DFB-Skandal Der Rücktritt von Niersbach war überfällig

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ist zurückgetreten - endlich, zu Recht und doch zu spät. Es ist ein trauriges Kapitel in der seltsamen Geschichte um das sogenannte „Sommermärchen“.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat seinen Rücktritt erklärt. Quelle: dpa

Nun hat er es endlich getan – Wolfgang Niersbach ist als Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB) zurückgetreten. Der Schritt, am Montagnachmittag verkündet nach einem Krisengipfel des DFB, mag für den langjährigen Funktionär, früheren Sportjournalisten und Fußballnarren persönlich bitter sein. Doch tatsächlich war er vor allem eines: komplett überfällig.
Zu sehr hat sich der Düsseldorfer in der Affäre, die der "Spiegel" mit seiner Titelgeschichte über das angeblich gekaufte „Sommermärchen“ ausgelöst hatte, in einem Gestrüpp aus Halbwahrheiten, Doppelbödigkeiten und vielen unaufgeklärten Merkwürdigkeiten verheddert. Für ihn oder für seinen Verband gab es keinen anderen Ausweg mehr.

Tatsächlich wäre es sicher klüger gewesen, schon früher Konsequenzen zu ziehen – spätestens seit seiner völlig verkorksten, längst zum Spielball für Scherzbolde und Kabarettisten mutierten Stotter-Pressekonferenz. Jeder Dödel meinte sich danach auf Kosten von Niersbach mit Flachwitzen profilieren zu können.

Dass es aber überhaupt erst soweit kommen konnte, hatten sich Niersbach und seine Berater zum großen Teil selber zuzuschreiben. Denn wie Niersbach da auf völlig verlorenem Posten stand und offenkundig nur darauf setzte, dass allein der Nimbus des Kaisers Franz Beckenbauer ausreichen werde, ihn vor kritischen Nachfragen zu behüten, hatte etwas Bizarres.

Spätestens als in der vergangenen Woche die Frankfurter Staatsanwaltschaft ihre Leute losschickte, um Büros und Privatgemächer von Niersbach, seinem Vorgänger Theo Zwanziger sowie des früheren Generalsekretärs Horst R. Schmidt zu durchsuchen, war der Zeitpunkt gekommen, an dem Niersbach das Präsidenten-Amt mindestens hätte ruhen lassen müssen.

Zu viele Fragen ungeklärt

Der Präsident des Verbandes, der den aktuellen Fußball-Weltmeister stellt, hätte von sich aus die Konsequenzen ziehen und sich auf jeden Fall bis zur Klärung der Vorwürfe zurückziehen müssen, um weiteren Schaden am Ruf der Organisation zu vermeiden. Warum er es dann doch nicht tat, ist unklar. Offensichtlich hat hier der moralische Kompass völlig versagt. Wenig ruhmreich ist auch die Haltung der meisten anderen Verbandsfunktionäre: Wo war denn derjenige, der Konsequenzen gefordert hätte?

Die Fakten zum FIFA-Skandal

Spätestens als der „Spiegel“ noch einmal nachgelegte mit einem Dokument, dass allem Anschein nach die Handschrift Niersbachs trug, hätte doch auch sein eigenes Gedächtnis wieder auf Touren kommen müssen. Reichte das denn immer noch nicht aus, noch vor der Krisensitzung am Nachmittag Verantwortung zu übernehmen?
Stattdessen hatte sich der 64-Jährige noch auf dem Weg zu den Gesprächen mit DFB-Präsidium und den Landesfürsten optimistisch gegeben: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich den Kollegen im Präsidium und anschließend auch den Präsidenten der Landesverbände alle Fragen beantworten kann, Antworten geben kann, die jetzt erwartet werden und die auch die Öffentlichkeit erwartet.“ Erst im Anschluss an die Sitzung dann der Rücktritt.

Die zentralen Figuren des WM-Sommers 2006
Die hochbrisanten Vorwürfe zu einem angeblichen Kauf von Stimmen bei der Vergabe der WM 2006 beschäftigen den Deutschen Fußball-Bund. Der Verband weist die vom „Spiegel“ erhobenen Anschuldigungen mit Macht zurück und droht mit juristischen Gegenmaßnahmen. Sowohl beim DFB als auch bei der FIFA werden sich dennoch interne Ermittler der Aufklärung der Sache annehmen. Im Fokus dürften dabei auch die Macher des Sommermärchens stehen - und ein ehemaliger Adidas-Chef. Quelle: AP
Der Präsident des Organisationskomitees der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, Franz Beckenbauer Quelle: dpa
Wolfgang Niersbach Quelle: AP
Fedor Radmann mit Blatter und Beckenbauer Quelle: dpa
Theo Zwanziger Quelle: dpa
Horst R. Schmidt Quelle: dpa
Robert Louis-Dreyfus Quelle: dpa


Klar ist aber auch, dass Niersbachs Abgang am Ende auch nicht mehr sein wird als eines von vielen Kapiteln in der langen und seltsamen Geschichte um das sogenannte „Sommermärchen“. Zu viele Fragen sind noch immer ungeklärt, zu viele Verbindungen im Dickicht zwischen DFB und Fifa noch im Dunkeln. Der Rücktritt schützt Niersbach zudem nicht vor den weiteren Nachforschungen der Steuerfahnder. Nicht nur sie wollen wissen: Wer war bei der Fifa tatsächlich der Empfänger jener ominösen 6,7 Millionen Euro? Wozu haben die Millionen gedient? Wem haben sie genützt? Und wer hat alles davon profitiert?
Die Tragik des Wolfgang Niersbach als DFB-Präsident wird sein, dass noch kein Verbandsfürst vor ihm einen so tiefen Fall erlebte: Im vergangenen Jahr noch strahlte er beim Triumph von Rio mit den WM-Gewinnern um den Siegtorschützen Mario Götze um die Wette. Und heute ist er DFB-Präsident a. D..

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%