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Capricorn in Not Nürburgring-Verkauf vor dem Aus

Der Verkauf des insolventen Nürburgrings an den Düsseldorfer Automobilzulieferer Capricorn steht vor dem Scheitern: Die Deutsche Bank hat sich offenbar aus der Finanzierung zurückgezogen. Die Nürburgring-Insolvenzverwalter suchen schon nach einem neuen Käufer – und geraten selbst immer mehr unter Druck.

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Nürburgring: Verkauf vor dem Aus Quelle: dapd

Das Drama um den Nürburgring hat mittlerweile mehr Episoden als die legendäre Nordschleife Kurven. Die jüngste Volte bringt den geplanten Verkauf des Nürburgrings an den Düsseldorfer Automobilzulieferer Capricorn ins Schlingern: Nach Informationen der WirtschaftsWoche besteht die Finanzierungszusage der Deutschen Bank für den Nürburgring-Kauf nicht mehr.

Die Nürburgring-Insolvenzverwalter betonen zwar gegenüber der EU-Kommission weiterhin, dass die Finanzierungssicherheit gegeben sei, arbeiten aber nach WirtschaftsWoche-Informationen im Geheimen schon an Auffanglösungen für die Zeit nach Capricorn.

Die Angelegenheit ist brisant. Am Mittwoch will die EU-Kommission darüber befinden, ob der Verkauf an Capricorn europarechtskonform ablief. Eine zentrale Frage dabei ist die Finanzierungssicherheit – eines der entscheidenden Kriterien für den Zuschlag, so hatten es die Verkäufer den Bietern mitgeteilt.

Wie die Beschlussvorlage der Kommission zeigt, war die Finanzierungssicherheit laut eigenen Angaben von Insolvenz-Sachwalter Jens Lieser und Sanierungsgeschäftsführer Thomas B. Schmidt geprüft und positiv bewertet worden. Eigene Prüfungen hat die Kommission gemäß ihrer Beschlussvorlage nicht vorgenommen. Die Kommission stützt sich alleine auf die Angaben der Insolvenzverwalter – doch nun gerät das ganze Konstrukt ins Wanken.

Das Schweigen der Beteiligten

Die Beteiligten geben sich auf Nachfrage zu der offenbar nicht mehr existenten Finanzierungzusage der Deutschen Bank wortkarg. Capricorn-Chef Robertino Wild lässt auf Fragen der WirtschaftsWoche mitteilen, er sehe „keine Veranlassung, Fragen der Finanzierung zu beantworten.“ Eine Sprecherin von Insolvenz-Sachwalter Jens Lieser teilt zunächst mit, Capricorn habe die Finanzierung in der Sitzung des Gläubigerausschusses am 11. März 2014 „hinreichend und banküblich belegt“. Auf Nachfrage, ob es auch aktuell eine gültige Finanzierung über die Deutsche Bank gebe, gibt sie sich nicht minder zugeknöpft: „Bei Ihrer Frage handelt es sich um Interna, die das Vertragsverhältnis der Parteien betreffen und der Vertraulichkeit unterliegen. Daher können wir uns hierzu nicht äußern. Wir bitten um Verständnis.“ Die Deutsche Bank äußerte sich auf Anfrage nicht.

Offener reden Lieser und Schmidt derweil bereits mit unterlegenen Bietern. Sie versuchen offensichtlich schon, einen Nachfolge-Käufer für ihren finanzschwachen Favoriten Capricorn zu gewinnen. Nach WirtschaftsWoche-Informationen trafen sich Lieser und seine Mannschaft am Donnerstag in Berlin mit dem US-Technologieunternehmen Nexovation und am Montag in London mit dem Konsortium um Finanzinvestor HIG Capital. Beide waren mit ihren Offerten für den Nürburgring von den Insolvenzverwaltern sowie der von ihnen für den Verkauf beauftragten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG nicht berücksichtigt worden. Wie die WirtschaftsWoche aus Verhandlungskreisen erfuhr, hat Lieser sowohl bei Nexovation wie auch bei HIG vorgefühlt, ob diese sich vorstellen könnten, den Kaufvertrag von Capricorn zu übernehmen.

