Deutsche Bahn Deutschland wird leiser

Jahrelange Proteste gegen den Zuglärm haben Erfolg. Die Deutsche Bahn will den Güterverkehr auf der Schiene leiser machen – dank neuer Technik, die den Schienenlärm um die Hälfte reduziert.

Lärm - Urteile
Foto einiger Hühner Quelle: dpa
Foto von spielenden Kindern Quelle: dpa
Foto eines großen Biergartens Quelle: dpa
Foto eines Staus auf einer Autobahn Quelle: dpa
Foto einer stark befahrenen Straße Quelle: dpa
Foto des Berliner Hauptbahnhofes Quelle: dpa
Bild einer Motorradfahrer-Truppe Quelle: dpa
Bild eines Bootssteges Quelle: dpa

Das Warten hat sich gelohnt. Ende Juni gab der internationale Eisenbahnverband UIC den Einsatz der neuen geräuscharmen Bremstechnologie, der sogenannten „LL-Sohle“, nach einer zweijährigen Testphase frei. Die derzeit rund 180.000 Güterwaggons in Deutschland mit lauten Graugussbremsen können nun umgerüstet werden. Heute Nachmittag werden Bahnchef Rüdiger Grube und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer der Öffentlichkeit erklären, dass bis 2020 sämtliche Güterwaggons der Deutschen Bahn auf Flüsterbremsen umgerüstet werden.

Für Lärmgeschädigte beginnt damit eine neue Zeitrechnung. Die LL-Sohle wird aus Kunststoff hergestellt und reduziert den Lärmpegel beim Bremsen der Züge um zehn Dezibel – physikalisch entspricht das einer Reduktion um die Hälfte. Allein die Güterbahntochter DB Schenker Rail besitzt rund 60.000 Waggons, die noch mit der herkömmlichen Graugussbremse ausgerüstet sind. Bei ihnen reiben die Bremsschreiben aus Gusseisen auf die Stahlräder. Für Anwohner etwa im Mittelrheintal, die nur wenige Meter von den Gleisen entfernt wohnen, ist der Schienenlärm eine echte Zumutung.

Die skurrilsten Durchsagen der Bahn
„Die Weiterfahrt wird sich in Leverkusen verzögern. Wir werden von einem hochwichtigen Zug überholt“, zwitscherte @BahnAnsagen beispielsweise in die Runde. Die - unbekannten - Betreiber des Accounts nehmen auf, was ihnen ihre Follower aus ganz Deutschland schicken. Auf unserem Bild sieht man übrigens, wie der französische TGV in Stuttgart ankommt und begeistert empfangen wird. Quelle: dpa
Auch der nächste Tweet nimmt die Verspätungen der Deutschen Bahn aufs Korn: „Durchsage im Zug am Bahnhof Hamm: 'Wir warten noch auf auf Fahrplanabweichungen'.“ Ein anderer Twitter-Nutzer antwortet mit ironischem Unterton: „Bei der S-Bahn in Stuttgart muss man da nicht drauf warten. Einfach an den Bahnsteig stellen, und sie sind da.“ Quelle: dpa
Dieser Tweet kommt wohl ohne Kommentare aus: „An das Zugpersonal: Bitte die Türen noch einmal öffnen, damit der Zugführer einsteigen kann!“ Quelle: dpa
Die armen Zugbegleiter haben es aber auch nicht immer leicht. Eigentlich wollen sie sich nur artig bedanken - und dann das: „Wir wünschen einen angenehmen Abend und danken, dass Sie uns benutzt haben.“ Quelle: AP
Dieser Tweet wird vor allem Pendler, die viel im Ruhrgebiet oder Düsseldorf unterwegs sind, zum Lachen bringen: „Ist etwas voll geworden. Sonst wären wir auch nicht die S1“, so eine Lautsprecherdurchsage in der S-Bahn-Linie 1. Im Ursprungs-Tweet war die Rede davon, dass die Ansage in Köln aufgeschnappt worden sein soll. Allerdings - in Köln gib es keine S1. Tatsächlich verkehrt die Bahn zwischen Solingen und Dortmund. Die beschriebene Situation dürfte allerdings trotzdem vielen bekannt vorkommen oder, wie @BahnAnsagen schreibt: „Der Inhalt der Aussage transportiert sich auch so, ob nun S1, U1 oder RE1.“ Quelle: AP
Und wieder eine Verspätung - und ein kleiner Versprecher: „Wie Sie gemerkt haben, sind wir 7,5 Minuten später gestartet. Wir bitten Sie, dies zu bedauern!“ Quelle: dpa
Auch Fotos zwitschert @BahnAnsagen. Wie zum Beispiel dieses hier (Screenshot) mit der Anmerkung: „Lässt die Bahn jetzt Raum für eigene Notizen?“ Quelle: Screenshot
Häufig ein Ärgernis in Zug und Bahn: Türen, die nicht richtig schließen. Manchmal sind die Fahrgäste allerdings selbst schuld, wie dieser Tweet beweist: „Der Fahrgast an der einzig offenen Tür: Bitte ziehen Sie den Bauch ein, damit die Lichtschranke die Tür freigibt!“ Quelle: dpa
Vor der Zugfahrt lieber nochmal eine Toilette aufsuchen? Besser ist es, wie dieser Tweet beweist: „Die WC sind defekt und werden nicht repariert. Das ist ein Management-Fehler. Beschweren Sie sich!“ Quelle: dpa
Laut @BahnAnsagen ein Klassiker: „Wer Alkohol trinkt, zahlt 40 Euro, wer raucht, 60. Sie können auch beides zusammen für 100 bekommen! Wir geben keinen Rabatt.“ Quelle: AP
Auch ein netter Versprecher, der via @BahnAnsagen bei Twitter verbreitet wurde: „Ich bitte Sie, die Entschuldigung zu verspäten!“ Quelle: dpa
Diese Ansage erinnert an heiße Tage! „Um Ihnen einen Hitzschlag beim Aussteigen zu ersparen, haben wir die Klimaanlage ausfallen lassen.“ Quelle: dpa

