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Deutsche Hospitality Steigenberger-Mutter trotz der Krise in Kauflaune

Trotz des Einbruchs und zweier überraschender Führungswechsel will die Steigenberger-Muttergesellschaft Deutsche Hospitality wachsen. Quelle: imago images

Die Coronakrise trifft die Hotelbranche stärker als gedacht. Doch trotz des Einbruchs und überraschender Führungswechsel verspricht die Steigenberger-Muttergesellschaft Deutsche Hospitality enormes Wachstum.

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Andre Witschi sollte der Sinn derzeit eigentlich nicht nach Wachstum stehen. Die vom gebürtigen Schweizer als Aufsichtsratsvorsitzender geführte Deutsche Hospitality (DH) mit Marken wie Steigenberger und InterCityHotel leidet wie die ganze Hotellerie unter massiven Umsatzrückgängen. Laut einer heute veröffentlichten Umfrage des Dachverbands Dehoga erwartet das Gastgewerbe im laufenden Jahr ein Einnahmeminus von rund der Hälfte. „Und die Lage ist schlechter, als sie aussieht“, so der ehemalige Vorstand der Accor Hotels. Denn aktuelle Übersichten des Branchenverbands zeigen: Das Bild bessern Billighäuser in guter Lage, die nur ein Drittel verloren haben. Dagegen fehlen manchen Vorstadtherbergen fast 90 Prozent der Einnahmen.

Trotzdem soll die europäische Tochter des chinesischen Übernachtungsriesen Huazhou weiter zulegen. Bis 2026 soll die Deutsche Hospitality von heute rund 130 Hotels auf bis zu 500 Häuser wachsen. „Das ist nach wie vor unser Plan“, so Witschi. Dafür will DH erstmals im großen Stil andere Gesellschaften kaufen.

Die Voraussetzungen für die Expansion sind gerade nicht günstig. Nicht nur, dass in der Coronakrise die Gäste ausbleiben. DH verlor in den vergangenen zwei Wochen zwei Vorstandsmitglieder. Nachdem Ende August CEO Thomas Willms eher unfreiwillig abgelöst wurde, verkündete gestern der als vorübergehende Nachfolger eingewechselte CFO Matthias Heck seinen Abschied zum 1. November. Zwar hatte Heck seinen Ruhestand bereits im vorigen Jahr angedeutet. „Doch der Wechsel sollte erst im kommenden Jahr stattfinden“, so ein Branchenkenner.

Grund für den doppelten Abgang ist laut Kennern des Konzerns ein Konflikt zwischen Gesellschafter und Geschäftsführung – gerade über den Wachstumskurs in Krisenzeiten. „Huazhou drängte trotz Krise auf eine noch schnellere Expansion“, sagt ein Branchenkenner. DH hat in den vergangenen Jahren zwar im Schnitt bereits jeden Monat ein Haus eröffnet – und teilweise sogar mehrere. 30 weitere Neustarts sind angekündigt. Huzhou wollte jedoch offenbar, dass bei seiner Europatochter neue Herbergen wie in China eher im Wochenrhythmus zum Konzern stoßen. „Willms hingegen wollte gerade im Augenblick in gewohnter Steigenberger-Tradition vor allem profitabel und mit sicherer Servicequalität zulegen“, so ein Konzernkenner.

Aufsichtsratschef Witschi will die Umstände der Chefwechsel nicht kommentieren, stellt aber klar, dass er keinen Widerspruch zwischen Wachstum und Profitabilität sehe. „Wir wachsen nicht um des Wachstums willen, sondern tun dies nur profitabel.“ Denn: „Es hilft nichts groß zu sei, wenn man nichts verdient.“

Wie genau DH künftig zulegen will, soll aus Sicht von Witschi zwar der Vorstands-Chef CEO Markus Bernhardt verkünden, wenn der am 1.November anfangen wird. Doch klar ist: Die Gruppe wird es nicht länger vor allem die bisherigen Marken Steigenberger, InterCity, Jaz und Zleep ausbauen, sondern in größerem Stil zukaufen, wie Witschi zugibt. Dabei denkt er an die Übernahme kleiner bis mittelgroßer Ketten, die sich in der aktuellen Krise bislang am schwersten tun. Dazu werden die DH-Marken auch in größerem Umfang Kooperationen mit lokalen Hotelmarken eingehen. Vor allem auf diesem Weg hat der frühere Europcar-Chef Bernhardt die weltweite Expansion des Autovermieters in Asien oder Lateinamerika vorangetrieben.