Vier Beschwerden bei der EU-Kommission

Auch zu den Gesprächen mit den unterlegenen Bietern wollen sich die Insolvenzverwalter nicht äußern. Ihre Sprecherin teilt mit: „Zu Ihrer Anfrage geben wir nach Abstimmung mit Herrn Lieser und Herrn Prof. Schmidt keine Stellungnahme ab.“ HIG-Europachef Matthias Allgaier teilte nach dem Gespräch mit Lieser, dessen Anwalt sowie KPMG-Mann Alexander Bischoff mit: "Wir haben das Geld und stehen zu unserem Angebot." HIG sei bereit, über neue Konstruktionen einer Übernahme zu sprechen, "um die Zukunft des Nürburgrings zu sichern." Sollte HIG weiterhin außen vor bleiben, werde er nach der bereits eingelegten Beschwerde bei der EU-Kommission vor den Europäischen Gerichten klagen.

Capricorn-Chef  Robertino Wild, der bei den Gesprächen nicht dabei war, gibt den Verlauf anders wieder. „Ich bin vollumfänglich über diese Gespräche informiert“, teilt Wild mit, „es gibt keine Bemühungen des Verkäufers, uns zu ersetzen! Hier geht es dem Verkäufer darum, die nächsten Schritte nach der Entscheidung [der EU-Kommission, d. Red.] möglichst sinnhaft zu gestalten.“

Die EU-Kommission muss dem Verkauf an Capricorn zustimmen, weil sie wegen millionenschwerer Investitionen des Landes Rheinland-Pfalz in den Nürburgring ein Beihilfeverfahren eingeleitet hat. Nur wenn der Verkaufsprozess europarechtskonform ablief, gehen die Beihilfen nicht auf den Käufer über. Bisher haben vier unterlegene Bieter Beschwerden bei der Kommission eingereicht: HIG, Nexovation, der ADAC und der gemeinnützige Verein „Ja zum Nürburgring e.V.“ um ADAC-Ehrenpräsident Otto Flimm. Nach ihrer Beschlussvorlage, die der WirtschaftsWoche vorliegt, plant die Kommission allerdings, den Verkauf trotz der Beschwerden abzusegnen.

Europaabgeordneter erhebt schwere Vorwürfe

Der CDU-Europaabgeordnete Werner Langen (Koblenz) steht ebenfalls in Kontakt mit verschiedenen Bietern und hat auch zur Finanzierung von Capricorn recherchiert. Langen ist empört: „Die Konkursverwalter versuchen vor der anstehenden Beihilfeentscheidung ganz offensichtlich, die Kommission hinters Licht zu führen“, sagt der CDU-Europaabgeordnete. „Sie behaupten gegenüber der Kommission, dass sie die Finanzierungssicherheit geprüft hätten, und sie tun so, als hätte die Finanzierungszusage der Deutschen Bank auch nach wie vor Bestand. Tatsächlich aber gibt es diese wohl gar nicht.“

Nach Langens Auffassung versuchen Lieser und Schmidt, „ihren Kopf auf Kosten der Kommission und des rheinland-pfälzischen Steuerzahlers zu retten.“ Was den Europaabgeordneten besonders erzürnt sind die aktuell laufenden Gespräche der Insolvenzverwalter mit HIG und Nexovation, ob diese für Capricorn als Käufer einspringen würden. „Allein schon die Verhandlungen sind ein Affront der Konkursverwalter gegenüber der Kommission. Es ist schon dreist, dass sie gegenüber der Kommission weiterhin behaupten, die Finanzierungssicherheit sei gegeben, und im Hintergrund wird bereits mit anderen Bietern über neue Finanzierungskonzepte verhandelt.“ Langen zeigte sich erstaunt darüber, "dass die Kommission das mit sich machen lässt."

Ausfall schon bei der zweiten Rate

Lieser und Schmidt hatten dem Gläubigerausschuss der Nürburgring GmbH in der Sitzung am 11. März 2014 mitgeteilt, dass die Deutsche Bank 45 Millionen Euro des Gesamtkaufpreises von 77 Millionen Euro übernehme. Laut Protokoll der Gläubigerausschusssitzung hieß es wörtlich: „Die Finanzierungsbestätigung der Deutsche Bank AG ist banküblich und valide. Die Deutsche Bank AG hat eine eigene Due Diligence durchgeführt, an der eine größere Gruppe von Beratern tätig war. Die Finanzierungsbestätigung ist, wie banküblich, auf ein Jahr befristet.“ Capricorn bekam daraufhin den Zuschlag.

