Chef der ukrainischen Eisenbahn „Wir haben zehntausende beschädigte Bahnanlagen“

Im Einklang mit der ukrainischen Staatsregierung: Der

Die ukrainische Eisenbahn ist seit Monaten die Lebensversicherung des Landes. Ukrzaliznytsia-Chef Oleksandr Kamyshin über die Arbeit des Unternehmens unter Kriegsbedingungen. 

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WirtschaftsWoche: Herr Kamyshin, wo waren Sie am 24. Februar, als russische Truppen in der Ukraine eine Invasion starteten?
Oleksandr Kamyshin: Wie die meisten Ukrainer war ich zu Hause bei meiner Familie in Kiew. Ich bin vom Klingeln des Telefons aufgewacht. Meine Kollegen riefen an und sagten, dass die Region am Fluss Dnjepr beschossen wird. Und während sie geredet haben, riefen die Kollegen aus anderen Regionen mit der gleichen Nachricht an.

Was haben Sie getan?
Um 5 Uhr morgens habe ich meine Sachen gepackt und bin zur Arbeit gegangen. Das nächste Mal, dass ich meine Familie gesehen habe, war erst einen Monat später. Ich habe auf meiner Arbeit gelebt, übernachtete in verschiedenen Städten, unter verschiedenen Umständen.

Wie hat sich die Arbeit von Ukrzaliznytsia seitdem verändert?
Vor dem Krieg waren wir das Rückgrat der ukrainischen Wirtschaft. Wir waren für alle Exporte, Importe und die interne Logistik zuständig. Mit Beginn des Krieges wurde der reguläre Personenverkehr eingestellt. Wir haben begonnen, Passagiere und Bürger zu evakuieren.  Auf dem Höhepunkt waren es 192.000 Menschen pro Tag. Wir haben sie in überfüllten Zügen transportiert, quer durch die Ukraine und ins Ausland. Beim Frachttransport konzentrierten wir uns auf die westlichen Grenzübergänge. So konnten wir die Wirtschaft unterstützen. Und seit Kriegsbeginn haben wir bereits rund 200.000 Tonnen humanitäre Hilfe transportiert.

Zur Person

Welche Schäden wurden Ukrzaliznytsia durch die russischen Truppen zugefügt?
Den gesamten finanziellen Schaden werden wir erst abschätzen können, wenn der Krieg vorbei ist. Denn die russischen Truppen beschießen weiterhin täglich mehrere unserer Bahnanlagen.

Wollen Sie deshalb irgendwann Schadensersatz vor internationalen Gerichten einklagen?
Ja. Wir haben Zehntausende beschädigter Bahnanlagen. Das Ergebnis des Beschusses sind nicht in erster Linie zerstörte Gleise, sondern kaputte Scheiben, kaputte Bahnhofsgebäude, zerstörte Dächer und so weiter. Wir reparieren all diese Dinge.

Wie viele Waggons von russischen und belarussischen Unternehmen sind in der Ukraine verblieben und was ist mit ihnen passiert?
Ungefähr 18.000. Vom ersten Tag an setzen wir sie zum Wohle unseres Landes ein. Sie wurden beschlagnahmt und an uns übergeben. Wir haben sie alle als Inventarwagen in Betrieb genommen.

Sind Wagen von Ukrzaliznytsia auf dem Territorium von Belarus und Russland geblieben?
Ja, aber zehnmal weniger als die belarussischen und russischen auf unserem Territorium. Es sind mehrere hundert, weniger als tausend.

Wie viele Waggons hat Ukrzaliznytsia in den besetzten Gebieten verloren?
Wir konnten praktisch die gesamte Flotte evakuieren. Wir haben zum Beispiel 29 von 30 Lokomotiven gesichert, die in der Stadt Melitopol in der Region Saporischschja stationiert waren. Eine Lok haben wir aus technischen Gründen verloren, sie ist stehen geblieben.

Um wie viel hat sich der Passagierstrom insgesamt verringert?
Heute haben wir etwa die Hälfte des Personenverkehrs vom letzten Jahr. Auf dem Höhepunkt der Evakuierung war es über dem Normalwert. An Spitzentagen hatte der Lemberger Bahnhof 20-mal mehr Passagiere als in Friedenszeiten.

Wie stark ist der Frachttransport gesunken?
Wir haben 60 Prozent verloren.

