Deutsche-Post-Streik "Angst vor Job-Auslagerung ist berechtigt"

Exklusiv

Zum ersten Mal seit über 20 Jahren wird bei der Post unbefristet gestreikt. Verdi-Verhandlungsführerin Andrea Kocsis erklärt, warum der Tarifkonflikt eskalierte und weshalb die Briefträger Angst um ihre Zukunft haben.

Andrea Kocsis, die stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Verdi. Quelle: dpa

Andrea Kocsis ist eine der mächtigsten Gewerkschafterinnen des Landes. Als stellvertretende Verdi-Chefin führt sie den unbefristeten Streik gegen die Deutsche Post an. Tausende Briefträger und Paketboten haben in dieser Woche ihre Arbeit niedergelegt. Für den Bonner Konzern ist das der heftigste Tarifkonflikt in den vergangenen Jahrzehnten.

Der Zorn der Boten richtet sich dabei gegen die Strategie von Post-Vorstandschef Frank Appel. Der hat ein klares Ziel ausgegeben: Das Lohnniveau vor allem im Brief- und Paketbereich muss gesenkt werden, sonst könne die Post nicht wettbewerbsfähig bleiben. In einer neuen Tochtergesellschaft bietet er Paketboten unbefristete Stellen - mit einem niedrigeren Gehalt. Die Gewerkschaft setzt jetzt ihre ganze Schlagkraft ein, um diesen Plan zu verhindern.

Zur Person

Frau Kocsis, Sie haben diese Woche die Mitarbeiter zur Deutschen Post DHL zum unbefristeten Streik aufgerufen, zum ersten Mal seit über 20 Jahren. Warum die Eskalation?

Andrea Kocsis: Wir hatten jetzt sechs Verhandlungsrunden, ohne Ergebnis. Wir müssen eine Lösung für alle Themen finden, nicht nur für unsere Lohnforderungen, sondern auch für die Ende des Jahres auslaufenden Schutzverträge und vor allem für die Mitarbeiter, deren Jobs die Post in eine neue Tochtergesellschaft mit niedrigeren Löhnen ausgelagert hat. Mit unserem Angebot haben wir der Post signalisiert, dass wir kompromissbereit sind. Aber der Vorstand ist darauf nicht eingegangen, so konnte es nicht weitergehen. Jetzt müssen wir den Druck erhöhen, damit sich die Post endlich bewegt!

Post-Streik: Was Sie jetzt wissen müssen

Eine Ihrer Kernforderungen ist, dass die Post die Auslagerung der Jobs in die neue Tochtergesellschaft namens "Delivery" rückgängig macht. In der Delivery GmbH arbeiten bereits über 6000 Angestellte, ist die Forderung damit nicht realitätsfern?

Wir halten das für absolut realistisch. Dazu müsste man den Angestellten nur anbieten, ihre Arbeitsverträge wieder an den Haustarif anzubinden. Und wir sind sicher, dass die Beschäftigten das nur zu gerne annehmen. Solange dieses Problem nicht gelöst ist, kann es keinen Frieden im Betrieb geben.

Die Post hat Ihr Angebot zurückgewiesen. Es löse das Kernproblem nicht, dass die Post aufgrund höherer Lohnzahlungen weniger wettbewerbsfähig als die Konkurrenz ist.

Die Post hat in den vergangenen Jahren im Paketbereich nachweislich Marktanteile gewinnen können und ist mit 43 Prozent Anteil der größte Spieler im Markt. Die Wettbewerber zahlen niedrigere Löhne und sind trotzdem viel schlechter im Markt unterwegs.

Post-Chef Frank Appel hat Ihnen vorgeworfen, dass Verdi mit dem Streik vorranging eigene Interessen verfolge.

Die Streikbereitschaft der Beschäftigten zeigt, dass es nicht so ist. Mit der Auslagerung der Jobs in die Delivery GmbH hat der Vorstand Tarifflucht begangen und gleichzeitig gegen unsere bestehenden Verträge zum Schutz vor Fremdvergabe von Zustellbezirken verstoßen. Die Mitarbeiter haben die Nase voll davon, vom Vorstand übervorteilt zu werden!

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