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E-Scooter-Unfälle Ein Blick ins Ausland zeigt, was Deutschland blühen könnte

E-Scooter-Unfall in der Stadt Austin im US-Bundesstaat Texas Quelle: imago images

Knochenbrüche, Platzwunden und Nächte im Krankenhaus: E-Scooter sorgen nicht nur für spaßige Fortbewegung. In Schweden gab es nun den ersten Todesfall. Deutschland könnte noch vorbeugen – tut das aber kaum.

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Wer sich im Stadtzentrum von Austin einen E-Scooter mit dem Handy ausleihen möchte, der erkennt in der App eines Anbieters vor lauter Scooter-Symbolen oftmals die Straßennamen nicht mehr – so gewaltig ist das Angebot. An den Straßenecken im Stadtzentrum tummeln sich Scooter von Bird, Lyft, Lime, Jump und vielen weiteren Anbietern. Sie locken mit simpler wie spaßiger Fortbewegung zu günstigen Preisen. In Kürze sollen sie das auch in Deutschland tun. Das hat der Bundesrat erlaubt und schon Mitte Juni dürfte es so weit sein.

Dass diese neue Form der Mobilität hierzulande nicht nur für umweltschonenden Verkehr und Spaß sorgen wird, lässt sich in Austin erahnen. Die US-Stadt hat zusammen mit dem örtlichen Gesundheitswesen Unfälle mit und durch die elektrischen Tretroller ausgewertet – so detailliert wie keine andere Region.

Die Unfallzahlen in der texanischen Stadt sind erschreckend. 192 Personen wurden in Austin bei Unfällen mit E-Scootern bereits verletzt. Bis auf einen Fußgänger und einen Fahrradfahrer handelte es sich dabei stets um die Fahrer der Tretroller. In Austin sind Leih-E-Scooter zwar bereits seit Anfang April 2018 verfügbar. Die Studie befasst sich allerdings nur mit Unfällen im Zeitraum vom 5. September bis zum 30. November 2018. Das lässt die Zahlen noch dramatischer wirken: 192 Verletzte in gerade einmal 87 Tagen. Im Schnitt also etwas mehr als zwei Verletzte pro Tag.

Und damit nicht genug: Insgesamt gab es in dem Zeitraum in Austin sogar 271 Personen mit Verletzungen, die potenziell aus Unfällen mit E-Scootern stammen. Ganz sicher war das allerdings nur bei den 192 Verletzten. Fast die Hälfte von ihnen ist zwischen 18 und 29 Jahren alt. Und von den Verletzten, die die Stadt Austin befragt hat (insgesamt 125 Fahrer), ist mit einem Drittel der größte Teil bei der ersten Fahrt mit einem E-Scooter gestürzt.

Situation in Wien und Zürich weniger dramatisch?

Da wäre es doch an der Zeit, Unfällen in Deutschland vorzubeugen, wo die Scooter ganz neu nach Deutschland kommen sollen und viele Fahrer das erste Mal mit einem E-Scooter unterwegs sein werden. Doch bislang fühlen sich weder das Verkehrsministerium noch die Anbieter berufen, die deutschen Großstädter auf das sichere Fahren der E-Scooter vorzubereiten.

Auch Städte, die nicht so weit entfernt sind wie Austin, haben schon Erfahrung mit Unfällen. Am Donnerstagabend starb ein 27-jähriger Mann in der schwedischen Stadt Helsingborg an den Folgen eines Verkehrsunfalls mit einem E-Tretroller. Die Landespolizeidirektion Wien zählte von Oktober 2018 bis März 2019 insgesamt sieben Unfälle mit Personenschaden, zwölf Anzeigen und 13 Abmahnungen, wie ein Sprecher auf Anfrage der WirtschaftsWoche mitteilte. Eines der größten Probleme in Wien sei, dass die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 25km/h der E-Scooter oftmals unterschätzt werde, teilte der Polizeisprecher mit. Das führe immer wieder zu gefährlichen Situationen und Unfällen im Straßenverkehr. Im Blick auf die Zahlen aus Austin klingen die Verhältnisse in der österreichischen Hauptstadt noch vergleichsweise hinnehmbar.

