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Deutsche-Bahn-Chef unter Druck Aufsichtsrat will endlich Zukunftsvisionen sehen

Angesichts desaströser Geschäftszahlen will die Deutsche Bahn mit einem Maßnahmenpaket eine Trendwende einleiten. Den Aufsichtsräten reicht das nicht. Sie erhöhen den Druck auf Bahn-Chef Rüdiger Grube.

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Deutsche Bahn Regio Quelle: dpa Picture-Alliance

Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang. Am Mittwoch trifft sich der Aufsichtsrat zur halbjährlichen Routine-Sitzung. Nur einen Tag später, am frühen Donnerstagvormittag, lädt der Vorstand der Deutschen Bahn die Fachpresse zu einer gemeinsamen Erklärung ein. Normalerweise scheuen Unternehmen öffentliche Auftritte so direkt nach einer Aufsichtsratssitzung, denn das dort Besprochene gilt als vertraulich und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Doch dieses Mal ist alles anders: Die Deutsche Bahn will und muss sich erklären.

Selten zuvor war die Situation der Deutschen Bahn so verkantet wie derzeit. Das erste Mal seit Jahren wird sich in diesem Jahr ein gewaltiger Verlust anhäufen. Die Güterbahn befindet sich in katastrophaler Lage, der Nahverkehr verliert jedes Jahr Marktanteile und der Fernverkehr wächst kaum noch. Die Prognosen für die kommenden Jahre hat der Konzern deshalb einkassiert. Umsatz und Gewinn werden deutlich unter den einstigen Schätzungen liegen. Die Verschuldung wird auf 22 Milliarden Euro steigen. Die Bahn braucht wieder Erfolgsmeldungen.

Das Geschäftsjahr 2014 der Deutschen Bahn

Die glaubt der Vorstand nun präsentieren zu können. Auf der Aufsichtsratssitzung und der Pressekonferenz werden Bahnchef Rüdiger Grube und seine fünf Vorstandskollegen die Details des im Sommer bereits angekündigten Konzernumbau erklären und das Programm „Zukunft Bahn“ vorstellen, das die Bahn in die Erfolgsspur setzen soll und auf mehrere Jahre ausgelegt ist.

Die meisten Ideen des Plans sind in den vergangenen zwei Wochen bereits in der Öffentlichkeit gezielt durch den Konzern gestreut worden. In einem „Gelbbuch“ nennt die Bahn Dutzende Einzelmaßnahmen: bessere Fahrgastanzeigen auf dem Bahnsteig, Sensoren an Weichen für schnellere Fehlerbehebung, mobile Instandhaltung in den Zügen gegen defekte Toiletten, pünktlichere Züge in allen Sparten. Und so weiter.

Dem Aufsichtsrat reichen die Maßnahmen nicht

Doch im Aufsichtsrat des Staatskonzerns kommt die Strategie gar nicht gut an. „Die einzelnen Maßnahmen sind zwar alle richtig“, sagt ein Aufsichtsratsmitglied der WirtschaftsWoche. „Doch das reicht nicht. Solche Maßnahmen sind selbstverständlich. Das erwarte ich von einem Vorstand jedes Jahr“. Dafür brauche es keine breit angelegte PR-Offensive.

Fakten zum Personenverkehr der Deutschen Bahn

Tatsächlich fehlt vielen Kontrolleure im Aufsichtsrat eine Vision, wohin sich die Deutsche Bahn bewegen soll.

So einen Wurf hat es zuletzt für den Fernverkehr gegeben, als ausgerechnet der vor wenigen Monaten geschasste Vorstand Ulrich Homburg ein mutiges Konzept vorlegte. Die Bahn kündigte an, bis 2030 den Fernverkehr um ein Viertel auszubauen, nahezu alle Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern mit ICE- oder Intercity-Zügen anzufahren und den Takt zwischen Metropolen auf zwei Mal pro Stunde auszubauen. Solche Visionen wünschen sich die Kontrolleure auch für die anderen Sparten. Doch dort gibt es sie nicht.

Stattdessen wurschtelt sich die Bahn mehr schlecht als recht durch und bremst das Wachstum aus.

