WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Die Bahn-Chef und die Pünktlichkeit Warum Grubes Zukunft von Verspätungen abhängt

Schluss mit den Verspätungen: Auf großen Bahnhöfen kümmern sich Experten seit kurzem um die Pünktlichkeit dort startender Züge. Ein Erfolg ihrer Arbeit ist nicht zuletzt für die Zukunft von Bahnchef Grube unerlässlich.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Bahn-Chef Rüdiger Grube: Bekommt er die Verspätungen in den Griff? Quelle: dpa

Als der Intercity nach Stralsund an den Bahnsteig in Hannover rangiert wird, beobachten drei Eisenbahner die Abläufe genau. Von einem Elektrokarren aus wird der Speisewagen beladen, das Zugpersonal läuft an den Wagen vorbei, während Reisende ihr Gepäck durch die Türen wuchten und die Abteile suchen. Stimmen die Anzeigen am Bahnsteig, welche Ansage läuft durch den Lautsprecher, und was sagt die Uhr?

„Das ist Teil der Maßnahmen, um insgesamt mehr Pünktlichkeit und Verlässlichkeit herzustellen“, sagt Susanne Gieseler, die sich seit einigen Monaten als Koordinatorin darum kümmert, Verspätungen auszumerzen. Mit messbarem Erfolg: Kamen von den in Hannover startenden Fernzügen 2015 im Schnitt 61,3 Prozent pünktlich in Fahrt, waren es im Juni bereits 73 Prozent. Zahlenwerte, die Rüdiger Grube gut gebrauchen kann.

Wenn der Bahnchef an diesem Mittwoch die Halbjahresbilanz des Konzerns vorstellt, dürfte das Thema Pünktlichkeit keine unbedeutende Rolle spielen. Im Gegenteil: Von fahrplanmäßig fahrenden Zügen hängt nicht zuletzt seine berufliche Zukunft ab.

Anteil pünktlicher Züge der Deutschen Bahn im Personenverkehr

Der 64-Jährige kämpft um die Verlängerung seines Vertrags über das Jahr 2017 hinaus. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat ihm zwar die Unterstützung des Bundes für seine angekündigte Strategie mit zusätzlichen Investitionen und einer Ausweitung des ICE-Netzes zugesagt.

Dobrindt machte aber auch klar, dass der Vorstandsvorsitzende letztlich daran gemessen werde, wie er seine Aufgaben bewältigt. Zu den Herausforderungen zählen vor allem mehr Pünktlichkeit bei ICE und Intercitys, kostenloses WLAN auch in der 2. Klasse der ICE und der Wettbewerb mit den Fernbussen.

Doch damit nicht genug: Probleme bereiten auch die vielen Baustellen im Schienennetz, verlorene Marktanteile im Regionalverkehr, der Preiskampf im Fernverkehr und das schwache Geschäft der Güterbahn, die sich im vergangenen Jahr miserabel entwickelt hat. Es wurden weniger Güter auf der Schiene transportiert statt mehr, wie das der Eigentümer Bund eigentlich wünscht, damit weniger Treibhausgas Kohlendioxid in die Umwelt geblasen wird.

Auch wirtschaftlich sah es nicht gut aus: Die Sparte rutschte beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern auf ein Minus von 183 Millionen Euro – nach einem Gewinn von 46 Millionen Euro im Jahr zuvor. Außerdem wurde der Wert des Gütergeschäfts mit einer Sonderabschreibung in Höhe von 1,3 Milliarden Euro nach unten korrigiert. Das riss den gesamten Konzern in die roten Zahlen. Im März musste Grube einen Verlust von 1,31 Milliarden Euro für 2015 verkünden.

Wie die Deutsche Bahn 6,3 Milliarden Euro vergeudet

Nach zwei Sanierungsjahren soll es erst von 2018 an wieder aufwärts gehen. In der Bilanz der ersten sechs Monate dieses Jahres dürften damit im Fern-, Regional- und vor allem im Schienengüterverkehr weiter schwache Zahlen stehen.

Die Arbeit der Pünktlichkeitsanalysten in rund 20 Bahnhöfen in Deutschland sollte für Grube also ein Hoffnungsschimmer sein. Denn bei Verspätungen ist Abhilfe oft einfacher als gedacht. Beispiel Bremszettel und Wagenliste. Beide Papiere werden ausgefüllt, wenn der Zug im Abstellbahnhof zusammenrangiert wird – wo aber findet der Zugchef sie, wenn sein IC an den Bahnsteig rollt? Unklare Absprachen, das fanden die Koordinatoren heraus, führten bislang zu unnützer Lauferei und verspäteter Abfahrt, jetzt liegen die Zettel immer im Abteil des Zugführers.

Und auch wenn Getränke und Snacks nicht rechtzeitig verladen waren, kamen Züge nicht pünktlich los. Damit dies nicht mehr passiert, wird dem Caterer jetzt minutengenau gesagt, ab wann der Zug am Gleis steht und beladen werden kann.

Lob für die Aktion gibt es vom sonst kritischen Fahrgastverband Pro Bahn. „Das hätte man schon früher machen sollen, oft liegt es an Kleinigkeiten“, sagt Sprecher Karl-Peter Naumann. Statt stets computergesteuert aus einer Zentrale den Verkehr zu lenken, könnten Bahner am Ort oft mit einem kleinen Eingriff Verbesserungen bewirken.

Beim IC 2086 nach Stralsund läuft diesmal in Hannover alles rund: Um 12.17 Uhr rollt der Zug los – so wie es der Fahrplan vorsieht. Ob es für Grube einigermaßen rund weiterläuft, wird sich voraussichtlich erst im Dezember entscheiden. Dann will der Aufsichtsrat beschließen, ob der Vertrag des dann 65-Jährigen verlängert wird.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%