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"Der Ring" nach Schalke Rock am Abgrund

Mit dem Umzug ins Gelsenkirchener Fußballstadion versucht der Berliner Konzertveranstalter Deag nach dem öffentlichen Zoff um das Rockfestival am Nürburgring Schadensbegrenzung zu betreiben. Doch Plan B birgt Risiken.

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Peter Schwenkow: Aufsichtsratsvorsitzender Deutsche Entertainment AG. Quelle: dpa

Jetzt ist es offiziell: Das Rockfestival am Nürburgring ist geplatzt, „Der Ring – Grüne Hölle Rock“ am letzten Maiwochenende findet nicht in der Eifel statt. Der Berliner Konzertveranstalter Deag zieht nach Schalke um und nennt das Festival „Rock im Revier“. Nach tagelangem öffentlich ausgetragenem Krach mit dem Rennstreckenbetreiber CNG versucht die Deag zu retten, was noch zu retten ist.

Am 9. April startet der Ticketverkauf für das Rockevent im Ruhrpott. Ganze sieben Wochen bleiben somit, um die Karten bis zum Festivalwochenende vom 29.-31. Mai verkauft zu bekommen. Die Hoffnung dürfte sein, im Ruhrpott als Deutschlands größtem Ballungsgebiet mehr Käufer zu finden als für das Konzert in der abgelegenen Eifel.

Insbesondere dürfte die Deag darauf setzen, deutlich mehr Tagestickets verkaufen zu können: Nicht jeder will sich gleich drei Tage Rock geben, aber an Rhein und Ruhr könnte es eine Menge Leute geben, die für einen einzelnen Tag vorbeischauen. Bei Metallica wird das Kalkül vermutlich noch am ehesten aufgehen. Die Risiken für die Deag sind allerdings immens.

Das Zwillingsfestival Rockavaria, das am selben Wochenende im Münchner Olympiapark stattfindet, liegt ebenfalls in Metropolgebiet statt in der Provinz. Der Vorverkauf für Rockavaria startete bereits im November, nach fast fünf Monaten waren allerdings bis vergangene Woche erst gut 33 000 Karten verkauft – inklusive Tagestickets, die es seit Mitte März gibt. Der Rock-Hunger im Pott müsste schon erheblich größer sein als der der Bayern, damit sich in nur sieben Wochen noch ein vernünftiges Ticketverkaufsergebnis realisieren lässt.

„Rock im Pott“ floppte in der Schalker Arena

Dass dies trotz der hohen Bevölkerungskonzentration an Rhein und Ruhr keineswegs so sein muss, zeigt die Erfahrung von Marek Lieberberg mit „Rock im Pott“, das ironischerweise an gleicher Stelle in der Arena auf Schalke stattfand. Nach passablem Start 2012 und einer enttäuschenden Veranstaltung 2013 stellte der Frankfurter Konzertveranstalter Rock im Pott ein, seit 2014 findet es nicht mehr statt.

Die für die Deag erzielbaren Ticketerlöse dürften auf Schalke über denen am Nürburgring liegen. Der Vorverkauf für „Der Ring“ lief extrem schwach, laut einer der WirtschaftsWoche vorliegenden Statistik der Deag waren Anfang Februar rund 7500 Tickets verkauft, zuletzt sollen es inklusive Tagestickets etwa 15 000 gewesen sein. Offizielle Angaben dazu gibt es weder von der CNG noch von der Deag. Doch selbst von den wenigen Ticketkäufern wird die Deag noch einige verlieren.

Die zehn größten Musikfestivals nach Umsatz 2014

Auf der offiziellen Facebook-Seite von „Der Ring“ beschweren sich zahlreiche Fans und wollen ihre Tickets zurückgeben, ebenso in diversen Musikforen. Die Deag wird ihre Besucher auf Schalke weitgehend komplett neu gewinnen müssen – und das binnen kürzester Zeit.

Obwohl die Ticketverkäufe vermutlich trotzdem höher liegen werden als die miserablen Nürburgring-Zahlen bleibt fraglich, ob sich der Umzug unter dem Strich lohnt. Der planerische und logistische Aufwand für den Umzug ist immens und verursacht zusätzliche Kosten, im Marketing wird einiges investiert werden müssen, um in kurzer Zeit viele Tickets verkaufen zu können. Auch die Miete für die Arena schlägt zusätzlich zu Buche. Für den Nürburgring wäre keine Miete angefallen, die Deag hätte dafür das Ergebnis hälftig mit der CNG teilen müssen.

CNG bestreitet Vertragsbruch vehement

Deag-Chef Peter Schwenkow sieht sich über eine Ausfallversicherung gut abgesichert. Laut einer Ad-Hoc-Meldung des Unternehmens vom Montag hat diese eine Deckungssumme von 7,5 Millionen Euro. Nachdem im Oktober vergangenen Jahres ein russisches Konsortium die Mehrheitsanteile am Nürburgring vom Düsseldorfer Motorsportzulieferer Capricorn übernommen hatte, vereinbarte Deag mit der Versicherung eine „Breach of Contract“-Klausel.

