Deutsche-Post-Streik Zähes Ringen um den Kompromiss

Verdi und die Post nehmen am Freitag ihre Verhandlungen wieder auf. Damit gibt es eine winzige Chance, dass der Poststreik nach vier Wochen endet. Doch die Suche nach dem Kompromiss wird zäh, langwierig und schmerzhaft.

Poststreik Quelle: dpa

Ohne die eigene Position noch mal klar zu stellen, wollte man im Post-Vorstand anscheinend nicht an den Verhandlungstisch zurückkehren. Mit einer ganzseitigen Anzeige in Deutschlands auflagenstärkster Zeitung sucht die Deutsche Post DHL den Konflikt mit Verdi: "Deutschland fragt sich nach 48 Streiktagen, worum es Euch beim Post-Streik eigentlich geht. Wir auch!", steht dort. "Ihr kämpft gegen die neuen Regionalgesellschaften, obwohl wir dort 6500 Menschen mit unbefristeten Arbeitsverträgen zu Euren eigenen Tarifkonditionen eine Zukunft geben?"

Die Antwort von Verdi folgte postwendend über den Nachrichtendienst Twitter. Mitglieder der Gewerkschaft posteten dieselbe Anzeige, übertuschten nur die Logos und änderten schnell den Text: "Ihr schiebt tausend befristet Beschäftigte in Regionalgesellschaften ab, anstatt sie zu Euren eigenen Tarifen der Post AG, die Ihr mit uns ausgehandelt habt, zu beschäftigen? Trotz des hohen Gewinns?"

Nach beinahe vier Wochen unbefristeter Streiks kehren die Post und Verdi zurück an den Verhandlungstisch, doch die Stimmung ist weiter überreizt. Der Arbeitskampf, so viel steht jetzt schon fest, ist der heftigste den die Post in den vergangenen 20 Jahren erlebt hat. Zum siebten Mal sitzen sich Andrea Kocsis als Verhandlungsführerin von Verdi und die Post-Personalchefin Melanie Kreis in diesem Tarifkonflikt nun gegenüber. Ob sie diesmal einen Kompromiss finden werden, ist unklar.

Es gibt vieles, was dagegen spricht. Beim kritischsten Punkt, den neuen Regionalgesellschaften mit dem Namen Delivery GmbH, will keine der beiden Parteien einlenken. Die Post hat die Gesellschaften Anfang des Jahres gegründet, um die Lohnkosten im Paketbereich zu senken. Mittlerweile arbeiten 6500 Paketboten bei den umstrittenen Tochterfirmen. Bezahlt werden sie nicht nach dem üblichen Haustarifvertrag, sondern zu den laut Verdi rund 20 Prozent niedrigeren örtlichen Tarifen der Logistikbranche.

Die Delivery-Zusteller arbeiten weiterhin in der gleichen Niederlassung, sie haben dieselben Tätigkeiten wie zuvor. Von ihren Kollegen trennt sie außer der Tarifzugehörigkeit nur ein gelb-schwarzer Klebestreifen auf dem Boden.

Für Verdi hat es deshalb oberste Priorität, dass die Post diesen Schritt rückgängig macht. Die Delivery-Mitarbeiter sollen wieder in den Haustarif zurückgeholt werden. "Solange dieses Problem nicht gelöst ist, kann es keinen Frieden im Betrieb geben", stellte Verdi-Verhandlungsführerin Kocsis in einem Interview mit der WirtschaftsWoche klar.

Die Gewerkschaft hat Macht im Paketimperium der Post. Über 32.000 Mitarbeiter hat Verdi mittlerweile in den Streik geführt. Die Post nimmt hohe Mehrkosten auf sich, um das zu kompensieren. Sie heuert Leiharbeiter, Werksstudenten und sogar Taxi-Fahrer an, die Briefe und Pakete austeilen sollen. Und trotzdem beschweren sich die Kunden im ganzen Bundesland.

Eingriff in unternehmerische Freiheit

Die Post wertet die Verdi-Forderung nach der Abschaffung der Delivery-Firmen deshalb als Eingriff in ihre unternehmerische Freiheit. Wie ein Unternehmen zu organisieren sei, könne allein der Vorstand entscheiden, ließ die Post in den vergangenen Wochen immer wieder verlautbaren. Die Brief- und Paket-Sparte ist im 56 Milliarden Euro Umsatz großen Imperium der Post immer noch einer der wichtigsten Bereiche.

Zum Gewinn, der im vergangenen Jahr bei knapp drei Milliarden Euro lag, steuert die Sparte 1,3 Milliarden Euro zu. Doch weil die Einnahmen in dem Bereich nicht so schnell wächst wie der Umsatz, schlägt der Post-Vorstand Alarm. Vorstandschef Frank Appel fürchtet, dass er Kunden an Konkurrenten wie DPD, Hermes oder GLS verlieren könnte, bei denen die Paketboten oft nur den Mindestlohn erhalten.

Die Delivery GmbHs sollen die Lösung zu diesem Problem sein. "Dass es die neuen Gesellschaften gibt, ist für uns nicht verhandelbar", sagte der Post-Chef in einem Interview mit der Westdeutschen Zeitung wenige Tage vor den Verhandlungen.

Post-Streik: Was Sie jetzt wissen müssen

Damit hat sich der Konzernchef allerdings eine Hintertür offengelassen: Denn für einen Kompromiss ist die Auflösung der Tochtergesellschaften gar nicht zwingend notwendig, wenn sich die Arbeits- und Tarifbedingungen der Delivery-Mitarbeiter genügend verbessern würden. Doch auf dieses Szenario wird sich der Post-Vorstand wohl nur dann einlassen, wenn er insgesamt trotzdem von einer deutlichen Verbesserung seiner zukünftigen Lohnkosten ausgehen kann.

Die Gewerkschaft allerdings ist der Post in den Verhandlungen schon weit entgegen gekommen und hat ihre Forderungen nach Lohnerhöhungen für die nach Haustarif beschäftigten Mitarbeiter weit gesenkt. Jedes weitere Zugeständnis wäre für die Gewerkschaft extrem schmerzhaft.

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Zwei Tage werden Andrea Kocsis und Post-Personalchefin Melanie Kreis um einen Kompromiss ringen, wenn nötig auch bis in die späten Abendstunden. Für Samstag gelte, das Ende sei offen, hieß es aus Kreisen der Post. Es sei auch möglich, dass die Verhandlungen noch am Sonntag fortgesetzt werden könnten.

Eins steht fest: Die Zusteller streiken solange weiter – bis zu der Stunde, in der beide Parteien einen neuen Vertrag unterschreiben.

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