Kunstwelt die globalen Gewichte neu verteilen. Nicht mehr nur in London, Miami oder Venedig werden die Wegmarken des weltweiten Kunstbetriebs gesetzt. Immer öfter geschieht das an Orten wie in Inhotim – hundert Kilometer von der nächsten Großstadt entfernt in der brasilianischen Provinz.

Wie denn Inhotim in einer derart abgelegenen Weltregion möglich sein könnte, fragte ihn kürzlich ein Journalist aua der Schweiz. Bernardo Paz´ Antwort war kurz: „Verzeihen Sie, aber ich finde, dass die Schweiz ziemlich weit abgelegen ist.“

Die Museumsgeheimtipps der Wiwo-Korrespondenten

Der Bergbaumilliardär zog sich vor 15 Jahren zur Suche nach dem Sinn des Lebens auf seine Fazenda zurück. Er begann sich intensiv mit tropischen Gartenbau und seiner Sammlung moderner Kunst zu beschäftigen. Doch er spürte, wie ihn zeitgenössische Kunst viel stärker berührte. Tunga, einer der führenden zeitgenössischen Künstler Brasiliens, längst sein Freund, sagte: „Moderne Kunst ist Wandschmuck. Zeitgenössische Kunst ist politisch. Sie hat Einfluss.“ Paz verkaufte seine 250 Werke moderner Kunst und erwarb dafür zeitgenössische Objekte. Das sind oft große, aufwändige Installationen, die sich schwer in Museen ausstellen lassen. Auf seiner Farm begann er sie zu montieren, baute erste Pavillons für Künstler. Heute sind es 24 Ausstellungsgebäude, die in der Landschaft, den Wäldern, auf Bergkuppen und Hügeln verteilt, selbst Kunstwerke sind. 

Die Museen mit den meisten Besuchern weltweit (in Millionen)

Bahnbrechende Kunstwerke der welt-weiten Kunst-Avantgarde entstehen so in der tiefen Provinz Brasiliens: Die Liste der Künstler liest sich wie das Who`s Who der zeitgenössischen Kunst-Avantgarde: Doug Aitken, Matthew Barney, Janet Cardiff, Doris Salcedo, Olafur Elissaon. Aber auch die weg-weisenden brasilianischen Künstler sind in eigenen Pavillons vertreten, wie Cildo Meirelles, Miguel Rio Branco, Hélio Oiticicas oder Adriana Varejão. „Mit etwas Glück haben selbst führende Kunstkenner einzelne Arbeiten der in Inhotim versammelten Künstler irgendwo auf der Welt schon Mal sehen können“, schreibt der Kritiker der New York Times. „Von den meisten dieser legendären Kunstwerke haben sie nur gehört – in Inhotim sind sie permanent zu sehen.“

Paz ist dabei das Kunststück gelungen, auf einer Fläche von 90 Hektar all das zu kombinieren, was Brasilien an Schönem zu bieten hat – und es mit einer Perfektion zu präsentieren, die wiederum in Brasilien rar ist.

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Noch ist Inhotim abhängig von seiner Unterstützung. Rund 70 Millionen Dollar investiert er jährlich in den Aufbau des Museums. Um Inhotim künftig selbsttragend zu machen, will er zehn neue Hotels für die Besucher zu bauen, ein Amphitheater für 15.000 Menschen, auch einen Komplex von Loftappartements für diejenigen, die mitten in der Sammlung leben wollen. Bereits jetzt bieten die drei Design-Restaurants in Inhotim hervorragende Küche – zu akzeptablen Preisen. Die New York Times nennt Inhotim „ein Disneyland zeitgenössischer Kunst“.  Und das ist nicht mal negativ gemeint. Denn wie die weltweite Kette von Vergnügungsparks zielt Inhotim auch auf Kinder und Jugendliche, die zweimal die Woche mit vielen Bussen aus der Umgebung herangekarrt werden.

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