Das bedeutet: Wenn der Vertragspartner vertragsbrüchig wird, greift die Versicherung. Die Deag wollte vorsorgen, da sie den neuen Nürburgring-Hauptgesellschafter nicht kannte. Entsprechend teilten die Berliner in ihrer Ad-Hoc-Meldung vom Montag mit: „Die DEAG Deutsche Entertainment Aktiengesellschaft stellt fest, dass die CNG ihren vertraglichen Verpflichtungen als Mitveranstalter und ihren Zahlungsverpflichtungen für das geplante Rock-Festival am Nürburgring nicht nachgekommen ist und damit Vertragsbruch begangen hat.“

Problembauten am Nürburgring
Freizeit-, Gastronomie- und Hotelkomplex
Ring-Racer
Ring-Werk
Ring-Boulevard
Ring-Arena
Grüne Hölle
Hotels

Das ist die Auffassung der Deag. Ob sie zutreffend ist, wird sich aber vermutlich erst vor Gericht klären. Die CNG, so hat sie per Pressemitteilung erklärt, „weist Vorwürfe des Vertragsbruch entschieden zurück“. Sie bezichtigt stattdessen die Deag, den Vertrag nicht erfüllt zu haben. Deag sei „als Veranstalter für die gesamten Marketingaktivitäten und die Ticketverkäufe verantwortlich und hat letztlich die gesetzten Ziele eklatant verfehlt.“ Der Vorwurf des Vertragsbruchs sei ein „durchsichtiger Versuch der DEAG, von dem eigenen Misserfolg bei der Vermarktung abzulenken.“

Auslöser des Streits waren die millionenschweren Vorkosten für das Festival, bis Ende März fast 4,8 Millionen. Vorverkaufseinnahmen von nur 0,8 Millionen reichten bei weitem nicht aus, um diese zu decken. Die Deag forderte deshalb die CNG auf, die Hälfte der Kosten zu übernehmen, was diese allerdings nicht wollte. Dabei handelte es sich nur um die vorab fälligen Kosten, die Streitsumme insgesamt wird noch deutlich steigen.

Festivals kosten zweistellige Millionensummen

Bei der Vorgängerveranstaltung „Rock am Ring“, die Marek Lieberberg nun nach 29 Jahren im nahegelegenen Mendig weiter führt, waren 2012 und 2013 jeweils rund 12,5 Millionen Euro an Gesamtkosten angefallen (2014 waren sie etwas höher, sind aber kein guter Vergleich, da das Festival ausnahmsweise vier statt wie sonst drei Tage dauerte). Für das neue Festival in Mendig, so ist zu hören, seien die Kosten auf etwa 18 Millionen Euro gestiegen. Auch Schwenkow hatte sich in einem Interview mit der Koblenzer „Rhein-Zeitung“ schon beklagt, das durch die „Festivalinflation“ die Musikergagen steigen.

Da CNG und Deag eine hälftige Aufteilung des Ergebnisses vereinbart haben spricht die Ausfallversicherung über 7,5 Millionen Euro bei Vertragsbruch des Partners dafür, dass auch die Deag mit Kosten von mindestens 15 Millionen Euro für das Festival kalkulierte. Wer am Ende für wie viel haftet, wird sich noch zeigen müssen, höchstwahrscheinlich vor Gericht.

Potenzielle Millionenlöcher

Problematisch für die Deag: In München arbeitet sie bei Rockavaria mit der Global Concerts GmbH zusammen, die allerdings eine hundertprozentige Tochter der Deag ist, in Wien bei Rock in Vienna mit der Blue Moon Entertainment GmbH, ebenfalls eine Deag-Tochter. Die Risiken für diese Konzerte trägt Deag also weitgehend alleine. Mit bis vergangene Woche gut 33.000 verkauften Tickets inklusive Tageskarten dürfte auch Rockavaria (Kapazität: 68.000 Besucher) noch nicht kostendeckend sein, ganz zu schweigen von Rock in Vienna (Kapazität: 55.000 bis 60.000), wo bis vergangene Woche inklusive Tagestickets erst rund 16.000 Karten verkauft waren.

Wachstumsstrategie könnte voll nach hinten losgehen

Der von der Deag als große Wachstumsstrategie gefeierte „massive Eintritt in den Rockfestivalmarkt“ könnte somit voll nach hinten losgehen: Die Deag rockt mit ihren Festivals an einem Abgrund, hinter dem sich potenzielle Millionenlöcher auftun. Mit Spannung darf erwartet werden, wie die Deag die Situation bei der Veröffentlichung ihrer Zahlen für das Jahr 2014 beurteilt. Die sollten eigentlich am vergangenen Dienstag präsentiert werden, die Vorstellung wurde wegen des Zoffs am Ring aber kurzfristig auf den 20. April verschoben.

Auffällig in der Ad-Hoc-Meldung vom Montag ist, dass die Deag ein bereinigtes operatives Ergebnis vor Zinsen und Steuern sowie den Umsatz 2014 mitteilt, sich zum Jahresergebnis aber ausschweigt. Mehr als den Hinweis, dass das Jahresergebnis durch Risikovorsorge wegen der Probleme am Nürburgring und vorgezogener Investitionen bei der Tochter MyTicket mit bis zu drei Millionen Euro belastet wird, gibt die Deag nicht.

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Die ARD bezeichnet die Ad-Hoc-Meldung daher sogar als „verkappte Gewinnwarnung“. Zum Vergleich: 2013 wies Deag einen Netto-Konzerngewinn von 975.000 Euro aus, nachdem es im Vorjahr noch 2,68 Millionen Euro gewesen waren. Die Diskussionen und Probleme sind jedenfalls mit dem Umzug nach Schalke noch lange nicht erledigt.

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