Andere europäische Städte, in denen die Scooter bereits unterwegs sind, teilten auf Anfrage mit, keine Daten über Unfälle mit E-Scootern zu haben, da diese in der Statistik nicht extra aufgeschlüsselt seien. Etwa Stockholm, Kopenhagen oder Zürich. Die Polizei der Schweizer Metropole teilte allerdings mit, dass es in Zürich nicht zu auffällig vielen Unfällen der Scooter gekommen sei.

Zumindest bei der Geschwindigkeit der Scooter hat Deutschland offenbar etwas von anderen Ländern gelernt: Denn anders als in Wien oder Austin sollen die E-Scooter auf deutschen Straßen auf 20 km/h gedrosselt werden und nicht mit Höchstgeschwindigkeiten von etwa 25 km/h umherfahren. So sieht es die Verordnung des Bundesverkehrsministeriums vor, die der Bundesrat Mitte Mai verabschiedet hat.

Diese E-Scooter dürfen bald auf deutsche Straßen
Zwar ist die sogenannte Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKFV) seit der Bundesratsentscheidung vom 17. Mai beschlossene Sache, doch bedarf es noch einiger Formalitäten bis diese auch gesetzlich verankert ist. Mitte Juni soll die letzte Hürde genommen sein. Dann dürfen E-Scooter, sofern sie den Anforderungen eben dieser eKFV gerecht werden, im Straßenverkehr eingesetzt werden. Die Auswahl an legalen Rollern ist derzeit noch überschaubar, doch ein paar kann man bereits jetzt oder demnächst kaufen. Wer in puncto Qualität, Fahrspaß und Sicherheit gewisse Ansprüche hat, darf ruhig etwas mehr investieren. Ein gehobener dreistelliger Betrag sollte es schon sein. Quelle: Walberg Urban Electrics
In dieser Preisregion bewegt sich zum Beispiel der E-Scooter Sparrow-Legal von IO Hawk, der bereits die Zulassungstests vom TÜV Rheinland bestanden hat. Quelle: IO Hawk
Nur 20 Euro mehr kostet der ab Herbst erhältliche E-Scooter, den BMW gemeinsam mit dem schweizerischen Unternehmen Micro entwickelt hat. Quelle: BMW
Mit 1650 Euro mehr als doppelt so teuer ist der Egret-Ten V4, der dank seiner 10 Zoll großen Luftreifen allerdings auch bessere Fahreigenschaften als die beiden anderen Mitbewerber verspricht. Quelle: Walberg Urban Electrics
Bereits seit März 2019 ist als erster in Deutschland zugelassener Roller der Metz Moover erhältlich, der sich durch noch größere 12-Zoll-Luftreifen auszeichnet. Quelle: Metz
Nochmals teurer und nochmals erwachsener ist der von BMW und Kettler stammende X2City, der auf großen 16-Zoll-Luftreifen fährt. Das allerdings auch 21 Kilogramm schwere Gefährt hat ebenfalls eine 250-Watt-Maschine sowie eine herausnehmbare 408-Wh-Batterie, die bis 30 Kilometer Reichweite ermöglichen soll. Beschleunigt wird hier nicht wie sonst meist üblich mit Hand- sondern mit Fußgas. Die Sicherheitsausstattung kann sich sehen lassen, denn es gibt hydraulische Scheibenbremsen und LED-Leuchten. Wie die anderen Roller ist auch der X2City klappbar, angesichts seiner Größe und seines Gewichts allerdings nicht mehr wirklich handlich. Dafür ist der große E-Scooter mit eKFV-konformer Ausstattung bereits bestellbar. Sein Preis liegt bei rund 2.400 Euro. Quelle: BMW