Die Deutsche Bahn hat sich viel Zeit gelassen. Theoretisch hätte sie ihre Güterwaggons auf die bereits existierende K-Sohle umrüsten können, aber der Umbau hätte sie pro Wagen etwa drei Mal so viel gekostet wie die nun frei gegebene L-Sohle. Der Vorteil der neuen Technologie: „Das Testergebnis bestätigt, dass diese Bremsen eins zu eins gegen die herkömmlichen Grauguss-Sohlen an den Güterwagen ausgetauscht werden können“, sagt Jochen Eickholt, Geschäftsführer der Division Rail Systems Infrastruktur bei Siemens. Der Umbau pro Achse dauert nicht länger als eine halbe Stunde.

Kritik äußern Unternehmen an dem lärmabhängigen Trassenpreissystem, das im Zuge der neuen Bremstechnologie eingeführt wird. Güterbahnen ohne Flüsterbremsen zahlen fortan höhere Schienen-Mautgebühren. Der Bund fördert die Umrüstung der Güterwagen bis 2017 mit einer Summe von 150 Millionen Euro. Güterbahnen kritisieren, dass das neue Trassenpreissystem nur einen Malus für laute Wagen kennt, aber keinen Bonus für leise Wagen.

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Zahlreiche Konkurrenten der Deutschen Bahn im Güterverkehr hatten die Entwicklung antizipiert und einen Teil ihrer Flotte bereits umgerüstet. Nachträgliche Förderung durch den Bund sieht das Konzept der Bundesregierung aber nicht vor.

Dennoch: Die zahlreichen Bürgerinitiativen atmen auf. Lärm gilt als eine der am stärksten unterschätzten Gesundheitsgefahren. Die Europäische Kommission schätzt die durch Verkehrslärm in Europa verursachten Kosten auf rund 40 Milliarden Euro. Die Protestbewegung „Pro Rheintal“ verkündete in ihrem Kampf gegen den Lärm einen weiteren Erfolg: BASF habe „auf Drängen von Pro Rheintal reagiert“ und eine Anlage zur „automatischen Flachstellenerkennung“ in Betrieb genommen hat. Dadurch werde verhindert, dass Waggons mit Raddefekten das Werk verlassen. Der Chemiekonzern sei ein „erfreuliches Beispiel, dass im Lärmschutz nicht nur geredet, sondern auch gehandelt wird“.

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