Die schönsten Bahnhöfe 2015
Einmal im Jahr reisen die Tester von dem Lobby-Verband "Allianz pro Schiene" durch Deutschland und suchen nach den schönsten Bahnhöfen. Einer der Sieger in diesem Jahr: Das hessische Marburg. Seit dem Umbau des Bahnhofs und des Vorplatzes im vergangenen Jahr fügt sich das Gebäude in die historische Altstadt mit ihren verwinkelten Kopfsteinpflaster-Gassen ein. Quelle: Allianz pro Schiene, Andreas Taubert
Der Bahnhof überzeugte die Tester auch wegen seiner Alltagstauglichkeit: Bäckerei und Café machen ungewünschte Wartezeiten erträglich. Außerdem lobten die Tester die Sauberkeit des Bahnhofs. Etwa 11.000 Reisende nutzen die Station jeden Tag. Quelle: Allianz pro Schiene, Andreas Taubert
Weitere Sieger: Die beiden Bahnhöfe Obstfelderschmiede und Lichtenhain im Thüringer Wald. Zwischen den beiden Stationen fährt die Oberweißbacher Bergbahn, die unter Bahnfans längst Kultstatus erreicht hat. Die Tester zeichneten die Bahnhöfe deshalb als "Tourismusbahnhof des Jahres" aus. Quelle: Allianz pro Schiene, Andreas Taubert
Die Strecke der Bergbahn ist 1,38 Kilometer lang und bietet eine tolle Aussicht über Schluchten und den Thüringer Wald. Rund um die bereits vor über 200 Jahren eröffnete Strecke gibt es Wander- und Radwege. Quelle: Allianz pro Schiene, Andreas Taubert
Etwa 500 Menschen besuchen die Bahnhöfe jeden Tag. In Obstfelderschmiede stehen den Touristen auch ein Bergbahnshop und eine kleine Gastronomie offen.

Eine Vision für die Güterbahn könnte lauten: Die Deutsche Bahn setzt sich zum Ziel, den Marktanteil der Eisenbahn im Güterverkehr von heute 17 Prozent bis 2030 auf 25 Prozent auszubauen und wird gemeinsam mit ihren Wettbewerbern alles dafür tun, dass dieses Ziel erreicht wird – durch politisches Lobbying, vernetzte Strukturen, kooperatives Verhalten.

Bei einem wachsenden Güterbahnmarkt wäre es dann kein Problem, wenn die Deutsche Bahn Marktanteile verlieren würde, denn unterm Strich stünde ein absolutes Plus. Stattdessen soll die Transportleistung der Güterbahn-Tochter DB Schenker Rail in Deutschland nun aber bis 2017 zurückgehen und auch 2020 noch unter dem heutigen Niveau liegen, heißt es aus dem Umfeld des Kontrollgremiums. Die Bahn streicht Verladestationen und benennt sich künftig in „DB Cargo“ um – wie die Konzernsparte schon einmal hieß. Doch das ist Kosmetik statt Kampfgeist, monieren die Kontrolleure.

"Netzqualität und Pünktlichkeitswerte sind absolut nicht akzeptabel"

Eine Vision im Nahverkehr könnte lauten: Die Deutsche Bahn verknüpft den Personenverkehr zu einem perfekt ineinander greifenden Eisenbahn-System in Deutschland. Das Konzept des „Deutschland-Taktes“ kursiert schon seit Jahren in der Branche, doch kreiert haben es private Wettbewerber. Die Deutsche Bahn hat die Idee eines integralen Nah- und Fernverkehrs seit jeher bekämpft. Der eigenwirtschaftliche Fernverkehr sollte sich nicht einem Fahrplan der Zukunft unterwerfen, so das Credo der Bahn.

