WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Deutsche Bahn-Chef Grube: "Wir stehen pausenlos zu Unrecht am Pranger"

Seite 3/4

Kein verbindlicher Lieferplan von Siemens

Die skurrilsten Durchsagen der Bahn
„Die Weiterfahrt wird sich in Leverkusen verzögern. Wir werden von einem hochwichtigen Zug überholt“, zwitscherte @BahnAnsagen beispielsweise in die Runde. Die - unbekannten - Betreiber des Accounts nehmen auf, was ihnen ihre Follower aus ganz Deutschland schicken. Auf unserem Bild sieht man übrigens, wie der französische TGV in Stuttgart ankommt und begeistert empfangen wird. Quelle: dpa
Auch der nächste Tweet nimmt die Verspätungen der Deutschen Bahn aufs Korn: „Durchsage im Zug am Bahnhof Hamm: 'Wir warten noch auf auf Fahrplanabweichungen'.“ Ein anderer Twitter-Nutzer antwortet mit ironischem Unterton: „Bei der S-Bahn in Stuttgart muss man da nicht drauf warten. Einfach an den Bahnsteig stellen, und sie sind da.“ Quelle: dpa
Dieser Tweet kommt wohl ohne Kommentare aus: „An das Zugpersonal: Bitte die Türen noch einmal öffnen, damit der Zugführer einsteigen kann!“ Quelle: dpa
Die armen Zugbegleiter haben es aber auch nicht immer leicht. Eigentlich wollen sie sich nur artig bedanken - und dann das: „Wir wünschen einen angenehmen Abend und danken, dass Sie uns benutzt haben.“ Quelle: AP
Dieser Tweet wird vor allem Pendler, die viel im Ruhrgebiet oder Düsseldorf unterwegs sind, zum Lachen bringen: „Ist etwas voll geworden. Sonst wären wir auch nicht die S1“, so eine Lautsprecherdurchsage in der S-Bahn-Linie 1. Im Ursprungs-Tweet war die Rede davon, dass die Ansage in Köln aufgeschnappt worden sein soll. Allerdings - in Köln gib es keine S1. Tatsächlich verkehrt die Bahn zwischen Solingen und Dortmund. Die beschriebene Situation dürfte allerdings trotzdem vielen bekannt vorkommen oder, wie @BahnAnsagen schreibt: „Der Inhalt der Aussage transportiert sich auch so, ob nun S1, U1 oder RE1.“ Quelle: AP
Und wieder eine Verspätung - und ein kleiner Versprecher: „Wie Sie gemerkt haben, sind wir 7,5 Minuten später gestartet. Wir bitten Sie, dies zu bedauern!“ Quelle: dpa
Auch Fotos zwitschert @BahnAnsagen. Wie zum Beispiel dieses hier (Screenshot) mit der Anmerkung: „Lässt die Bahn jetzt Raum für eigene Notizen?“ Quelle: Screenshot

Wann können Reisende dann mit merklichen Verbesserungen rechnen?

Wir haben heute 253 ICEs. Bei dieser Flottengröße bräuchten wir normalerweise zehn Prozent Reservefahrzeuge, also 25 Fernverkehrszüge. Die haben wir aber nicht, weil im Juli 2008 bei einem ICE in Köln die Achse gebrochen ist. Seitdem müssen wir aus Sicherheitsgründen mit unseren ICEs im Schnitt zwölf Mal häufiger in die Werkstatt zur Ultraschalluntersuchung. Unsere Werkstätten arbeiten dadurch am Anschlag. Schwachstelle ist die eingeschränkte Verfügbarkeit unserer Zugflotte. Wir verwalten den Mangel.

Wann kommen die 17 Züge von Siemens?

Bis heute hat uns Siemens keinen verbindlichen Lieferplan genannt. Wir testen zwar gerade die ersten zwei Züge, aber es fehlt noch immer die Zulassung, damit wir auch Passagiere transportieren dürfen. Im Übrigen sollen die ICEs auch in Frankreich und Belgien fahren können. So haben wir sie bestellt. Wir wären schon glücklich, wenn wir die ersten Züge bald zumindest in Deutschland einsetzen könnten.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Kommen die 27 Doppelstock-Züge von Bombardier für den Fernverkehr bald?

    Nein. Die waren eigentlich für Ende 2013 bestellt. Wenn alles gut läuft, bekommen wir die Züge Mitte 2015. Wahrscheinlich wird sich die Lieferung eher in die zweite Jahreshälfte 2015 verschieben. Die Doppelstock-Züge werden uns also fast zwei Jahre später als geplant zur Verfügung stehen. Das ärgert uns sehr. Denn zum Schluss müssen unsere Mitarbeiter die Probleme und Engpässe ausbaden, die andere zu verantworten haben.

    Müssten Sie in Zukunft dann nicht stärker Wettbewerb erzeugen und die Bestellung von Zügen auf mehrere Auftragnehmer verteilen?

    Im Regionalverkehr tun wir das ja schon intensiver denn je. Im Hochgeschwindigkeitsbereich ist das Markteintrittsrisiko aber für viele Hersteller zu hoch. Ein großes Problem ist vor allem noch immer der Zulassungsprozess. Es gibt zurzeit zwei Hersteller, deren Hochgeschwindigkeitszüge in Deutschland fahren: Siemens und Alstom. Andere Hersteller tun sich den Ärger in Deutschland erst gar nicht an.

    Wie viel Geld die Bahn in einen Infrastrukturfonds einbezahlen könnte, wenn sie die Gewinne der Netzsparte dafür abführen müsste (zum Vergrößern bitte anklicken).

    Welchen Ärger?

    Entwicklung und Bau eines Zuges dauern rund fünf Jahre, zwei Jahre davon benötigt allein die Zulassung. In Deutschland stehen zurzeit fertig produzierte Züge mit einem Wert von rund einer Milliarde Euro in den Produktionshallen und warten auf das Okay der Behörde. Der Vertreter eines Zugherstellers hat bei der EU-Kommission in Brüssel kürzlich vor versammelter Mannschaft gesagt: Der beste Business-Case wäre es, sich vom Standort Deutschland zurückzuziehen.

    Aber Politik, Hersteller und Bahn haben sich doch auf eine schnellere Zulassung geeinigt. Wo ist das Problem?

    Die Umsetzung dauert und dauert. Wir brauchen endlich eine Typenzulassung für ganze Zugreihen. Wir müssen dafür sorgen, dass am Anfang einer Zugentwicklung klar ist, welche Standards fünf Jahre später gelten. Außerdem brauchen wir endlich europäische Lösungen. Ich will hier keinem einen Vorwurf machen; aber so wie heute geht es wirklich nicht.

    Was muss sich in Europa ändern?

    Wenn ein Zug in Deutschland zugelassen ist, darf er noch lange nicht durch Frankreich, Italien oder die Schweiz fahren. Die europäische Zulassungsbehörde ERA muss künftig dafür sorgen, dass das möglich ist. Das Thema ist schon lange vereinbart, wird aber innerhalb der Europäischen Union nicht umgesetzt. Stattdessen kümmert man sich um die Fahrgastrechte, wo Deutschland schon Vorbild ist.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%