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„Die Reiselust ist ungebrochen“ Aus Sicht von Tui ist die Krise vorbei – kann das sein?

Quelle: dpa

Für den kommenden Sommer erwarten die Urlaubsveranstalter statt Coronaeinbruch wieder eine Rückkehr fast zum Vorkrisengeschäft. Tui deutet gar einen neuen Rekord an. Doch ein Blick auf den Winter zeigt, wie groß die Unwägbarkeiten immer noch sind.

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Es wirkt fast wie ein Zeitsprung in den November 2019, als Stefan Baumert das Sommerprogramm des von ihm geleiteten Deutschlandgeschäfts der Tui vorstellte. „Die Reiselust ist ungebrochen“, sagt der 47-Jährige. Er rate allen Kunden schnell zu buchen, denn es gebe „einen Urlaub ohne Risiko“. Und: „Das Last-Minute-Angebot wird nicht das Beste sein.“ Einzig, dass der Manager seine Verlautbarungen für den Reisesommer 2022 nicht in einem Ferienort, sondern im Tui-Multimediastudio in Hannover verkündet, zeigt, dass es hier um Planungen für den dritten Sommer unter Coronaeinfluss geht.

Trotz Rekordinzidenzen und Impfpflichtdebatten verspricht Baumert für das kommende Jahr eine ähnlich gute Saison, wie sie sein Vorgänger Marek Andryszak für 2020 in Aussicht gestellt hatte. Damit wäre die Reisekrise der vergangenen 21 Monate mehr oder weniger vorbei. Denn ob Zielgebiete oder Zahlen, es gebe „ganz oder annähernd eine Rückkehr zu 2019“, verkündete der Manager. Und wer ihm genau zuhört, erkennt: Weil die Kundschaft aufwendiger reist, könnte das Geschäft 2022 fast besser sein als vor der Krise. Und selbst in diesem Winter erwartet Baumert gutes Geschäft.

Da ist er nicht der Einzige. Auch die Rewe Touristik und Alltours berichten von guten Zahlen. „Die Stimmung bei Reisenden ist wieder gut“, lässt Alltours-Inhaber Willi Verhuven ausrichten. „Unsere Buchungszahlen überschreiten teils sogar das Vorkrisenniveau vom Oktober 2019.“ Der Nachholbedarf sei groß und der „verregnete Sommer“ hätte den Aufschwung begünstigt.

Dabei stützen sich die Branchenvertreter nicht auf Wunschdenken, sondern solide Zahlen wie die Vorausbuchungen deutschen Urlauber. Dazu kommen die Erfahrungen aus den Vorjahren: Egal ob es eine Reisewarnung gebe, „wenn eine Urlaubsregion wieder öffnet, buchen die Leute auch wieder“, sagt Markus Orth, Chef der Reisebürokette Lufthansa City Center. Selbst die ständig wechselnden Vorschriften vieler Urlaubsländer seien kein Hindernis mehr. „Unsere Gäste haben sich dran gewöhnt, dass sie vorab Einreisebestimmungen lesen müssen und ihren Impfpass vorzeigen“, sagt Baumert.

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    Abgesehen von Erlebnisreiseveranstaltern wie Studiosus aus München haben fast alle Veranstalter ihr Angebot annähernd auf das gewohnte Maß aufgestockt. 80.000 Unterkünfte bietet allein die Tui im Sommer. Bei der Alltours-Hotelkette Allsun liegen die Buchungseingänge sogar deutlich höher als im Geschäftsjahr 2018/19.

    Denn anders als noch in diesem Sommer sind immer mehr Ziele offen oder haben zumindest eine Öffnung zugesagt. Nicht nur, dass wie in diesem Jahr wohl alle Länder in Europa wieder Touristen aufnehmen. Auch in Übersee rechnet die Tui mit offenen Traumstränden. Nach klassischen Ferieninseln wie der Dominikanischen Republik in der Karibik oder den Malediven in Südasien rechnen alle auch mit einer Wiedereröffnung von Thailand. Tui hat dort allein in Khao Lak im Südwesten 16 Häuser im Programm.

