Deutsche-Post-Streik Verdi kämpft gegen den Machtverlust

Seit zwei Wochen führt die Gewerkschaft Verdi einen unbefristeten Streik gegen die Post, keine Seite will sich bewegen. Denn es geht nicht nur um Lohnkosten, Verdi muss auch um die eigene Machtstellung im Konzern ringen.

Seit Tagen gehen die Mitarbeiter der deutschen Post im Tarifstreit auf die Straße. Quelle: dpa Picture-Alliance

Ein gelber Zug schiebt sich mit einem schrillenden Lärm durch die Straße, die Trillerpfeifen verklingen nur zum gemeinsamen Protestruf: „Ap-pel raus, Ap-pel raus“, rufen 4000 Paket- und Briefzusteller dem Post-Tower entgegen.

Der gläserne Turm schweigt. Irgendwo dort, im 40. Stock, sitzt Frank Appel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post. Von seinem Büro aus steuert er den Konzern durch den heftigsten Arbeitskampf, den das ehemalige Staatsunternehmen in den vergangenen 20 Jahren erlebt hat.

Seit zwei Wochen führt die Gewerkschaft Verdi deutschlandweit die Postboten und Paketzusteller in einen unbefristeten Streik. Die Streikenden kämpfen gegen die Auslagerung von Jobs, um den Wert ihrer Arbeit – vor allem aber um die Zukunft der Mitbestimmung.

Post-Streik: Was Sie jetzt wissen müssen

Für Frank Appel und seine Kollegen hingegen geht es um eine ganz andere Frage: Wie frei können sie den Konzern führen? „Wie wir unser Unternehmen organisieren, ist eine unternehmerische Entscheidung“, sagte der für den Brief- und Paketbereich zuständige Vorstand Jürgen Gerdes in dieser Woche der „Süddeutschen Zeitung“.

Das gespaltene Post-Reich

Der Streitpunkt ist ein provokanter Schritt der Deutschen Post, der die Struktur des Bonner Konzerns grundlegend verändert hat: Anfang des Jahres gründete die Post 49 regionale Tochtergesellschaften mit dem Namen Delivery GmbH, in der sie ihre Paketboten nicht nach dem üblichen Haustarif, sondern nach dem wesentlich günstigeren Logistiktarif bezahlt.

Denn Wettbewerber wie Hermes, DPD oder GLS zahlen ihren bei Subunternehmern beschäftigten Zustellern nur den Mindestlohn. Die Post habe hier einen Wettbewerbsnachteil, deshalb müsse sich der Lohnunterschied dringend verringern, erklärt der Vorstand.

Seit dem geht ein tiefer Schnitt durch das Reich von Paket-Vorstand Gerdes: Gelb-Schwarze Klebeband-Linien trennen in den Paketzentren die Delivery-Boten von den Angestellten der Post AG. Sie verrichten die gleiche Arbeit am selben Arbeitsplatz, nur das Gehalt unterscheidet sich – und noch ein weiteres Detail: Während die Paketzusteller der Post AG heute in Bonn ihren Frust dem glänzenden Hauptquartier entgegen brüllen, müssen ihre rund 6000 Kollegen von der Delivery arbeiten. Die nach dem Logistiktarif beschäftigten Arbeitnehmer unterliegen der Friedenspflicht.

Auch das ist der Grund, warum Verdi eine Rückkehr der Delivery-Beschäftigen zum Haustarif zur Forderung mit höchster Priorität erklärt hat.

Die Gewerkschaft demonstriert der Deutschen Post ihre gesamte Schlagkraft: Mehr als 22.000 Mitarbeiter hat die Gewerkschaft mittlerweile in den Streik geführt. Der Organisationsgrad bei dem ehemaligen Staatsunternehmen ist extrem hoch. Trotzdem zeigt sich Post-Chef Frank Appel bisher wenig beeindruckt von den Maßnahmen. Laut Unternehmensangaben erreichen noch rund 80 Prozent der Briefe und 60 Prozent der Pakete pünktlich ihre Empfänger.

Die Post hat sich wie Verdi darauf eingerichtet, den Streik auszusitzen. Wer länger durchhält, ist auch eine Frage des Geldes. Die Post nimmt hohe Mehrkosten in Kauf, um den Service aufrecht zu halten: Ganze Busse mit Leiharbeitern aus Polen oder Rumänien sind in den vergangenen Tagen bei den Paketzentren eingetrudelt, um dort den Rückstau abzuarbeiten. Auch Mitarbeiter von großen Firmenkunden helfen in den Sortierzentren aus.  

„Das ist eine Riesensauerei“, erzürnt sich die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Andrea Kocsis auf der Verdi-Demonstration vor dem Post-Tower. Doch auch die Verdi-Kasse, aus der die Gewerkschaft den Postmitarbeitern für jeden Streiktag etwa 70 Prozent ihres Lohns erstattet, ist nicht unbegrenzt gefüllt.

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Doch die Delivery GmbH hat für die Post noch mehr Vorteile als nur eine niedrigere Lohnkostenstruktur: Jeder dort angestellte Mitarbeiter schmälert die Macht der Gewerkschaft. Denn die Logistiktarife muss Verdi in jedem Bundesland einzeln verhandeln und kann entsprechend auch nur einzelne Bundesländer bestreiken. Bei der Gewerkschaft und den Mitarbeitern ist auch deshalb die Angst groß, dass bald nicht nur Paketboten, sondern auch die Briefzustellung an die Delivery GmbH ausgelagert werden könnten.

Auf der Bühne vor dem Post-Tower spricht mittlerweile Verdi-Chef Frank Bsirske. Bei einem Arbeitskampf dieser Größenordnung spricht der oberste Gewerkschaftler nur zu gerne, vor allem in einem Wahljahr. Vor ihm halten ein paar Frauen aus der Menge ein Plakat hoch: „Stoppt Delivery. Denn über kurz oder lang kommt der Betriebsübergang“, haben sie in roter Farbe darauf geschrieben. Bsirske holt Luft, dann ruft er in die Menge: „Ohne eine Rückführung der DHL Delivery GmbH unter das Dach der Deuschen Post wird es keinen Frieden geben.“

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