Wie ist Ihre wirtschaftliche Situation?
Natürlich arbeiten wir mit Verlust. Aber wenn wir Passagiere evakuieren, ist es allen egal, ob wir Verluste oder Gewinne erwirtschaften. In solchen Momenten geht es vor allem darum, staatliche Funktionen zu erfüllen.

Wer finanziert das Unternehmen, wenn es seit mehr als sechs Monaten mit Verlust arbeitet?
Wie alle europäischen und weltweiten Eisenbahnen werden wir vom Staat gefördert. Der Krieg hat nur bestätigt, dass dies richtig ist.

Welchen Betrag hat das Unternehmen dieses Jahr erhalten?
Seit Beginn des Krieges haben wir 10 Milliarden Hrywen (etwa 275 Millionen Euro, Anmerkung der Redaktion) erhalten. Und wir planen, weitere Hilfen zu bekommen.

Die Ukraine ist einer der größten Getreidelieferanten der Welt. Wie hilft Ukrzaliznytsia bei der Ausfuhr des Getreides aus der Ukraine?
Wir helfen durch den Ausbau der Infrastruktur an den Grenzübergängen zur Europäischen Union. Dort bringen wir die Infrastruktur zu den privaten Terminals an den EU-Grenzen. Wir haben mit den polnischen Eisenbahnen vereinbart, dass sie ukrainische Getreidetransporter, die zu Schmalspurwagen umgebaut sind, durch Polen fahren lassen. All diese Schritte helfen uns, den Getreidetransport für den Export jeden Monat um zehn bis 20 Prozent zu steigern.

Bauen Sie das Streckennetz weiter aus?
Das ist unsere erste Aufgabe. Selbst während des Krieges bauen wir in diesem Jahr mehr als in jedem anderen Jahr der Unabhängigkeit der Ukraine. Unser Ziel ist, mehr in europäische Länder zu exportieren, deshalb bauen wir viel an unseren Grenzen im Westen. Am 22. August haben wir zum Beispiel mit Moldawien eine Strecke von 22 Kilometern eröffnet, und am Ende der Woche mit Rumänien 20 Kilometer.

Die Spurweiten der Gleise zwischen der EU und der Ukraine sind unterschiedlich. Ist es geplant, sie in der Ukraine anzupassen?
Nein. Solche Verbindungen planen wir nur dort, wo wir an Nachbarländer grenzen. Wir planen, schmale Gleise zu entwickeln, die in die Ukraine führen, und breite Gleise, die in die Nachbarländer führen. Das ist an den Kreuzungen mit den Nachbarländern sinnvoll. Aber  es hat keinen Sinn und keinen wirtschaftlichen Wert, die Gleise in der gesamten Ukraine zu ersetzen.

Um welche Länder handelt es sich dabei?
In erster Linie Polen. Wir bauen dort einige neue Anschlüsse und restaurieren sie. Das sind die früheren Betriebe, die seit 20 bis 30 Jahren nicht mehr genutzt werden. Zweitens sind es Anschlüsse nach Rumänien und Moldawien. Dies sind die drei Hauptrichtungen. Wir haben bereits zwei davon eröffnet.

Warum ist es notwendig und welche Ergebnisse wollen Sie erzielen?
Wir exportieren hauptsächlich Getreide, Eisenerz und andere verarbeitete Produkte. Wenn wir von Importen sprechen, dann sind es erstmals Leichtölprodukte. Um Exporte und Importe zu steigern, bauen wir Eisenbahnverbindungen wieder auf. Wenn die funktionieren, kann die Ukraine viel mehr exportieren als die westlichen Grenzübergänge und Seehäfen heute liefern können.

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Welcher der westlichen Partner ist an Projekten zur Wiederherstellung von Infrastrukturprojekten in der Ukraine beteiligt?
Noch niemand. Wir erledigen die ganze Arbeit selbst, weil keiner unserer westlichen Partner bereit ist, sich in einem solchen Tempo und in einem solchen Umfang zu bewegen. Wenn wir über Moldawien sprechen, dann haben wir von 22 Kilometern 21 Kilometer auf dem Territorium der Ukraine selbst gebaut. Den einen Kilometer auf dem Territorium von Moldawien bauten wir im Rahmen eines Vertrags mit der moldawischen Eisenbahn. Wenn wir über Rumänien sprechen, haben wir 20 Kilometer auf unserem Territorium zurückgelegt. Bisher kommen unsere Partner langsamer voran als wir.

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