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CO2-Kompensation 22 Euro pro Tonne CO2

Ein möglicher CO2-Preis, ob als Steuer, Abgabe oder Emissionshandel, soll den Ausstoß von Treibhausgasen verteuern und damit klimafreundliche Technologien fördern. Quelle: dpa

Wer in den Urlaub fliegt, erzeugt dabei schnell so viel CO2 wie sonst in einem ganzen Jahr. Der CO2-Verbrauch muss einen Preis bekommen, sagt Kai Landwehr von der Klimaschutzorganisation Myclimate.

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In Deutschland wird hitzig über eine CO2-Steuer diskutiert. Wie die einmal aussehen könnte, ist noch unklar. Für die Klimaschutzorganisation Myclimate steht fest: Wir brauchen eine zielgerichtete Abgabe, die in den Klimaschutz fließt. Nur das würde das Problem wirklich lösen. Doch bis es vielleicht einmal dazu kommt, gibt es auch jetzt schon Möglichkeiten, seinen CO2-Fußabdruck zu reduzieren und trotzdem in den Urlaub fliegen zu können. Ein Gespräch mit Kai Landwehr, Pressesprecher der Klimaschutzorganisation.

WirtschaftsWoche: Ihre Organisation bietet einen Service an, mit dem Flugreisende ihren CO2-Fußabdruck neutralisieren können. Wie funktioniert das?
Kai Landwehr: Wenn Sie Ihren Flug gebucht haben, oder auch wenn Sie schon geflogen sind, gehen Sie auf unsere Website und geben dort Ihre Flugdetails an: Startflughafen, Zielflughafen und welcher Klasse Sie geflogen sind. Dann werden die CO2-Emissionen Ihres Fluges berechnet. Sagen wir mal: Flug von Frankfurt nach New York, das sind 2,3 Tonnen CO2 für einen Hin- und Rückflug in der Economy-Klasse. Dafür kriegen Sie dann einen Preis angezeigt, in diesem Fall 55 Euro. Für diesen Preis garantieren wir, dass diese Menge CO2 an einer anderen Stelle effektiv eingespart wird, in einem unserer rund 100 Klimaschutzprojekte weltweit.

Insofern ist das ja ein manuelles System. Sie arbeiten aber auch mit Fluggesellschaften direkt zusammen.
Wir arbeiten seit mehr als zehn Jahren sowohl mit der Lufthansa als auch mit der Swiss zusammen, oder auch mit zwei japanischen Airlines. Dort werden Sie nach Abschluss des Buchungsprozesses gefragt, ob Sie das als Zusatzleistung nutzen wollen. Nur muss man ganz ehrlich dazu sagen: Der überwiegende Anteil der Kompensationen, weit über 90 Prozent, geschieht auf unserer Website direkt. Denn im Moment ist es bei den Fluggesellschaften noch nicht im Buchungsprozess integriert. Das heißt: Sie sind schon aus dem Webshop raus und bekommen noch eine Bestätigungsseite mit weiteren Services angezeigt und werden dort informiert. Das kennt man ja: Die meisten Leute sind dann geistig schon woanders und klicken dieses Angebot weg. Das ist unserer Meinung nach der Hauptgrund, aus dem das Angebot auf der Website der Fluglinien noch kaum wahrgenommen wird. Das entspricht auch einfach nicht mehr dem heutigen Kundenverhalten im Internet.

Da sollte es doch eine bessere Lösung geben.
Das sehen die Fluggesellschaften genauso und haben angekündigt, dass sie diesen Prozess im Laufe des Jahres noch ändern wollen. Bei der Integration in den Buchungsprozess funktioniert das nämlich viel besser. Das gibt es hier in der Schweiz beispielsweise, wenn Sie eine Jugendherberge buchen. Sie buchen das online und während Sie noch dabei sind, das zu buchen, werden Sie gefragt: Wollen Sie die Übernachtung klimaneutral haben? Und da sagen die meisten Leute: Na klar, ist doch eine gute Sache und vom Preis her völlig überschaubar. Da haben Sie Zustimmungsraten von 60 Prozent.

Und wie oft wird ein Flug momentan bei Ihnen „klima-neutralisiert“?
Die Rate ist momentan nicht sehr hoch, aber stark steigend. Für die Schweiz lässt es sich einfacher sagen, weil wir hier mehr oder weniger der einzige Anbieter sind. Da wird recht genau ein Prozent der Flüge ausgeglichen.

Unsere große Hoffnung ist, dass die Kompensationsrate deutlich steigen wird, wenn das Angebot direkt in den Buchungsprozess eingebunden ist. Wenn Sie es direkt dazuwählen können wie ein veganes Menü oder Extra-Gepäck. Gerade in der heutigen Zeit mit dem viel stärkeren Bewusstsein für diese Fragen rechnen wir damit, dass sich diese Zustimmungsrate deutlich steigern wird. Von den 60 Prozent wie bei den Jugendherbergen ist man dann vermutlich aber immer noch eher weit entfernt.

