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Charité-Finanzchef "Wir leben von der Substanz"

Matthias Scheller, der Finanzchef von Europas größter Klinik, der Berliner Charité, befürchtet bundesweit eine schlechtere Patientenversorgung und warnt vor steigendem Renditedruck.

Matthias Scheller Quelle: Presse

WirtschaftsWoche: Herr Scheller, geschätzt jede fünfte deutsche Klinik macht Verluste, Arztfehler häufen sich. Werden die Krankenhäuser schlecht geführt, oder ist schon der Ansatz falsch, mit kranken Menschen Gewinn machen zu wollen?

Scheller: Jedes Unternehmen, also auch Krankenhäuser, sollte Gewinn machen. Drei bis fünf Prozent Umsatzrendite sind möglich, denn Medizin, Wissenschaft und Ökonomie sind ein Dreiklang. Leidet die Wirtschaftlichkeit, leidet die Qualität. Das gilt für kleine Häuser genauso wie für eine Uniklinik wie die Charité. Nur Häuser, die zumindest in der Summe ein Plus machen, können es sich leisten, auch eine hoch spezialisierte, aber unprofitable Abteilung zu betreiben. Übrigens: Viele Häuser überweisen schwierige Fälle längst direkt an Unikliniken, um sich die hohen Behandlungskosten zu sparen.

Dumm für die Uniklinik, aber so wird der Kranke womöglich besser versorgt.

Da hören Sie keinen Widerspruch von mir, vorausgesetzt, die Honorierung durch die Krankenkasse ist angemessen. Immerhin kann die Charité Patienten aus einem anderen Blickwinkel betrachten als eine private Klinikkette.

Nämlich?

Private, börsennotierte Klinikketten stehen unter einem hohen Renditedruck. Die Aktionäre erwarten von ihnen bis zu zehn Prozent Umsatzrendite im Jahr. Das ist bei öffentlichen oder gemeinnützigen Häusern nicht so.

Wenn wir über Qualität reden, spielt es eine Rolle, ob die Klinik ihren Gewinn für sich selbst nutzen kann oder auch noch Aktionäre profitieren wollen. Höhere Qualität kostet. Und das kann man nicht nur durch Einsparungen im Einkauf oder beim Personal wieder reinholen. Trotzdem beneide ich private Anbieter manchmal darum, wie schnell, stringent und konsistent sie Entscheidungen treffen.

Aber Sie sind doch freiwillig von der Schering AG an die Charité gekommen, um das hoch defizitäre Haus zu sanieren. Das hat geklappt, aber mit Samthandschuhen können auch Sie nicht vorgehen.

Stimmt, und das ist ein Kraftakt, der auch anderen Unikliniken bevorsteht, wenn sie weiter die Qualität ihrer Versorgung sichern wollen. Um wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen, brauchte die Charité professionelle Prozessstrukturen und schnellere Jahresabschlüsse. Früher fehlten die ständige Kenntnis der Ist-Zahlen, ein Frühwarnsystem für alle 17 Charité-Zentren und eine Deckungsbeitragsrechnung. Deshalb haben wir bei drei Viertel der leitenden Verwaltungspositionen das Personal ausgetauscht oder weitergebildet.

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