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Chefsuche bei Lufthansa Carsten Spohr ist zu gut für den Schleudersitz

Warum der Chef der Lufthansa-Flugpassagiersparte, Carsten Spohr, zwar Favorit für den Job als neuer Konzernchef ist, besser aber noch zwei, drei Jahre warten sollte.

Carsten Spohr rückt auf den Lufthansa-Chefposten
Christoph Franz steht nach dem Ablauf seines Vertrags 2014 nicht mehr als Lufthansa-Vorstandsvorsitzender zur Verfügung. Er wechselt zum Schweizer Pharmakonzern Roche. Darüber, wer im nachfolgen soll, war eine heiße Debatte entbrannt. Quelle: dpa
Carsten Spohr (links im Bild) Carsten Spohr wird ab 1. Mai neuer Chef der Deutschen Lufthansa, teilte die Fluggesellschaft am 07. Februar mit. Dem 46-Jährigen wurden zuvor bereits in Aufsichtsratskreisen gute Chancen eingeräumt. Der selbstbewusst auftretende Manager ist seit 2011 im Vorstand der Lufthansa, zuständig für das Passagiergeschäft. Der Bereich muss in Folge des Sparprogramms die härtesten Einschnitte verkraften. Gemeinsam mit Franz führte er viele zähe Verhandlungen mit den Gewerkschaften. Quelle: dpa
Der Diplom-Wirtschaftsingenieur Spohr wollte immer Pilot werden - nach seinem Studium erfüllte er sich seinen Traum an der Verkehrsflieger-Schule der Lufthansa. Er ist regelmäßig Airbus-Jets geflogen. Vor knapp 20 Jahren übernahm er bei der Fluggesellschaft das Personalmarketing, später die Zuständigkeit für die Allianzen der Fluggesellschaft, 2007 wurde er Vorstandsvorsitzender der Frachttochter Lufthansa Cargo. Der Vater zweier Töchter stammt aus Wanne-Eickel im Ruhrgebiet. Nachfolgend die Kandidaten, die Spohr ausgestochen hat: Quelle: dpa
Harry HohmeisterDer 49-jährige Niedersachse gilt als enger Vertrauter Franz'. Er begann vor fast 30 Jahren seine Karriere bei der Lufthansa - mit einer Zwischenstation bei Thomas Cook Airlines. Schon sein Vater hat für die Kranich-Airline als Mechaniker in Bremen gearbeitet. Derzeit ist Hohmeister Chef der profitablen Tochter Swiss - hier folgte er Franz vor vier Jahren schon einmal nach. Bei Swiss wird ihm bescheinigt, die Gesellschaft gut durch die Krise gebracht zu haben. Sie erwirtschaftete im vergangenen Jahr mehr als ein Drittel des Konzerngewinns. Im Lufthansa-Vorstand ist der diplomierte Luftverkehrskaufmann daneben noch für Austrian Airlines und Brussels Airline zuständig. Der Vater eines Sohnes fliegt selbst Kleinflugzeuge. Im Juli hat er dem Schweizer Magazin "Bilanz" gesagt, dass er gerne noch mindestens drei Jahre im Amt bleiben wolle. "Wir haben viele Großbaustellen aufgerissen, wir setzen ein Investitionsprogramm um. Wenn sich dann der Chef einfach verabschieden würde, wäre das auch symbolisch gesehen nicht gut." Quelle: REUTERS
Karl Ulrich GarnadtDem 56-Jährigen wurden Aufsichtsratskreisen zufolge ohnehin nur Außenseiterchancen eingeräumt. Er gilt als zurückhaltend, und als ein analytischer Denker. Garnadt folgte 2011 Spohr an der Spitze von Lufthansa Cargo nach. Der Vater eine Sohnes ist ein Lufthansa-Veteran, der seine Karriere vor 34 Jahren mit einer Ausbildung zum Luftverkehrskaufmann bei der Fluggesellschaft begonnen hat. Quelle: Presse
Walter GehlDer Chef der Catering-Tochter LSG Sky Chefs galt als geeigneter Kandidat für den Posten des Interimschefs. Der 60-Jährige gilt als harter Sanierer und heimlicher Vater des Sparprogramms Score, an dessen Entwicklung er maßgeblich beteiligt war. Vieles, was im Sparplan für den Gesamtkonzern einging, hatte Gehl bereits bei der Sanierung der Catering-Sparte erfolgreich umgesetzt. Quelle: Presse
Peter GerberDer 49-Jährige ist aktuell Personalvorstand der Passagiersparte. Er galt als Geheimfavorit. Insider sahen in ihm einen Manager, der für höhere Aufgaben prädestiniert sei. Gerber begann seinen Karriere 1992 im Bereich Personal und der Rechtsabteilung der Lufthansa. Seit Juni 2012 ist er Vorstand und im größten Geschäftsfeld des Konzerns, Lufthansa Passage, verantwortlich für Personal und Infrastrukturdienstleitungen. Damit ist er auch zentraler Verhandlungspartner für die Kabinengewerkschaft Ufo. Quelle: REUTERS