Bei der Prüfung lagen Lieser und Schmidt allem Anschein nach jedoch genauso daneben wie mit der Einschätzung, dass Capricorn in der Lage sei, 15 Millionen Euro Eigenmittel aufzubringen. Diese sind laut Kaufvertrag in drei Raten zu je fünf Millionen Euro zu zahlen, fällig Ende März, Ende Juli und Ende Dezember. Schon bei der zweiten Rate gab es jedoch den ersten Zahlungsausfall. Zum Fälligkeitstermin Ende Juli überwies Capricorn nicht einen Cent. Im August verlängerte Lieser daher die Zahlungsfrist rückwirkend. Ohne den Gläubigerausschuss zu fragen – dies sei laut seinem Sprecher nicht nötig gewesen – verschob er den Termin auf 31. Oktober. Das erregt Unmut im Gläubigerausschuss. Die Insolvenzverwalter wollen sich einer kritischen Diskussion aber offensichtlich nicht stellen und haben es seit Juli nicht auf die Reihe gebracht, eine Sitzung des Gläubigerausschusses einzuberufen.

Sogar Kunstsammlung verpfändet

Sowohl Lieser wie auch Wild betonten hinsichtlich des Zahlungsaufschubs, dass man den Kaufvertrag „nachjustiert“ habe und es sich dabei einen ganz normalen Vorgang handele. „Wir haben zur Umsetzung des Kaufvertrages eine ergänzende Vereinbarung geschlossen. Vor dem Hintergrund der mehrfach vertagten EU-Entscheidung haben wir uns darauf verständigt, die Fälligkeit der 2. Kaufpreisrate auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben“, lässt Wild auf Anfrage mitteilen. Unmittelbar nach dem Aufschub der Zahlung hatte er der Allgemeinen Zeitung (Mainz) gesagt, das Geld wäre auf ein Treuhandkonto geflossen und dort nur „verschimmelt“.

Stutzig macht allerdings, mit welch harten Konditionen Wild sich den dreimonatigen Zahlungsaufschub erkaufte. So muss er acht Prozent Verzugszinsen an die Insolvenzverwalter zahlen, wie aus der Beschlussvorlage der EU-Kommission hervor geht. Zudem musste Wild Geschäftsanteile an Capricorn, Forderungen der Capricorn-Gruppe und sogar seine private Kunstsammlung an die Insolvenzverwalter verpfänden. Schon für den Zuschlag hatte Wild umfangreiche Sicherheiten gestellt. Laut dem Protokoll der entscheidenden Sitzung des Gläubigerausschusses zählen dazu Pfandrechte auf Geschäftsanteile und eine Briefgrundschuld auf seine Villa in Düsseldorf. Außerdem gab Wild eine selbstschuldnerische Bürgschaft ab.

Zweifel trotz umfassender Sicherheiten

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Das allerdings genügt den Insolvenzverwaltern nun offensichtlich nach nicht mehr. Auf Nachfragen zu den Bedingungen des Zahlungsaufschubs will sich keiner der Beteiligten äußern. „Ich sehe keine Veranlassung, Ihnen Fragen der Finanzierung zu beantworten“, betont Wild wiederum. Lieser lässt seine Sprecherin ausrichten: „Über vertragliche Regelungen haben die Parteien, Käufer und Verkäufer, Vertraulichkeit vereinbart.“

Erst im September war bekannt geworden, dass die Stadt Düsseldorf von Verträgen zum Verkauf von Grundstücken im Medienhafen an Capricorn zurückgetreten ist. Als Begründung wurde angeführt, dass Wild trotz mehrmonatigen Aufschubs den Kaufpreis nicht gezahlt habe. Die Stadt habe sich "absolut rechtens" verhalten, notwendig sei es jedoch nicht gewesen, sagte Wild seinerzeit der Rheinischen Post. Der Nürburgring habe für ihn Priorität gehabt.

Vom Verkauf des Nürburgrings an Capricorn abrücken will nach außen keiner der Beteiligten. „Wir halten an der Umsetzung des Kaufvertrages fest“, lässt Wild mitteilen. Liesers Sprecherin richtet aus: „Wir gehen davon aus, dass Capricorn seine vertraglichen Verpflichtungen erfüllt.“

Das allerdings scheinen nur noch Lippenbekenntnisse zu sein. An Capricorn, das zeigen die jüngsten Gespräche der Insolvenzverwalter mit HIG und Nexovation, glauben sie wohl selbst nicht mehr.

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