    Zwar glauben alle Veranstalter, dass die Kundschaft in der Zeit nach Corona anders reist. Aus Sicht von Manager Baumert soll aber genau das der Tui helfen, weil sie diese Bedürfnisse besonders gut erfüllen kann. Das beginnt beim Wunsch nach mehr Flexibilität und Sicherheit, dem alle mit großzügigeren Stornierungsfristen gegen Aufpreis und Garantien begegnen. Tui akzeptiert Gratisstornos bis 14 Tage vor Abreise, Alltours sogar bis zu einer Woche. Das macht die Veranstalterferien aus Sicht der Branche attraktiver als im Internet selbst zusammengestellte Urlaube.

    Entscheidend für Tui und ihre Kasse sind jedoch umweltbewusste und auf den Kunden maßgeschneiderte Urlaubsangebote von nachhaltigeren Hotels, Workation genannten Zimmerausstattungen für ein Homeoffice in Ferienregion bis zu individuellen Hotels und Designhäusern, „die man bisher nicht ohne Weiteres mit der Tui in Verbindung gebracht hätte“, so Baumert. Dazu buchen die Deutschen generell teurere Unterkünfte als früher, darunter Villen statt Ferienhäusern sowie große Suiten für Mehr- Generationen-Urlaub. Das sorgt dafür, dass die Kundschaft im Schnitt deutlich mehr für die Ferien ausgibt. „Es ist oft bis zu einem Viertel mehr als vor der Krise“, so Baumert.

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    Optimistisch, wenn auch verhaltener, sind die Ferienanbieter sogar für den beginnenden Winter. Dafür sorgt zum einen das starke Geschäft mit Badereisen. „Die aktuellen Buchungseingänge für die kommende Wintersaison sind gut“, so Verhuven. Das gilt nicht nur für die Kanaren, wo etwa die Hälfte aller Urlauber in der kalten Jahreszeit Ferien macht. Auch Ägypten ist wieder offen und Tui bietet neben ihren 600 Hotels auch wieder Flusskreuzfahrten an. Zudem hat der Konzern auch 70 Skigebiete in 28 Ländern im Programm, wie Baumert stolz verkündet.

    Dass der Manager mehrmals auf die Breite seines Angebots verweist, hat seinen Grund. Denn gerade die Winterferien zeigen, wie schnell das Geschäft ins Wanken geraten kann. Zwar gilt das Reiserisiko als gering, seit geimpfte oder genesene Deutsche nicht mehr in Quarantäne müssen, wenn die Bundesregierung ihr Zielland zum Risikogebiet erklärt wie gerade Belgien, Irland oder zuvor Tschechien. Doch inzwischen reagieren auch Urlaubsländer nervös, wenn in den Heimatländern der Urlauber die Coronazahlen hochschnellen. So schloss Marokko fast über Nacht seine Grenzen und setzte fast alle Flüge nach Mitteleuropa aus. Damit kamen viele Urlauber nur übereilt und mit Problemen zurück. „Das könnte auch in jedem anderen Land passieren, angesichts unserer explodierenden Coronazahlen und der Unsicherheit, in welchem Umfang Geimpfte und genesene Reisende die Krankheit ins Land tragen können“, so ein führender deutscher Touristiker.

    Das zweite Risiko ist, dass ein Urlaubsziel einen Lockdown verhängt und mit kurzem Vorlauf alle Hotels schließt. Das hat gerade Österreich getan, weil sich dort jede Woche mehr als ein Prozent der Bevölkerung mit Covid angesteckt hat. Derzeit gelten die Hotelschließungen nur bis zum 17. Dezember. „Auf die Entwicklung des Weihnachtsgeschäfts schauen alle sehr gebannt, denn eine Schließung über die Winterferien würde den Reisevertrieb stark treffen, wenngleich auch eine Vielzahl von Kunden den Skiurlaub direkt beim Hotelier bucht“, sagt Reisebürochef Orth.

    Das wäre bei einem größeren Ziel oder während der Hochsaison wohl anders. Und dann wäre es auch mit dem Optimismus der Branche vorbei.

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