Claus Weselsky Bahn muss für Entlastung der Lokführer sorgen

Fahrgästen sind die vergangenen Tarifverhandlungen zwischen GDL und Deutscher Bahn mit tagelangen Streiks noch im Gedächtnis. Die nächste Runde: GDL-Chef Claus Weselsky fordert mehr „Work-Life-Balance“.

Wo Kunden zufrieden sind – und wo nicht
Pünktlichkeit: Jeder fünfte ICE kam 2015 mindestens sechs Minuten zu spät an. Die Leistungen entsprechen nicht annähernd den Zielen der Deutschen Bahn. Sie will in diesem Jahr eine Pünktlichkeitsquote von 80 Prozent erreichen, langfristig sogar auf 85 Prozent hoch kommen. Die Tendenz 2016 bleibt jedoch weiter schwach. Im Januar lag die Pünktlichkeitsquote bei 77 Prozent. Quelle: AP
Preise: Die Zeiten der jährlichen Preiserhöhung wegen „gestiegener Energie- und Personalkosten“ sind vorbei. Zumindest im Fernverkehr blieben die Preise seit zwei Jahren stabil - den Fernbussen sei Dank. 19-Euro-Sparpreise locken inzwischen selbst Schüler und Studenten. Die neue Devise des Vorstands: lieber volle Züge statt leerer Kassen. Preislich ist die Bahn inzwischen wettbewerbsfähig. Quelle: dpa
ICE-Restaurant: Leider ist die Küche zu oft kaputt. Mal bleiben die Getränke warm oder der Kaffee kalt. Mitunter fehlen die angepriesenen Snacks wegen schlechter Logistik. Dennoch: Wenn es läuft, dann ist ein Sitz im ICE-Restaurant der schönste Platz im Zug – gerne auch bei einem der guten Weine. Urheber: Volker Emersleben // Deutsche Bahn AG
WLAN: In der zweiten Klasse eines ICE ist WLAN noch immer nicht kostenlos und in der ersten Klasse funktioniert der Download alles andere als einwandfrei. Als 2010 zahlreiche ICE grundsaniert wurden, verzichtete das Unternehmen sogar auf den Einbau der WLAN-Technik. So viel Behäbigkeit wird nun bestraft. Die Fernbusse machen der Bahn in Sachen WLAN was vor. Erst Ende 2016 soll es auch im ICE besser werden. Viel zu spät. Quelle: dpa
Information: Schon mal in Bielefeld am Bahnhof gewesen? Seit Jahren fallen die Anzeigentafeln immer wieder aus. Bielefeld gibt es leider auch anderswo. Und wenn die Anzeigen am Bahnsteig funktionieren, dann korrespondieren sie oft nicht mit den Informationen der Bahn-Apps. In den Zügen sollte die Bahn mal ihre Durchsagen auf Relevanz überprüfen. Immerhin am Bahnsteig soll es bald Entwirrung geben. Die Bahn will Multi-Zug-Anzeigen einsetzen: mit drei Zügen auf dem Display. Das klingt gut. 40 von insgesamt 120 Fernbahnhöfen sind bereits umgerüstet. Quelle: dpa
Apps: Nicht jede Frage an @DB_Bahn beantwortet das Twitter-Team zwar zu voller Zufriedenheit. Dennoch zeigen die Twitterer der Deutschen Bahn, wie schnell und effektiv ein Konzern mit seinen Kunden kommunizieren kann. Eine starke Leistung. Auch der DB Navigator bietet echten Mehrwert. Die Deutsche Bahn beweist mit ihren Apps, dass auch traditionelle Konzerne digitale Maßstände setzen können.   Quelle: dpa
Lounges: Ein großzügiger Service für Vielfahrer: kostenloser Kaffee, Tee, Wasser und Softdrinks. In der ersten Klasse erhalten Fahrgäste auch Bier, Wein und Snacks. Leider ist die zweite Klasse oft zu voll. Die Deutsche Bahn prüft den Aufbau zusätzlicher Lounges in ein bis zwei Städten. Quelle: dpa

Diesmal geht es ihm um die Arbeitszeit: GDL-Chef Claus Weselsky hat vor den anstehenden Tarifverhandlungen mit der Deutschen Bahn eine tatsächliche Entlastung der Lokführer gefordert. Die Überstunden seien bisher im überwiegenden Teil ausgezahlt worden, kritisierte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Zwar habe der ein oder andere Lokführer so mehr in der Tasche. „Aber die Forderung, wieder Überstunden zu leisten und Mehrarbeit zu bringen, die bleibt bestehen“, sagte Weselsky.

Neben der Forderung nach vier Prozent mehr Gehalt möchte der GDL-Chef deshalb mehr Entlastung für die Lokführer durchsetzen. Die offiziellen Verhandlungen sollen noch im September beginnen, bevor die Friedenspflicht ausläuft. Einen genauen Verhandlungstermin gebe es aber noch nicht. Im Fokus stehe diesmal die sogenannte Work-Life-Balance der Lokführer, also ein angemessener Ausgleich von Arbeits- und Privatleben. Deshalb fordere die GDL auch nur vier Prozent mehr Gehalt, erklärte Weselsky.

Bereits in der vergangenen Tarifrunde hatten sich GDL und Bahn darauf geeinigt, dass kein Lokführer mehr als 80 Überstunden pro Jahr sammeln soll. „Wir stellen aber ernüchtert fest, dass die Bahn noch nicht ausreichend Einstellungen vorgenommen hat“, sagte Weselsky. Die angekündigte Neuanstellung von 1200 Lokführern sei ein „Offenbarungseid“ schlechter Personalplanung.

Fakten zum Personenverkehr der Deutschen Bahn

Die Lokführer-Gewerkschaft hatte zwischen September 2014 und Mai 2015 insgesamt neun Warnstreiks und Streiks organisiert, um eigenständige Tarifverträge für das gesamte Zugpersonal zu erzwingen. Vor dem Start der nächsten Tarifrunde scheint Weselsky aber weniger auf Krawall gebürstet: „Wir haben bewiesen, dass wir uns auseinander- und durchsetzen können. Ich gehe davon aus, wir brauchen keinen erneuten Beweis dafür.“

Auch in Richtung der Fahrgäste, die während der vergangenen Streiks zu Hunderttaussenden an deutschen Bahnhöfen gestrandet waren, gibt sich Weselsky versöhnlich. Er plane vorab keine tagelangen Ausstände. „Wir haben eine klare Botschaft. Wir wollen verhandeln.“

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