WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Deutsche-Post-Chef Frank Appel, der Feuerwehrmann

Für die Deutsche Post ist ihr Chef Frank Appel eine Art Feuerwehrmann: Wenn es brennt, springt er ein. Quelle: imago images

Wenn es brenzlig wird, springt bei der Deutschen Post der Chef persönlich ein. Frank Appel war schon Personalchef, Frachtchef, nun übernimmt er das Paketgeschäft. Was das über die Probleme des Konzerns aussagt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Ein Neurobiologe wird Chef der Deutschen Post DHL. Alleine das zeigt schon: Frank Appel ist vielseitig begabt. Nach seiner Promotion begann Appel bei der Unternehmensberatung McKinsey, wechselte von dort nach Bonn zum Gelben Riesen und rückte schnell in den Vorstand auf. Seit 2008 sitzt er bereits an seiner Spitze. Doch 10 Jahre als Vorstandschef bedeuten in Appels Fall keinesfalls Eintönigkeit: Immer wieder übernimmt er Jobs seiner Vorstandskollegen. Er übernahm bereits die Zuständigkeit für die Personalsparte, für das Frachtgeschäft. Und nun leitet er die Paketsparte. Für die Post ist Frank Appel damit eine Art Feuerwehrmann. Wenn es brennt, springt er ein.

Bisher hat das funktioniert, er hat die Probleme in den Griff bekommen. Doch die Paketsparte ist – zumindest auf den ersten Blick – gar nicht in Notlage. Und der bisher zuständige Vorstand Jürgen Gerdes verließ den Konzern anders als seine ehemaligen Kollegen den Konzern auch nicht ohne Erklärung. Er leitet nun eine neugegründete Innovationssparte, die vor allem das Hoffnungsprojekt Street Scooter umfasst, einen von der Post selbst entwickelten Lieferwagen.

Auf der Hauptversammlung am Dienstagvormittag muss Appel deshalb mit kritischen Fragen der Aktionäre rechnen. Was läuft schief in dem Paketgeschäft? Wieso gerät der Bereich immer wieder in Konflikt mit Behörden? Aber vor allem: Wieso brechen bei der Deutschen Post immer wieder Feuer aus, die der Vorstandschef dann löschen muss?

Geht es um die Paketsparte, sind solche Fragen besonders sensibel. Der Bereich, bei der Post nur „PeP“ genannt, ist mit zuletzt 18,2 Milliarden Euro Umsatz im Jahr die wichtigste Säule des Konzerns. Sie umfasst das Briefgeschäft und den boomenden Onlinehandel in Deutschland. Unter der Leitung von Jürgen Gerdes breitete sich die Post immer weiter in Europa und zuletzt sogar in Asien und Südamerika aus. 1,5 Milliarden Euro Gewinn brachte die Sparte im vergangenen Jahr.
Die Zahlen stimmen also. Nur die Schlagzeilen nicht. In den vergangenen Jahren geriet die Sparte immer wieder in die Kritik. Sie sammelte Rügen von Kartellamt und Bundesnetzamt, sogar der Zoll ermittelte wegen Verdachts auf illegale Leiharbeit. Die Gewerkschaftler sind erzürnt über ständige Personalmanöver, um die Lohnkosten in dem Bereich nicht ausufern zu lassen. Und auch unter den Führungskräften herrscht Unmut, nicht wenige verließen die Sparte in den vergangenen Jahren freiwillig.

So handelte sich die Deutsche Post erst 2015 ein Verfahren wegen Machtmissbrauchs ein. Der Konzern hatte mit Großkunden Preise für Briefe vereinbart, die weit unter dem Marktpreis liegen. Dafür bekamen die Kunden Rabatte, weil die Post auf ihren Briefen „zugestellt durch die Post“ und ihr Logo als Werbung aufdruckte. „Die Deutsche Post AG hat mit Großkunden Briefpreise und Treuerabatte vereinbart, die es anderen Briefdienstleistern unmöglich machten, ein wettbewerbsfähiges Angebot zu unterbreiten“, erklärte die Kartellamtspräsident Andreas Mundt damals.
Solche Verfahren sind von Bedeutung für den immer noch stark regulierten Briefbereich, weil sie es der Post erschweren, ihre Vorstellungen in der Politik durchzusetzen. Zwei Jahre später handelte sich die Post direkt das nächste Verfahren ein: Das Kartellamt ermittelt schon wieder wegen Machtmissbrauch, wegen fragwürdiger Rabatte für Großkunden im Pressevertrieb.

Gewerkschaft erzürnt über Personalmanöver bei der Post

Vor einem Jahr machte sich die Post zur Lachnummer, weil sie Betrug im großen Stil in ihren Briefzentren eingestehen musste. Insbesondere in Frankfurt hatten Zuliefererfirmen weniger Briefe gesammelt und abgeliefert, als sie gegenüber der Post angaben. Sie erfanden einfach Millionen von Briefen.