Ob dieser Unterschied schwere Unfälle verhindern wird, ist nicht ausgemacht. „Dass es mehr Unfälle geben wird, wenn nun E-Scooter auf der Straße platziert werden, ist von vornherein klar. Die Frage wird nur sein, ob diese Unfälle in einem erträglichen Verhältnis stehen werden“, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Was Brockmann mit einem „erträglichen Verhältnis“ meint? „Wie viele Unfälle wir akzeptieren können“, sagt er. Wenn die Scooter noch neu seien und von vielen Fahrern zum ersten Mal benutzt würden, dann werden wir vermutlich viele Unfälle sehen, erwartet Brockmann. „Das könnte dann aber mit der Zeit seltener werden.“

Helmpflicht ist offenbar keine Option

Doch warum nicht auch schon den Unfällen von Fahranfängern vorbeugen? Zum Beispiel durch eine Helmpflicht. Die könnte sich Deutschland von Tel Aviv abschauen. In der israelischen Großstadt müssen E-Scooter-Fahrer einen Helm tragen. In Deutschland nicht – wie auch beim Fahrradfahren. Auch hier lohnt der Blick nach Texas: In Austin trug etwa nur ein einziger verletzter Fahrer einen Helm. Zur Erinnerung: einer von 190 verletzten E-Scooter Fahrern. Und die Hälfte der verletzten Fahrer zog sich bei Unfällen Verletzungen am Kopf zu. Etwa Knochenbrüche, Platzwunden oder Abschürfungen. Ein Prozent der Fahrer trug in Austin sogar anhaltende Organschäden davon.

Eine Helmpflicht kann sich Unfallforscher Brockmann in Deutschland dennoch nicht vorstellen: „Eine Helmpflicht müsste sich am Freiheitsgebot, Artikel 2 des Grundgesetzes, messen lassen – analog zu der Helmpflicht beim Fahrrad“, erklärt Brockmann. Er schätzt, dass von den jährlich etwa 400 Fahrradtoten in Deutschland zwar etwa 50 bis 60 Tote durch einen Helm verhindert werden könnten. Allerdings: „Nach Auffassung von Rechtsgelehrten würde das Verfassungsgericht zu dem Schluss kommen, dass es sich dabei größtenteils um Erwachsene handelt, die man auch ohne ein Verbot, nämlich mit Kampagnen erreichen könnte“, so Brockmann. Ähnlich wäre das bei den E-Scootern. Er sieht die Bundesregierung in der Pflicht: „Sie könnte ohne große Mühe ihre Helmkampagnen auf E-Scooter ausweiten.“

Wie alltagstauglich sind die neuen Tretroller?

Was zusätzlich gegen eine Helmpflicht spreche, sei das Geschäft von Scooter-Verleihern, das von einer fehlenden Helmpflicht lebe: „Es ist nur schwer vorstellbar, dass die Unternehmen zu jedem Scooter auch einen Helm anbieten – wie man das etwa vom E-Motorroller-Sharing kennt“, sagt Brockmann. Bei den Scootern sei es noch nicht möglich, den Helm sicher und trocken zu verstauen.

Zwar rufen Verleiher wie die US-Start-ups Bird und Lime ihre Kunden in den jeweiligen Apps und auf Webseiten dazu auf, Helme zu tragen. Doch einer Pflicht kommt das natürlich nicht gleich. Für sie gibt es keinen Grund, in Deutschland noch deutlicher darauf hinzuweisen oder gar einen Helm mit anzubieten.

Worum sie sich hierzulande in durchdekliniertem Ausmaß kümmern müssen – anders als in Austin oder Wien – sind Versicherungen für die Scooter. Der schwedische Anbieter Voi hat zum Beispiel schon eine Kooperation mit dem deutschen Versicherer DEVK bekanntgegeben. Und das bereits vor dem offiziellen Start. Auch die Versicherungen wittern in der Mikromobilität ein großes Geschäft. Durch ihre verpflichtenden Haftpflicht-Policen für die Scooter mögen Unfälle mit Personenschäden auf deutschen Straßen zwar finanziell abgesichert werden. Verhindert werden sie so aber nicht.

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