Die Zuversicht, dass sich DH die Expansion auch in Coronazeiten leisten kann, schöpft Witschi aus den Stärken des Konzerns. Denn auch wenn der Präsident der führenden Hotelfachschule im schweizerischen Lausanne keine Zahlen nennen will, stellt er klar: Die DH-Häuser schlagen sich besser als der Schnitt.

Die erste Stärke der Kette sei das starke Angebot in den niedrigeren Preisklassen. Zwar prägen in der Öffentlichkeit oder auf den Internetseiten nach wie vor edle Steigenberger-Grandhotels wie der Frankfurter Hof oder der Handelshof in Leipzig das Image. Entscheidend für das Geschäft sind inzwischen allerdings günstigere Marken wie Intercity oder Zleep. „Die Erfahrung zeigt: Der Budgetbereich kommt am schnellsten zurück“, so Witschi. Das belegt vor allem der Erfolg der chinesischen Schwesterhotels, die bereits wieder eine Auslastung von 80 Prozent hätten. Der Grund seien vor allem Geschäftsreisende. Wer in Krisenzeiten überhaupt dienstlich unterwegs sei, müsse in der Regel reisen und achte dabei besonders auf den Preis.

Zweiter Faktor sei die gute Lage seiner Häuser im Zentrum ihrer Heimatstädte. „Hotels, die gut und vor allem zentral liegen, werden die Krise als erste überwinden“, ist sich Witschi sicher. Die Erfahrung zeige, dass sich in den Städten die Hotels im Zentrum in der Regel als erste füllen, während Betriebe am Stadtrand noch länger eine schwere Zeit erwarte. Deshalb seien auch die meist sehr zentral gelegenen Steigenberger Luxushotels relativ gut gefragt, auch wenn den Fünf-Sterne-Herbergen noch große Teile der Kundschaft aus Übersee fehlen.


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Dazu kommt aus Sicht von Beobachtern noch ein drittes Plus. Auch wenn DH in den vergangenen Boom-Jahren stark gewachsen ist, hat es das scheidende Führungsduo Willms/Heck im Boom der vergangenen Jahre vermieden, allzu teure Betreiberverträge abzuschließen. „Das sorgt für niedrigere Fixkosten und lässt die Häuser schon bei einer geringeren Auslastung als bei Konkurrenten wieder Geld verdienen“, so ein Manager eines Wettbewerbers.

Zu guter Letzt sieht Witschi gerade den überraschenden Chefwechsel als Gelegenheit, auch in der Coronazeit profitabel zu wachsen. Der neue CEO Markus Bernhardt kennt nicht nur als ehemaliger Steigenberger-Manager das Unternehmen und die Kultur. Er hat in den vergangenen zehn Jahren den Autovermieter Europcar profitabel wachsen lassen und dessen Globalisierung vorangetrieben. Dazu kennt er aus seiner Zeit bei Gulf Air aus Bahrain auch die Flugbranche und kann so für neue, in der Hotelbranche ungewohnte Impulse sorgen.

Gleiches erwartet Witschi vom neuen CFO Ulrich Johannwille, der wie Bernhardt am 1. November anfängt. Der ehemalige McKinsey-Berater arbeitete die vergangenen 14 Jahre als Finanzer beim Urlaubsflieger Condor und dessen Mutter Thomas Cook Group Airlines. „Da hat er ein Leben mit knappen Kassen, permanenten Umbrüchen und einer anspruchsvollen Muttergesellschaft gelernt“, so ein Weggefährte. „Davon können die Steigenbergers in ihrer ersten echten Krise nur profitieren.“

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