Und auch das Zollamt in Gießen ermittelte gegen die Post, wegen illegaler Leiharbeit. Der Konzern hatte Mitarbeiter bei seinem Tochterunternehmen, dem Siegfried-Vögele-Institut, angestellt und dann an den Hauptkonzern ausgeliehen – ohne das eine entsprechende Erlaubnis vorlag. Das Verfahren wurde eingestellt, nachdem die Post dafür ordentlich zahlte.

Gewerkschaftler sind schon lange aufgebracht über die Personalmanöver in der Sparte. Vor vier Jahren legten sie das Geschäft in einem großen Streik lahm. Damals hatte die Post Tochtergesellschaften namens Delivery GmbH gegründet, um dort Paketboten anzustellen. Die allerdings werden nur nach dem Logistik-Tarifvertrag bezahlt, der weit unter dem Posteigenen Haustarifvertrag gilt. Gewerkschaftler kritisierten die Doppelstandards in dem Unternehmen. Nun sollen Delivery GmbHs und die Postboten unter dem Dach der Post AG in einem Gemeinschaftsbetrieb zusammengeführt werden. Dann würden auf einmal zwei Kollegen im selben Lager mit denselben Arbeitsmitteln dieselbe Arbeit ausführen – aber unterschiedlich bezahlt werden.

Welche Ideen taugen wirklich für die Paketzustellung?
KofferraumzustellungDer Kunde sitzt oben im Büro und muss arbeiten, der Paketbote legt das Paket deshalb einfach schon mal in den Kofferraum des Kundens in der Tiefgarage? Die Idee hört sich gut an, und wird von DHL und Amazon bei einigen Autotypen auch schon getestet. Aber ob sie Erfolg hat? Viele Verbraucher scheint die Idee eher abzuschrecken: In einer Umfrage der Unternehmensberatung PwC gaben 68 Prozent der Befragten an, dass sie "auf keinen Fall" eine solche Lösung nutzen wollen. Quelle: dpa
Wohnungsschlüssel für die PaketbotenWürden Sie ihrem Paketboten den Wohnungsschlüssel geben? Genau das plant nun Amazon in den USA. Dort hat der Onlinehändler sein Projekt "Amazon Key" vorgestellt. Der Zusteller öffnet mit einem Code per App die Wohnungstür - und kann das Paket dort hinterlassen. In Deutschland stößt diese Idee wohl eher auf unbehangen. Nach einer Umfrage des Dienstleisters Civey wollen sich mehr als 77 Prozent auf keinen Fall auf eine solche Lösung einlassen. Quelle: obs
Packstation3400 Packstationen hat DHL in Deutschland. Sie stehen am Supermarkt oder am Bahnhof, an Orten, an denen die Kunden unkompliziert und oft vorbeischauen. Klingt doch nach einer guten Idee, oder nicht? Mittlerweile ahmt auch Amazon die Schließfachsysteme nach, und Hermes, DPD und GLS arbeiten gemeinsam an einem offenen System, den Parcellock-Stationen. In der Praxis aber stoßen die Packstationen schnell an ihre Grenzen. Die Fächer sind oft blockiert, weil Kunden ihre Pakete erst vor Ende der Frist oder gar nicht abholen. Deshalb können dort längst nicht so viele Lieferung untergebracht werden, wie es Paketdienste und Kunden gerne hätten. Dafür ist die Packstation teuer im Betrieb. Quelle: dpa
DrohnenDHL hat einen Paketkopter, Amazon entwickelt eine Drohne, auch DPD und UPS testen fleißig. Medienaufmerksamkeit ist ihnen damit sicher. Doch werden uns bald tatsächlich Drohnen die Pakete bringen? Wohl kaum. Sie haben viele Nachteile: In der Innenstadt werden Drohnen zum Sicherheitsrisiko. Sie können immer nur ein Paket tragen, und es ist unklar, wer das Paket in Empfang nehmen kann. Und wenn der Empfänger nicht da ist, soll die Drohne dann auf ihn warten? Ein echter Vorteil ist die Drohne deshalb nur in schwer zugänglichem Gelände. Sie kann Lieferungen - vor allem im Notfall - schnell und unkompliziert auf Berge oder Inseln transportieren. Das Weihnachtsgeschäft aber ließe sich mit den surrenden Fluggeräten nicht anstatzweise bewältigen. Quelle: dpa
PaketboxDie Deutsche Post hat deshalb auch die Paketbox eingeführt. Diesen Paketkasten können sich Privatleute in ihren Vorgarten stellen. Doch dafür braucht es erstens einen Vorgarten und zweitens auch das nötige Budget. Ein Paketkasten kostet ab 200 Euro aufwärts. Und dann können ihn nur DHL-Boten nutzen. Pakete von Hermes oder DPD können dort nicht abgeladen werden. Die beiden Konkurrenten gründeten deshalb gemeinsam mit GLS das Unternehmen Parcellock, eine Art offenen Paketkasten. Quelle: dpa
LieferroboterDieser kleine Roboter von Starship fährt auf Straßen und Bürgersteigen, und über Kamera und Mikrofon können Passanten auch mit einem Mitarbeiter, der die Roboter von einer Zentrale aus steuert, sprechen. Hermes hat diese Roboter in Hamburg getestet. Doch der kleine Transporteur mit Kühlbox-Optik hat einige Nachteile: Sein Fassungsvolumen ist begrenzt, er kann keine Treppen steigen und ist bisher in den Tests von Hermes auch immer von einem Paket-Boten begleitet worden. Und was wäre, wenn der Empfänger gerade doch unpässlich ist, wenn der Roboter vor seiner Tür steht? Zu lange Wartezeiten wären ineffizient. Experten sprechen Starship daher wenig Potenzial aus, den Paketboten ihre Jobs wegzunehmen. Quelle: dpa
LieferroboterDer Postbot von DHL hingegen soll den Postboten gar nicht ersetzen, sondern unterstützen. Der Postbot ist größer als Starship und hat daher auch mehr Fassungsvolumen. Er folgt der Paketbotin "wie eine kleine Ente der Mama-Ente folgt", so drückte es kürzlich Post-Vorstandschef Frank Appel aus. Vorteil für die Paketboten: Sie müssen nicht mehr so viel Gewicht tragen, das nimmt der Postbot ihnen ab. Solange der Postbot schnell genug ist und auch mit unwegsamen Gelände gut klar kommt, ist das ein wahrer Vorteil für die Paketboten, von denen viele im Alter Gesundheitsprobleme haben. Quelle: AP

