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Chaos um Corona-Tests „Bei kostenlosen PCR-Tests betreiben wir im Grunde schon eine Triage“

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Christoph Neumeier bietet PCR-Tests mit eigenem Labor


Einer der größten Laborbetreiber Deutschlands ist Bioscientia mit Sitz in Ingelheim bei Mainz. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 2.500 Angestellte, verteilt auf 20 Labore. Diese führen rund 120.000 PCR-Tests pro Woche durch, sagt Bioscientia-Marketingchef Hendrik Borucki. Bei der sogenannten Laborvergütung gebe es „keinen Spielraum“, sagt Borucki, alles sei vorgegeben. Normalerweise gibt es zwei verschiedene Arten der Abrechnung: Kassenpatienten und Privatpatienten, die sich im Verhältnis 90 zu 10 gegenüberstehen, schätzt er.

Für die überwiegende Mehrheit der PCR-Tests kommen also die jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) auf. Von denen erhält ein Labor 35 Euro pro Test. Für Privatpatienten gilt die Gebührenordnung für Ärzte (GoÄ): „Da nehmen wir den niedrigsten Satz von 64,12 Euro pro Test“, sagt Borucki. Und in der Pandemie gibt es nun die Besonderheit eines dritten Falls: Wenn ein PCR-Test behördlich angeordnet wird. Der öffentliche Gesundheitsdienst zahlt hier 43,56 Euro pro PCR-Test.

Interessant wird es bei den PCR-Tests, die Kunden bei Corona-Teststellen als Privatpersonen kaufen (wenn sie also keinen Anspruch auf einen Gratis-Test haben). Auch diese Abstriche analysieren die Labore, abgerechnet wird aber außerhalb der Zuständigkeiten von KV oder GoÄ. In diesem Fall haben die Teststellenbetreiber sehr wohl einen gewissen Spielraum, weil alle Gebühren-Vorschriften wegfallen. Die Bioscientia-Labore berechnen für die privat bezahlten PCR-Tests 43 Euro, sagt Borucki. Dass andere Labore mehr verlangen, ist gut möglich. Dass Teststellenbestreiber höhere Gebühren an ihre Kunden weitergeben, auch.



Derzeit analysiert Bioscientia PCR-Tests für mehrere Dutzend Teststellenbetreiber in ganz Deutschland. Seit kurzem häufen sich die Anfragen von weiteren Testzentren, die ebenfalls PCR-Tests anbieten möchten. Zuletzt habe man auch schon Anfragen abgelehnt, sagt Borucki, „weil wir keine Kapazitäten hatten“.

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    Testzentren brauchen nicht zwingend ein Labor für PCR-Tests

    Hendrick Borucki weist in diesem Zusammenhang aber auf eine andere, wohl selten vorkommende Möglichkeit hin, wie Teststellenbetreiber auch ohne eine Labor-Kooperation PCR-Tests anbieten können: indem sie sich sogenannte point-of-care-Testapparate kaufen. Für deren Kauf und Benutzung benötigt man keine ärztliche Zulassung. Diese Geräte kosten mehrere tausend Euro, sind aber frei verkäuflich. Hersteller sind etwa Bosch („Vivalytic“), Roche („Liat“) oder das Krefelder Unternehmen Cepheid („GeneXpert“). Wer sich als Teststellenbetreiber solch eine Ausstattung leistet, muss zwar investieren (ein Testkit für solche Maschinen kostet auch deutlich mehr als die herkömmlichen, die fürs Labor verwendet werden), agiert aber unabhängig vom Labor. Diese PCR-Tests können auch nicht über die Kassenärztlichen Vereinigungen abgerechnet werden. Die Preisgestaltung obliegt also gänzlich dem Betreiber.

    Einen dritten Weg wählte Christoph Neumeier. Der 31-Jährige war bis zum Ausbruch der Coronapandemie Betreiber einer Agentur der Eventbranche. Heute ist er mit seinem neuen Unternehmen Covimedical und der Webseite 15minutentest.de einer der größten Corona-Teststellenbetreiber Deutschlands: Seine Firma zählt deutschlandweit mehr als 100 Standorte, von Aalen bis Zwickau. Er habe relativ früh angefangen, PCR-Tests anzubieten und entsprechend Erfahrung im Umgang mit verschiedenen Laboren gesammelt, erzählt Neumeier. „Manche Labore sind uns zu langsam und unflexibel und konnten nicht so skalieren, wie wir uns das vorgestellt haben.“

    Deshalb macht Neumeier die Sache nun selbst. Im Sommer 2021 gründete er die Coviditect GmbH, sein eigenes Labor. Die 35 Angestellten analysieren nun täglich zwischen 15.000 und 20.000 PCR-Tests. Pro verordnetem Test rechnet Neumeiers Labor 43,56 Euro ab. „Wir haben das Labor nicht vorrangig gegründet, um verordnete PCR-Tests zu machen“, sagt er. Antigen-Schnelltests in hoher Zahl seien wirtschaftlich lukrativer, die kostenpflichtigen PCR-Tests ebenfalls. Aber weil Neumeier nicht nur ein eigenes Labor, sondern auch gleich ein eigenes Logistiknetzwerk drumherum aufgebaut hat, bietet er verordnete PCR-Tests auch an. Täglich fahren Transporter von allen 100 Standorten zum Frankfurter Labor und umgekehrt; da spiele es keine Rolle, ob die PCR-Proben, die so transportiert werden, nun behördlich verordnet oder privat gekauft wurden.

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    Für die privat bezahlten Tests verlangen seine Teststellen von den Kunden zwischen 44,90 Euro und 74,90 Euro, je nach gewünschter Bearbeitungszeit. Wie viel Gebühr sein Labor dafür verlangt, lässt er im Ungefähren: Hierbei orientiere er sich „bei der Preisgestaltung an der Auswertungszeit und den Marktpreisen.“ Aber es dürfte in seinem Fall auch egal sein, schließlich gehören ihm ja sowohl die Teststellen als auch das Labor. Neumeier weiß wohl, dass seine Lösung ein Sonderweg ist, der sich nur aufgrund seiner Größe rechnet. Covimedical hat mehr als 1000 Beschäftigte. Die allermeisten Corona-Teststellenbetreiber werden sich wohl weiterhin vor allem über eines abzugrenzen versuchen: den Preis.

    Mehr zum Thema: Die Politik setzt auf 3G- und 2G-Regeln – und kostenlose Bürger-Schnelltests. Die Hersteller der Kits profitieren vom Run auf die Tests – aber nicht jedes Produkt kann überzeugen.

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