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Dicke Luft in Städten So dreckig ist der öffentliche Nahverkehr

Der kostenlose Nahverkehr wird nicht reichen, um für bessere Luft in den Städten zu sorgen. Die Verkehrsbetriebe müssten auch ihre Elektrobusflotten deutlich vergrößern. Quelle: dpa

Mit kostenlosen Bussen und Bahnen will die Regierung das Feinstaubproblem in den Städten lösen. Doch das wird nicht gelingen. Denn auch Diesel-Busse pusten Schadstoffe in die Luft – zum Teil sogar mehr als Diesel-Pkw.

Deutschlands Städte haben ein Feinstaubproblem. Ein Ansatz: Der kostenlose öffentliche Nahverkehr soll es lösen. Derzeit berät sich der Bund mit den Bürgermeistern der Städte Mannheim, Reutlingen, Herrenberg, Bonn und Essen, wie der Plan umgesetzt werden soll. In den fünf Städten soll die kostenlose Nutzung von Bus und Bahn getestet werden.

Die Bundesregierung hofft, dass so mehr Menschen ihren eigenen Pkw zu Hause stehen lassen und stattdessen mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Städte fahren. In den Medien wurde deswegen Kritik laut. Unisono hieß es, dass den Verkehrsbetrieben die Kapazitäten fehlen würden. Unklar sei auch, wie das Vorhaben finanziert werden solle. Außerdem sei nicht absehbar, wie viele Menschen dann tatsächlich vom Auto auf Bus oder Bahn umsteigen würden. Ein Kritikpunkt allerdings wurde in der hitzigen Debatte vergessen. Der Punkt, dass der öffentliche Nahverkehr das Schadstoffproblem nicht löst.

Diesel-Busse pusten nämlich nicht weniger Stickoxide (NOx) in die Luft als Diesel-Pkws. Zum Teil sorgen sie sogar für eine höhere Belastung. In den Medien wurde zwar zuletzt mit dem Verweis auf eine Studie des International Council on Clean Transportation (ICCT) oftmals das Gegenteil geschrieben. Demnach seien Diesel-Pkw der Schadstoffklasse Euro 6 dreckiger als Diesel-Busse derselben Klasse. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Eine genauere Analyse der Studie lässt einen anderen Schluss zu.

Fahrverbote sind Unsinn

So verursachen Busse der Schadstoffklasse Euro 5 eine überproportional höhere Schadstoffbelastung als Euro-5-Pkw. 4500 Milligramm Stickoxide pro Kilometer bläst ein Diesel-Bus mit Euro-5-Motor in die Atmosphäre. Ein Diesel-Pkw der Euro-Norm 5 kommt auf 800 Milligramm – und selbst das ist schon zu viel. Der NOx-Ausstoß eines Euro-6-Benziners beträgt lediglich 50 Milligramm pro Kilometer. Die Zulassungszahlen zum 1. Januar 2017 lassen das ganze Ausmaß des Problems erahnen.

Demnach fuhren vor etwas mehr als einem Jahr noch 45.000 Fern- und Linienbusse über Deutschlands Straßen mit einer Schadstoffklasse Euro 5 oder schlechter. Nur 17.000 Busse erfüllten die Euro-6-Norm. Viele Verkehrsbetriebe in Deutschland haben noch Euro-5-Busse in ihren Flotten. Selbst die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die die Modernisierung und Elektrifizierung ihres Fuhrparks stark vorantreiben, haben sie in ihrer Flotte. Ein Sprecher nennt Zahlen: 500 der 1400 Fahrzeuge werden von Motoren mit der Schadstoffklasse Euro 5 oder schlechter angetrieben. Allerdings wurde in 200 ein sogenannter SCR-Filter eingebaut, der die Euro-5-Busse auf Euro-6-Norm hochstuft. So bleiben noch immer 300 Fahrzeuge übrig, die einen deutlich erhöhten Schadstoffausstoß haben, als Diesel-Pkws. Laut dem Sprecher wolle die BVG auch diese Fahrzeuge bis Jahresende mittels Filter sauberer machen.

Die deutschen Städte mit der höchsten Stickoxid-Belastung

Mobilitätsexperte Dietmar Göhlich sieht die Pläne der Regierung daher skeptisch. „Ein kostenloser öffentlicher Nahverkehr löst die Feinstaubproblematik nicht. Eine solche Maßnahme würde nur Sinn machen, wenn auch die gesamten Busflotten der Verkehrsbetriebe modernisiert werden“, sagt Göhlich, der an der TU Berlin lehrt und Sprecher des Forschungscampus Mobility2Grid ist, eine öffentlich-private Partnerschaft zur Realisierung von Elektromobilität in urbanen Arealen. Göhlich zufolge müssten die Busse mindestens mit Euro-6-Motoren ausgerüstet oder noch besser direkt auf den emissionsfreien Elektroantrieb umgestellt werden. „Außerdem müssten die Verkehrsbetriebe ihre Fahrzeugkapazitäten erhöhen. Nur woher sollen die zusätzlichen schadstoffarmen Euro-6- oder schadstofffreien Elektro-Busse auf die Schnelle herkommen?“

Doch es ist nicht nur der hohe Schadstoffausstoß der Euro-5-Fahrzeuge, sondern auch das Fahrverhalten der Busse. Sie haben eine deutlich höhere Jahreslaufleistung als Pkws. Und weil sie die Haltestellen auf ihrer Linie abfahren müssen, bremsen und beschleunigen sie öfter als normale Autos. Vor allem während der Beschleunigungsphasen ist der Schadstoffausstoß besonders hoch.

Mit dem kostenlosen Nahverkehr ist daher nichts gewonnen. Die Problematik würde sich lediglich verschieben. Das legen auch Zahlen der Schadstoffmessstellen in Stuttgart nahe. Ihnen zufolge verursachen Linienbusse im Stadtzentrum schon jetzt eine genauso hohe Schadstoffbelastung wie Pkws, obwohl ihr Anteil am Verkehrsaufkommen deutlich geringer ist. Statt des kostenlosen Nahverkehrs sollte die Bundesregierung daher besser die Verkehrsbetriebe dabei unterstützen, die Busflotten zu elektrifizieren. Nur so ließe sich der Schadstoffausstoß auch tatsächlich reduzieren.

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