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Deutsche Bahn Lokführer fahren zu selten Zug

Exklusiv
Die Deutsche Bahn will die Produktivität ihrer Mitarbeiter deutlich erhöhen. Quelle: dpa

Die Deutsche Bahn kämpft mit Problemen bei der Güterbahn. Nun sollen die Lokführer von DB Cargo mehr Zug fahren – und ihre Arbeitszeit nicht mit unnötigen Tätigkeiten absitzen.

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Wenn ein Lokführer der Deutschen Bahn einen Güterzug weit weg von seiner Heimat übernehmen muss, dann gilt der Weg dorthin als Arbeitszeit. So wie das auch in anderen Berufen üblich ist: Dienstreisen sind kein Privatvergnügen.

Die Lokführer der Deutschen Bahn sind allerdings sehr häufig auf solchen Zubringer-Touren unterwegs. Oder machen ihren Güterzug für die Reise fertig. Oder warten auf offener Strecke stundenlang auf grüne Signale. Oder sitzen irgendwo in einem Warteraum auf einen Güterzug, den sie übernehmen sollen, der aber nicht kommt, weil er verspätet ist. Die Lokführer werden vom Arbeitgeber logischerweise bezahlt, obwohl sie keinen einzigen Meter weit Ladung über die Schiene transportieren. Für das Unternehmen ist das kostspielig – und ineffizient.

Die Deutsche Bahn will die Produktivität ihrer wichtigen Mitarbeiter daher nun deutlich erhöhen. Das geht aus internen Unterlagen hervor, die der WirtschaftsWoche vorliegen. So ist von einer „Steigerung der Produktivität“ bei DB Cargo in Deutschland die Rede – und zwar in zwei Etappen. Bis 2023 sollen die Lokführer im Schnitt 14 Prozent länger fahren, bis 2030 dann ein Fünftel länger als heute. Das klingt nicht viel, wäre aber der Anfang einer kleinen Revolution.

Denn für DB Cargo sind die tatsächlichen Einsatzzeiten ihrer Lokführer ein echtes Problem. So fährt ein voll beschäftigter Lokführer im Schnitt 11.800 Kilometer pro Jahr. Rechnet man Wochenenden, Urlaub und Feiertage heraus, bewegt ein Lokführer einen Güterzug grob geschätzt rund 54 Kilometer pro Tag. Diese Strecke soll dann bis 2030 auf mehr als 64 Kilometer steigen.

Für DB Cargo ist die Zahl eine fundamental wichtige Kennziffer. So wie bei Ryanair das Prinzip gilt, dass der Billigflieger nur dann Geld verdient, wenn der Pilot mit seinem Flieger in der Luft ist, gilt bei DB Cargo, dass ein Lokführer nur dann Umsatz einfährt, wenn er Güter und Waren über die Schiene transportiert. Verantwortlich für den Ist-Zustand bei der Bahn sind am wenigsten die Lokführer selbst, sondern Fehler im System.

Die Bahn will das korrigieren. Künftig soll, so heißt es in der Dachstrategie „Starke Schiene“ der Deutschen Bahn, „in gemeinsamer Anstrengung mit der Arbeitnehmervertretung“ die Produktivität gesteigert werden. Dafür sind mehrere Maßnahmen geplant, die so logisch wie selbstverständlich klingen. Künftig soll es beispielsweise „flexiblere Einsatzbedingungen für Triebfahrzeugführer“, eine „IT-gestützte Optimierung von Planung und Disposition“ und ein besseres „Baustellen- und Störfallmanagement“ geben.

Das Heikle an der Sache: Neu sind die Ziele nicht und genau deshalb stellen sich viele die Frage, ob die Deutsche Bahn ihre Defizite bei DB Cargo jemals in den Griff kriegt. Im vergangenen Jahr verbuchte die Konzerntochter ein Umsatzminus von 1,5 Prozent auf 4,5 Milliarden Euro. Der operative Verlust (Ebit) verdoppelte sich auf 190 Millionen Euro.

Probleme macht vor allem der so genannte Einzelwagenverkehr: DB Cargo stellt Güterzüge aus vielen Einzelwagen zusammen und reißt sie in Hubs wieder auseinander, um sie dort wieder zu neuen Güterzügen zusammen zu bringen. So kann ein Spediteur seine Waren zwar von nahezu überall in fast jeden Winkel der Republik durch DB Cargo transportieren lassen. Doch das Zusammenstellen der Züge ist kosten- und personalintensiv.

Schon Ende 2018 haben die Arbeitnehmer in einer internen Lagebewertung für Konzernvorstand und Aufsichtsrat auf eklatante Defizite hingewiesen. So seien alle bis dahin unternommenen Versuche, DB Cargo zu sanieren, „gescheitert“, heißt es dort. Das Management hatte etwa einen Prozess angeschoben, wie die Güterzüge einfacher zusammengestellt werden könnten. Doch das und andere Maßnahmen hätten „nicht zu einer Verbesserung der Produktivität und Qualität bei DB Cargo geführt“, schrieben die Arbeitnehmervertreter an Vorstand und Aufsichtsrat.

Es wurde sogar 2018 alles noch schlimmer. Der Zugfahranteil der Lokführer sei „von 36,6 Prozent in 2017 auf 34,9 Prozent in 2018 gesunken“, schrieben die Mitarbeiter, „obwohl wir wesentlich weniger Züge“ fahren. Die Begründung lieferten die Betriebsräte gleich mit: Viele Wagen und Lokomotiven seien kaputt gewesen oder hätten nicht dort gestanden, wo sie gebraucht wurden.

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