Britischer Baukonzern Carillion pleite „Eine große Peinlichkeit für die Regierung May“

Carillion ist der zweitgrößte Baudienstleister Großbritanniens. Der Konzern baute Stadien und Museen, lieferte Essen an Schulkinder aus – und ist nun insolvent. Der Kollaps zieht auf der Insel weite Kreise.

Carillion: Großbritanniens zweitgrößter Baukonzern ist pleite Quelle: Reuters

LondonDie Liste der Probleme der britischen Premierministerin Theresa May ist ein Stück länger geworden: Am Montag hat der britische Bau- und Dienstleistungsgigant Carillion Konkurs angemeldet. Und auch wenn der Name Carillion sogar vielen Briten kein Begriff ist, hat dieser Schritt weitreichende Konsequenzen – für britische Schulkinder und Gefängnisinsassen ebenso wie für die britische Wirtschaft und Politik.

Denn Carillion war in unzähligen Geschäftsfeldern aktiv: Das Unternehmen, das 1999 aus dem traditionsreichen Konzern Tarmac hervorgegangen war, baute prestigeträchtige Großprojekte wie etwa das Londoner Museum Tate Modern oder die Erweiterung der Royal Opera und des Fußballstadions in Liverpool. Noch in den letzten Monaten konnte Carillion staatliche Aufträge ergattern, unter anderem für das in der Planung befindliche Vorzeigeprojekt HS2, einer Hochgeschwindigkeitsbahn, die von London nach Birmingham fahren soll.

Darüber hinaus war Carillion verantwortlich für die Signalposten und Weichen der Bahn, für den Betrieb von Gefängnissen, die Reinigung und Essensversorgung von Krankenhäusern. Jeden Tag lieferte das Unternehmen 32.000 Mittagessen an britische Schulen. Auch im Ausland war Carillion tätig, etwa als Generalunternehmer beim Bau der Großen Sultan-Qabus-Moschee im Oman und als Dienstleister für die kanadische Regierung. Mehr als fünf Milliarden Pfund Umsatz machte Carillion letztes Jahr – aber die Gewinne ließen zu wünschen übrig. Die Schulden wuchsen ins Unermessliche.

Bereits im vergangenen Juli musste das Unternehmen daher seine Gewinnprognosen korrigieren. Zweimal, im September und November, legte Carillion nochmals die Latte tiefer. Bei Projekten hatte man sich verkalkuliert, die Kunden zahlten nicht und der Verkauf von Objekten lief nicht so gut wie erhofft, hieß es zur Begründung damals. Es müssten Schulden über 900 Millionen Pfund (rund eine Milliarde Euro) und ein Pensionsdefizit von 590 Millionen Pfund (660 Millionen Euro) umstrukturiert werden.

Die Aktionäre waren entsetzt: An der Börse verlor das Unternehmen fast zwei Drittel an Wert. Der damalige Chef und der größte Teil des Managements mussten gehen. Bereits damals begannen die Verhandlungen zwischen den Gläubigern, zu denen laut Medienberichten die Banken Santander, HSBC und Barclays zählten.

Übergangs-Chef Keith Cochrane gab sich zuversichtlich: Man stehe in einem „konstruktiven Dialog“. Mit Kostensenkungen versuchte das neue Management den Untergang des Unternehmens aufzuhalten – vergeblich.

In der Nacht zu Montag musste der Vorsitzende des Aufsichtsrates verkünden, dass die Verhandlungen zwischen Gläubigern und der britischen Regierung über kurzfristige Finanzhilfen gescheitert seien. „Mit größtem Bedauern“ habe man die Entscheidung getroffen, das Unternehmen zu liquidieren, sagte Philip Green, es sei ein „sehr trauriger Tag“.

Nun fürchten die Mitarbeiter um ihre Jobs. Mehr als 43.000 Menschen arbeiteten für Carillion, fast die Hälfte davon in Großbritannien. Aber angesichts der weit verzweigten Geschäfte von Carillion trifft die Pleite nicht nur die direkten Angestellten: Auch Zulieferer bangen um ihre Aufträge und ihr Geld.

Die britische Premierministerin gerät ebenfalls unter Druck. Nachdem es bereits seit langem Zweifel an dem Zustand des Unternehmens gab, sei es „mehr als überraschend, möglicherweise sogar nachlässig, dass die britische Regierung Carillion noch Aufträge gegeben hat“, kritisiert Börsenexperte Simon Revington von City Index. „Das ist ein kostspieliger Fehler, den sich die Regierung eigentlich nicht leisten kann”. Die Liquidierung sei „eine weitere, sehr große Peinlichkeit für die Regierung, die den Eindruck macht, als würde sie ein Missgeschick nach dem anderen begehen.“

Der Kollaps von Carillion zieht Kreise weit über die britische Baubranche hinaus. Die oppositionelle Labour-Partei fordert nun einen Ausschuss, der das Vorgehen der Regierung in der Carillion-Pleite hinterfragt. Die Liberaldemokraten haben sich dieser Forderung schon angeschlossen.

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