DFB-Skandal Begrenzt aufklärungsfähig

Es ist gut, dass die Staatsanwaltschaft im DFB-Skandal ermittelt. Doch trotz Razzia werden viele Fragen wohl für immer ungeklärt bleiben – weil die Ermittler sie nicht beantworten dürfen.

DFB-Logo Quelle: REUTERS

Sie kamen wie üblich im Morgengrauen, die Razzia erschütterte den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Dass die Ermittler an diesem nebelverhangenen Novembermorgen in die Frankfurter Zentrale des Sportverbands einrückten, mag bei vielen in Fußballdeutschland die Hoffnung wecken, dass sie die Nebel um das Sommermärchen lichten werden, die finanziellen Ungereimtheiten bei der Fußball-WM 2006 aufklären können. Doch diese Hoffnungen werden sich zu großen Teilen nicht erfüllen.

Viele Fragen sind offen: An wen flossen die 6,7 Millionen Euro (10 Millionen Schweizer Franken), die der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus auf Veranlassung von Franz Beckenbauer, dem Chef des WM-Organisationskomitees, aus seinem Privatvermögen zur Verfügung stellte? Wofür flossen die Millionen? Wurde damit gar die WM-Vergabe nach Deutschland gekauft? Fragen, die seit gut zwei Wochen die Republik bewegen, auf die aber auch die Ermittler der Staatsanwaltschaft Frankfurt keine Antwort finden werden. Oder besser gesagt: keine Antwort finden dürfen.

Wie die Behörde mitteilte, hat sie ausschließlich Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung eingeleitet. Als die 6,7 Millionen Euro 2005 über Konten des Weltverbands FIFA zurückgezahlt wurden, hat das Organisationskomitee (OK) die Zahlung als Beitrag für das Kulturprogramm umetikettiert – und damit mutmaßlich zu Unrecht als Betriebsausgabe von den zu versteuernden Erlösen abgezogen. Mögliche Untreue oder Bestechung im internationalen Geschäftsverkehr hingegen sieht die Staatsanwaltschaft als ohnehin verjährt an, eröffnete deshalb keine entsprechenden Ermittlungen – und darf somit auch nicht nach einer Antwort auf die Frage suchen, ob die WM 2006 gekauft war.

Frage nach Korruption bei WM-Vergabe ist für Ermittler tabu

Das verbietet die Strafprozessordnung. Ziellos ausforschen und herumermitteln dürfen Staatsanwälte nämlich nicht, selbst wenn die Frage die halbe Republik brennend interessiert. Nur dann, wenn sie einen konkreten Anfangsverdacht für eine bestimmte Straftat haben, dürfen – und müssen – sie diesem nachgehen. Im vorliegenden Fall müssen die Staatsanwälte prüfen, ob Steuern hinterzogen wurden. Nicht mehr und nicht weniger. Ob es Korruption gab, geht die Staatsanwälte in den nun eingeleiteten Ermittlungen schlichtweg nichts (mehr) an.

Die zentralen Figuren des WM-Sommers 2006
Die hochbrisanten Vorwürfe zu einem angeblichen Kauf von Stimmen bei der Vergabe der WM 2006 beschäftigen den Deutschen Fußball-Bund. Der Verband weist die vom „Spiegel“ erhobenen Anschuldigungen mit Macht zurück und droht mit juristischen Gegenmaßnahmen. Sowohl beim DFB als auch bei der FIFA werden sich dennoch interne Ermittler der Aufklärung der Sache annehmen. Im Fokus dürften dabei auch die Macher des Sommermärchens stehen - und ein ehemaliger Adidas-Chef. Quelle: AP
Der Präsident des Organisationskomitees der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, Franz Beckenbauer Quelle: dpa
Wolfgang Niersbach Quelle: AP
Fedor Radmann mit Blatter und Beckenbauer Quelle: dpa
Theo Zwanziger Quelle: dpa
Horst R. Schmidt Quelle: dpa
Robert Louis-Dreyfus Quelle: dpa

Dennoch ist es gut, dass die Ermittler jetzt nach Prüfung des Anfangsverdachts ein Verfahren eingeleitet haben, auch wenn es sich auf den Vorwurf der Steuerhinterziehung beschränkt. Zu wenig glaubwürdig wirken die bisherigen Bemühungen des DFB um seinen Präsidenten Wolfgang Niersbach, die Affäre aufzuklären. Anfangs suggerierte Niersbach, längst externe Ermittler von der Wirtschaftskanzlei Freshfields mit dem Fall betraut zu haben, dann kam zunächst heraus, dass Freshfields erst kurzfristig eingeschaltet worden war und später auch noch, dass der federführende Freshfields-Partner private Kontakte zu Niersbachs Büroleiter hat.

Dass der DFB auf Presseanfragen erst massiv mauert und dann kurzfristig eine Pressekonferenz mit Niersbach einberuft, in der der heutige Präsident vorwiegend seine Erinnerungslücken ausbreitet, hat seine Glaubwürdigkeit auch nicht gesteigert. Und erst recht nicht, dass Niersbach in den wenigen Punkten, an die er sich doch noch erinnern konnte, prompt Widerspruch von der FIFA und deren Präsident Sepp Blatter erntete. Der Kontrollausschuss als DFB-eigenes Organ ist ebenfalls nicht über jeden Zweifel erhaben.

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