Auf was für Buchungsraten hoffen Sie?
Das ist ein Blick in die Glaskugel. Ich glaube, da ist noch großes Potential, vor allem, weil das Thema auch so präsent ist und bleiben wird. Es wird von sämtlichen Parteien aufgegriffen. Die, die sich in den letzten Jahren davor wegducken wollten, können das jetzt nicht mehr. Gleichzeitig ist die Akzeptanz sehr hoch. Ein hoher Prozentsatz von Leuten sagt: Wenn es einfach ist, möchte ich das machen. Ob es dann auf zehn Prozent geht, oder gar 15, da tu ich mich ganz schwer mit. Wir sind selber hochgradig gespannt.

Wenn das Geld nun bei Ihnen ankommt – wie genau funktioniert der CO2-Ausgleich?
Viele Leute setzen Klimaschutzprojekte mit Aufforstung gleich, das ist aber etwas tückisch. Bis ein Baum auf natürlichem Weg eine gewisse Menge CO2 aus der Atmosphäre gezogen hat, vergeht einiges an Zeit. Sie müssen, wenn Sie einen Baum pflanzen, ja auch garantieren, dass dieser Baum sieben, zehn, 15 Jahre dort steht. Das ist einer der Gründe, warum wir uns relativ lange von Aufforstungsprojekten zurückgezogen haben.

Ich nehme als Beispiel gern Kleinbiogasanlagen. Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit haben keinen Zugang zur Stromversorgung, müssen aber drei Mal am Tag Wasser abkochen oder Mahlzeiten zubereiten. Wir bieten in Indien Kleinbauernfamilien, die sonst relativ rudimentär mit Feuerholz oder Holzkohle kochen würden, vergünstigte Kleinbiogasanlagen an. Das ist eine einfache Technologie: Sie werden mit Wasser, den Exkrementen der Tiere und biologischen Abfällen gefüllt, da ist eine Kuppel drüber, es entsteht Methangas, das ins Haus geleitet wird und den Gaskocher befeuert.

Dann lässt sich relativ einfach berechnen, wieviel CO2 eine Familie, die ein Jahr lang mit Biogas kocht, einspart, weil sie eine gewisse Menge Holz oder Kohle nicht verbrannt hat. Ebenso wie viel Methan über die tierischen Extremente nicht einfach durch Verrottung in die Atmosphäre gelangt.

Wie berechnet sich der „Preis“ einer Tonne CO2?
Der Preis für so eine reduzierte Tonne CO2 berechnet sich einerseits aus den Technologiekosten, also: Wieviel kostet es, zehn Bäume zu pflanzen? Wieviel kostet es, so eine Biogasanlage zu subventionieren? Aber natürlich auch noch andere, mit dem Projekt zusammenhängende Kosten: Leute, die dort hin gehen und die Technologie erklären, verkaufen und errichten. Nicht zuletzt ist ein Kostenpunkt auch die jährliche Kontrolle und das Monitoring. Die CO2-Reduktion erfolgt ja nur, wenn die betreffenden Familien die Technologie auch nutzen. Diese Transaktionskosten kommen dazu, stellen aber eben auch sicher, dass die CO2-Reduktion wirklich erfolgt.

Diese Kostenstruktur ist von Land zu Land und je nach Technologie unterschiedlich. Ein einfacher Kocher mit Backsteinkonstruktion in Kenia ist vermutlich günstiger als eine Kleinbiogasanlage. Dafür müssen sie dort dann mehr Familien besuchen und haben einen anderen Kostenfaktor. Wir mischen das in unserem Projektportfolio und kommen auf einen Preis von ungefähr 22 Euro pro Tonne CO2.

Von diesen 22 Euro gibt es natürlich noch einen gewissen Overhead, der bei uns in der Organisation verbleibt. Als gemeinnützige Organisation darf das bei uns aber 20 Prozent nicht überschreiten, im letzten Jahr betrug unser Overhead 13 Prozent.

Es wird momentan hitzig über eine mögliche CO2-Steuer diskutiert. Was machen Sie, wenn die Politik ihnen damit die Arbeit abnimmt?
Wenn ein großes Land oder gar die EU beschließt, CO2-Emissionen einen Preis zu geben, würde hier ziemliches Jubelgeschrei losgehen. Das ist genau das, was es im internationalen Klimaschutz braucht, das wäre eine ganz großartige Sache.

Man muss bei diesen sogenannten CO2-Abgaben aber natürlich genauer hinschauen: Wie funktionieren die denn? Wenn die Abgabe nicht einmal den Kosten der notwendigen CO2-Einsparmaßnahmen entspricht und einfach in einen großen, anonymen Bundeshaushalt reinfließt, brauchen wir freiwillige Kompensationen weiterhin. Das hat dann eher eine Art Lenkungswirkung, die vielleicht dafür sorgt, dass Kunden nach klimafreundlicheren Alternativen schauen. Aber Sie haben kein zweckgerichtetes Budget für die CO2-Einsparung.

Wenn es aber tatsächlich eine CO2-Bepreisung in jedem Produkt und jeder Dienstleistung wird, die auch dafür eingesetzt wird, um die Umweltfolgekosten zu neutralisieren, das wäre großartig, der Wunschtraum jedes Klimaschützers. Dann könnten wir unser aktuelles Modell vielleicht nicht mehr anbieten. Aber natürlich gäbe es dann einen noch viel größeren Bedarf, entsprechende Projekte zur Reduktion zu planen, durchzuführen und Wirkungsanalysen zu machen.

Beschäftigungsfelder gäbe es für uns dann immer noch, nur wäre die Grundsituation viel besser.

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