Wer nach Grubes Umbau im Bahn-Vorstand sitzt
VorstandsvorsitzenderRüdiger Grube (64) ist seit Mai 2009 Vorsitzender des Vorstands. Sein Vertrag läuft bis Ende 2017. Quelle: dpa
FinanzvorstandRichard Lutz (51), zuständig für Finanzen und Controlling, verantwortet zusätzlich für die internationale Bustochter Arriva und die Gütertransporte jenseits des Schienenverkehrs zuständig sein (Lastwagen, Schiff, Flugzeug). Quelle: REUTERS
Vorstand für Infrastruktur und DienstleistungenVolker Kefer (60) ist seit Herbst 2009 im Vorstand. Er fungiert inzwischen als Stellvertreter Grubes und wie zuletzt das Ressort Infrastruktur und Dienstleistungen leiten, ergänzt um Teilbereiche der Technik. Die Aufgaben der Techniksparte wurden nach dem Weggang ihrer Chefin Heike Hanagarth verteilt Quelle: dpa
PersonalvorstandUlrich Weber ( 66), Personalvorstand, ist aus dem langen Tarifkonflikt mit der Lokführergewerkschaft GDL bekannt. Er durfte bleiben. Quelle: dpa
RechtsvorstandRonald Pofalla (56), löste Gerd Becht (63) als Konzernvorstand für Regeltreue, Datenschutz, Recht und Konzernsicherheit ab. Außerdem behält der Ex-Kanzleramtschef seine bisherige Aufgabe bei der Bahn: die Kontaktpflege zu Politikern im Bund und bei der EU in Brüssel. Quelle: dpa
Vorstand Personen- und GüterverkehrBerthold Huber (52), war bis August 2015 Chef der Bahntochter DB Fernverkehr. Seitdem leitet er als Vorstandsmitglied nicht nur den gesamten Personenverkehr, sondern auch die Güterbahn. Quelle: dpa
AusgeschiedenUlrich Homburg (60) schied im August 2015 als Vorstand für den Personenverkehr aus dem Gremium aus. Berthold Huber ersetzt aber nicht nur Homburg, sondern auch... Quelle: dpa

Die sinkenden Marktanteile von DB Regio sind auch eine Quittung dieses Verhaltens. Statt gemeinsam mit der Branche an einer bundesweiten Fahrplan-Vision zu arbeiten, ist DB Regio heute ziemlich auf sich allein gestellt. Die Wettbewerber gewinnen einen Großauftrag nach dem anderen, zuletzt in Nürnberg und Stuttgart. Wie so oft wehrt sich die Deutsche Bahn juristisch. Projektgesellschaften, die sich nicht mehr an Tarifverträge halten, sollen in Zukunft eine Lösung sein, um wieder Ausschreibungen zu gewinnen. Die Arbeitnehmervertreter sind empört.

Neben den fehlenden Visionen stören sich viele Aufsichtsräte auch daran, dass die Bahn als hundertprozentiges Staatsunternehmen einzig und allein auf Finanzkennzahlen fixiert ist. Die Ziele heißen „Return on Capital Employed“, kurz: ROCE, oder operativer Gewinn, kurz EBIT. Solche Zahlen spielen an den Kapitalmärkten eine große Rolle. Doch die Deutsche Bahn gehört dem Bund und damit den Steuerzahlern. Sie könnte andere Ziele verfolgen wie Netzqualität und Pünktlichkeit. Doch danach wird die Bahn nicht ausgerichtet.

Anteil pünktlicher Züge der Deutschen Bahn im Personenverkehr

Zum Ärger der Aufsichtsräte. Claus Weselsky ist zwar bekannt als notorischer Querulant, doch in diesem Fall spricht er aus, was viele Kontrolleure im Aufsichtsrat denken. „Die Eisenbahn in Deutschland zeichnete sich in der Vergangenheit durch kluge Vernetzung, ein von Jahreszeiten unabhängiges Beförderungsangebot und eine hohe Pünktlichkeit aus“, sagte er der WirtschaftsWoche. „Leider sind Netzqualität und Pünktlichkeitswerte derzeit absolut nicht akzeptabel.“ Das müsse besser werden. „Sämtliche Vorstände müssen sich künftig an der Qualität der Infrastruktur messen lassen.“

Dienstleister



Den Vorständen geht es deshalb auf der Sitzung am Mittwoch ans Geld. Nach Information der WirtschaftsWoche sollen die Boni ab kommendem Jahr von der Pünktlichkeit abhängen. Hier muss sich Grube endlich an seinen eigenen ehrgeizigen Zielen messen lassen. Bis 2020 soll die Pünktlichkeitsquote der ICE-Züge von derzeit 74 Prozent auf 85 Prozent steigen.

Nach außen wird Grube die Maßnahme der Aufsichtsräte als richtig verkaufen. Bereits vor zwei Jahren sagte Grube im WirtschaftsWoche-Interview als Antwort auf solche Vorschläge: „Ich finde die Idee klasse. Reisende erwarten pünktliche Züge und reibungslose Umsteigeverbindungen. Daran lassen wir uns gerne messen.“

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