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Deutsche Post So krank macht der Job als Paketbote wirklich

Mehr als 20 Tage in zwei Jahren sollte man bei der Post nicht krank sein, wenn man in einen unbefristeten Arbeitsvertrag wechseln will. Quelle: dpa

Die Deutsche Post will ihre Zusteller nur entfristen, wenn die weniger als zehn Krankheitstage im Jahr sammeln. Diese Zahl ist unrealistisch, der Durchschnitt liegt bei 30 Tagen. So sehr belastet der Job die Gesundheit.

Die Paketboten in Deutschland sammeln viele Rekorde. Keine andere Berufsgruppe steigt wohl mehr Treppen am Tag. Oder schleppt mehr Kartons – außer vielleicht Möbelpacker und Umzugshelfer. Die Arbeit der Zusteller ist anstrengend. Eine Studie der Berufskrankenkassen zeigt: Sie belastet auch ihre Gesundheit.

In der Studie aus dem vergangenen Jahr vergleichen die Krankenkassen ihre Daten über Krankheitstage, Medikamenteneinnahme und auch Krankenhausaufenthalte von verschiedenen Berufsgruppen. Demnach nehmen die Beschäftigten der Postdienste in allen Kategorien Spitzenplätze ein.

Die Gesundheit der Paketboten rückt durch interne Vorgaben bei der Deutschen Post in den Mittelpunkt. Dort sieht ein sogenanntes „Entfristungskonzept“ vor, dass nur Mitarbeiter, die weniger als zwanzig Tage in zwei Jahren krankheitsbedingt aussetzen mussten, ohne Rücksprache von Niederlassungsleitern entfristet werden sollen. Zusteller sollten nicht mehr als sechs Mal in zwei Jahren krankgeschrieben worden sein, und nicht mehr als 30 Überstunden in drei Monaten auf ihren Touren sammeln. Das berichtete die "Bild am Sonntag", der Konzern bestätigte die Angaben offiziell.

Die Studie der Berufskrankenkassen zeigt die Realität in dem Beruf: 30,6 Krankheitstage sammelten die Zusteller und Zustellerinnen im vergangenen Jahr im Durchschnitt an. Deutschlandweit lag der Durchschnitt der Versicherten bei den Berufskrankenkassen nur bei 17,4 Fehltagen. Dazu zählen Krankheitstage, Ausfälle wegen Arbeitsunfällen und auch Abwesenheiten wegen Reha-Maßnahmen.

Dabei weichen die Fehlzeiten von Zustellern und Zustellerinnen weit voneinander ab: Während die männlichen Post- und Paketboten im Durchschnitt 25 Tage fehlten, waren es bei ihren weiblichen Kolleginnen schon 35,6 Tage. Die Ursache dafür sind auch statistische Effekte: Weibliche Beschäftigte sind generell etwas häufiger krank als männliche. Bei den Beschäftigten der Postdienste seien die Zustellerinnen außerdem im Durchschnitt älter als ihre männlichen Kollegen, schreiben die Studienautoren. Und mit dem Alter setzt der Beruf ihnen immer mehr zu. „Bei den im Postdienst Beschäftigten steigt die Inanspruchnahme mit zunehmendem Alter sehr stark an“, heißt es in dem Bericht. „Sind von diesen die unter 25-Jährigen deutlich weniger als andere in ambulanter Behandlung, so sind bei den Älteren überdurchschnittlich viele“.

Besonders häufig leiden die Zusteller unter Muskel- und Skeletterkrankungen. Mehr als ein Drittel aller Fehltage auf Rückenprobleme, Muskelzerrungen und ähnliche Beschwerden zurück. Bei den über 50-Jährigen Zustellern und Zustellerinnen sind über 90 Prozent der Versicherten wegen Muskel- und Skelettbeschwerden in Behandlung.

Auch bei Krankenhausaufenthalten sind die Beschäftigten der Postunternehmen Spitzenreiter: Keine andere Berufsgruppe muss öfter stationär behandelt werden. Insgesamt 1,2 Tage verbringt jeder Zusteller im Schnitt im Krankenhaus. Und auch wenn man statistische Effekte durch das Alter und das Geschlecht der Beschäftigten herausrechnet, zählen die Zusteller weiter zu den Berufsgruppen mit den häufigsten Krankenhausbesuchen.

Sie nehmen auch die meisten Medikamente. Insbesondere die Zustellerinnen nehmen die höchsten Tagesdosen an Arzneimitteln im Vergleich zu anderen Berufsgruppen. Darunter sind auch viele Antidepressiva.

Die Studie warnt auch vor den Auswirkungen von befristeten Verträgen auf die Gesundheit: „Befristet Beschäftigte sind seltener bei Ärzten oder Therapeuten als unbefristet Tätige“, heißt es.

Immerhin hat sich auch bei der Deutschen Post ein Umdenken eingestellt. 9000 Mitarbeiter seien laut Unternehmensangaben alleine im vergangenen Jahr entfristet worden. Mittlerweile würden Paketboten schon nach einem Jahr entfristet, sagt ein Sprecher. Und das „Entfristungskonzept“ sei ohnehin nie starr angewendet worden. Das sei gar nicht möglich, bei dem Mangel an Arbeitskräften in diesem Bereich.

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