Wenn der Chef eines Dax-Konzerns plötzlich abtritt, diskutieren Beschäftigte und Öffentlichkeit vor allem, wer Nachfolger wird. Als Lufthansa-Chef Christoph Franz am vergangenen Montag seinen Wechsel an die Spitze des Schweizer Pharmariesen Roche bekannt gab, war für Beschäftigte und Beobachter sofort klar: Es wird Carsten Spohr.

Auch wenn für den Top-Job viele Namen kursieren – etwa Stephan Gemkow, Ex-Lufthanseat und heute Chef des Düsseldorfer Mischkonzerns Haniel –, gilt der 46-Jährige als einzig ernsthafter Kandidat. Spohr ist Chef der Passagierflugsparte mit den Marken Lufthansa und Germanwings und verantwortlich für gut 17 Milliarden Euro Umsatz. „An ihm führt kein Weg vorbei“, heißt es unisono bei Arbeitnehmern und auf der Kapitalseite des Aufsichtsrats.

Trotzdem wäre seine Berufung wohl ein Fehler. „Spohr sollte jetzt nicht Konzernchef werden, das wäre hochriskant“, glaubt Shakeel Adam, weltweit tätiger Berater mit engen Kontakten in die Chefetagen der Flugbranche. „Müsste Spohr den aktuellen Konzernumbau mit seinen vielen unpopulären Entscheidungen zu Ende bringen, würde ihn das seinen Rückhalt in der Belegschaft kosten, und er wäre als Konzernführer wohl verheizt.“

Das wäre tragisch, denn nicht nur Adam sieht in Spohr den Besten für die Lufthansa-Spitze. „Er würde uns zum Besseren verändern, denn er hat fast alles, was wir an Franz vermissen“, gesteht selbst ein führender Gewerkschafter.