"Regionale Flächentarifverträge mit unterschiedlichen Arbeits- und Bezahlungsbedingungen gehören nicht unter das Dach der Deutschen Post AG“, erklärte dazu die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Andrea Kocsis. „Der Gemeinschaftsbetrieb ist tarifpolitisch äußerst brisant. Das lehnen wir ab", sagte sie. Das ist auch deshalb relevant, weil Kocsis auch stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrats ist. Die Verdi-Vertreter dort stehen schon lange nicht mehr auf der Seite von Jürgen Gerdes, einst hätten sie ihn beinahe seine Vertragsverlängerung gekostet.

Damals stellten sich die Arbeitgebervertreter auf seine Seite. Doch mit Betrugsfällen und Zollermittlungen hat Gerdes auch einige von Ihnen gegen sich aufgebracht. Der Staat hält immer noch rund 20 Prozent der Aktien an dem Konzern, deshalb entsendet das Bundesfinanzamt einen Vertreter in den Aufsichtsrat. Der war bislang Staatssekretär Werner Gatzer – damals auch zuständig für den Zoll. Dass seine eigene Behörde gegen den von ihm kontrollierten Konzern ermittelte, brachte Gatzer in Bedrängnis.

Nun steht Gerdes' Verlängerung bald wieder an, sein Vertrag läuft nur noch bis 2020. Gerdes muss seine Relevanz rechtfertigen – durch den Street Scooter und seine neuen Projekte. Der bekennende Schalke-Fan gilt als sehr direkt und durchaus als ruppig. Er hat mehr experimentiert als die anderen Spartenleiter, mehr gewagt. Der Street Scooter, um dessen Leitung der Autonarr sich nun in Vollzeit kümmern soll, gilt als Beweis für seinen Erfolg. Doch zum Kerngeschäft der Deutschen Post gehört er nicht. Der Konzern muss deshalb eine Perspektive für sein Elektroauto finden – ein Joint Venture, einen Verkauf, im Aufsichtsrat zirkulieren auch Träume wie ein Börsengang. Andere Projekte von Gerdes, wie ein Ausflug ins Fernbusgeschäft, scheiterten schon früher krachend.

Bisher ließ Appel ihn gewähren. Der Vorstandschef gilt als niemand, der seine Teammitglieder zu stark herumkommandiert. Er vertraut darauf, dass es unterschiedliche Wege zum Erfolg gibt. Doch nach drei umstrittenen Vorstandspersonalien muss sich Appel nun die Frage stellen, ob er vielleicht zu lange abwartet, bevor er selbst einschreitet. Nach elf Jahren als Paketchef muss Jürgen Gerdes nun einen Machtverlust hinnehmen. Und Frank Appel muss der Sparte neue Disziplin eintrichtern. Zu lange hat die Post ihr Geschäft im Briefbereich durch geschicktes Ausnutzen der Regulierung und staatliche Subventionen gemacht. Nun muss das Team wieder mehr Gewinn durch geschickten Vertrieb liefern – und weniger Skandale.

Für Appel ist das längst nicht die schwerste Aufgabe. Bis zum vergangenen Jahr war er noch Chef der Frachtsparte. Die hatte gerade eine halbe Milliarde Euro für eine prestigeträchtige IT-Neuordnung versenkt. Appel, der Neurobiologe, musste die Sparte aus dem IT-Chaos herausführen. Das Chaos ist beseitigt, die Zahlen müssen sich nun noch bessern. Das übernimmt nun ein anderer: Die Post warb Tim Scharwath vom Konkurrenten Kühne und Nagel als Vorstand an, um sich darum zu kümmern. Das Feuer hat Appel schließlich schon gelöscht.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%