Die größten Baustellen der Lufthansa
1. UnternehmensorganisationWährend andere Fluglinien wie British Airways bereits massiv Personal abgebaut haben, leistet sich die Lufthansa in vielen Bereichen Doppelarbeiten. So haben nicht nur das Fluggeschäft, sondern auch die großen Töchter wie das Wartungsgeschäft eigene große Hauptverwaltungen. Dazu werkeln etwa die EDV-Abteilung des Fluggeschäfts parallel zu den Fachleuten der konzerneigene IT-Tochter Lufthansa Systems und legen einander nicht selten eher Steine in den Weg als die beste Lösung zu suchen. Quelle: Reuters
2. UnternehmenskulturDie Lufthansa gibt fürs Personal pro Flugkilometer mindestens ein Drittel mehr aus als wichtige Wettbewerber. Das liegt unter anderem an vielen alten Privilegien. So hat die Linie aus ihrer Zeit als Behörde das System übernommen, dass die Gehälter steigen je länger ein Mitarbeiter zum Unternehmen gehört. Dazu ist die Lufthansa in den vergangenen Jahren eher durch Zukäufe als organisch gewachsen. Dadurch kamen vor allem besser bezahlte Mitarbeiter dazu und weniger Berufseinsteiger, die das Durchschnittsgehalt drücken. Quelle: dpa
3. Hohe Eigenständigkeit der Tochtergesellschaften Ob Frachtgeschäft, Cateringküchen oder Fluggeschäft: die einzelnen Tochtergesellschaften dürfen weitgehend ohne Vorgaben aus der Zentrale arbeiten. So leisten sich nicht nur alle Töchter eigene Einkaufsabteilungen, obwohl ein zentraler Einkauf in der Regel bessere Preise bekäme. Die einzelnen Fluglinien organisieren ihren Service auch nach eigenen Regeln. Statt den Ticketverkauf zentral zu koordinieren, jagen sich die einzelnen Gesellschaften gerade in Krisenzeiten gegenseitig Kunden ab. Quelle: Pressebild
4. Umständliche Fliegerei Billigflieger kommen mit ein oder zwei Flugzeugtypen aus und bekommen dadurch beim Einkauf, der Ausbildung des Personals und der Wartung der Maschinen Mengenrabatte. Die Lufthansa hingegen hat in ihrer Flotte mindestens zehn verschiedene Typen und fliegt entsprechend teurer. Quelle: dpa
5. Hohe Fertigungstiefe Während andere Fluglinien längst ihr Wartungsgeschäft und die Flugküchen abgestoßen haben, legt die Lufthansa Wert auf ihre Rolle als 'Aviationkonzern', zu deutsche: Komplettanbieter. Zwar verdienen die Töchter - allen voran die Werften der Lufthansa Technik - gutes Geld. Doch weil der Kranich seine Maschinen nicht zu anderen Werkstätten schicken kann, zahlt er dem Vernehmen nach im Schnitt mehr als andere Linien. Quelle: Pressebild
6. Zu einheitliches ProduktEgal ob innerdeutscher Kurzstreckenhüpfer oder eine lange Strecke nach Istanbul: Lufthansa will auf allen Strecken als Lufthansa mit einem Premiumprodukt präsent sein und nicht die konzerneigene Edel-Billiglinie Germanwings fliegen lassen – auch wenn die Kundschaft etwa von Köln nach Berlin vor allem preisbewusst Economy Class bucht und auf Lounges oder Schaumwein an Bord wenig Wert legt. Erste Ansätze, das zu ändern gibt es allerdings. Auf einigen Europastrecken übernimmt seit 1. Juli 2013 Germanwings bisherige Routen der Lufthansa. Quelle: dpa/dpaweb
7. Verlustbringende Zukäufe Dass Swiss als erste übernommene Fluglinie bis heute eine Ertragsperle ist, erweist sich im Nachhinein als Fluch. Denn die guten Zahlen der Schweizer ließen alle glauben, dass jeder Zukauf mit ein paar Umbauten zu einer kleinen Swiss werden kann. Doch stattdessen schreiben die Töchter wie Austrian Verluste oder drohen wie Brussels Airlines in die roten Zahlen zu rutschen. Quelle: AP

Dank seines Talents zur Kommunikation dürfte Spohr für mehr Konsens sorgen und die Dauerkonflikte mit Politikern um steigende Abgaben, mit Kunden um Einschränkungen beim Service und mit Mitarbeitern um Gehaltskürzungen entschärfen. Zwar war Franz bemüht, seine Pläne den Betroffenen in vielen Versammlungen und Internet-Foren zu erklären. „Doch es bleibt der Eindruck, den bringen wir nicht von seiner Meinung ab, wogegen Spohr zumindest verspricht, Vorschläge zu prüfen“, sagt ein Top-Gewerkschafter. Mit seiner technokratischen Wortwahl wirkte Franz auf dem politischen Parkett ungeschickt und fremd, was dem Unternehmen eher schadete.

Der ausgebildete Airbus-Pilot Spohr bewegt sich dagegen mit der natürlichen Autorität eines Flugkapitäns. Der Akzent seiner Heimatstadt Wanne-Eikel macht ihn glaubhaft, egal, ob er mit einfacheren Mitarbeitern redet oder auf glamourösen Events in München oder Berlin glänzt. Gleichzeitig könnte Spohr für bessere Stimmung im Unternehmen sorgen. „Wir gelten doch inzwischen als sturer Sparverein, der das Opfer übermächtiger Konkurrenz ist“, sagt ein Manager.

Sein Gespür für „Good Vibrations“ zeigte Spohr, als die Lufthansa 2012 den ersten Jumbojet Boeing 747-8 bekam. Franz sagte, Flugzeuge seien teuer. Spohr hingegen jubelte, der tolle Flieger lasse die Lufthansa umweltfreundlicher und komfortabler denn je fliegen. Ein Insider: „Wir brauchen einen, der Selbstbewusstsein, Aufbruch sowie Freude am Fliegen vermittelt.“

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