Easyjet Carolyn McCall – die Bändigerin

Easyjet-Chefin Carolyn McCall stellt die mächtigsten Männer ihrer Branche in den Schatten. Während Lufthansa oder Air Berlin noch ihre neue Rolle in der Luftfahrt suchen, bricht sie mit Konventionen und hält selbst schwierige Aktionäre in Schach. Wie nachhaltig ist ihr Erfolg?

Die besten Billigflieger der Welt
Platz 10: ScootDie Billigtochter der renommierten Singapore Airlines gibt es erst seit 2011. Die Fluggesellschaft reagierte damit auf die Starke Konkurrenz im Tiefpreissegment. Offenbar höchst erfolgreich. Scoot schafft es unter die Top Ten im Skytrax-Ranking der besten Billigflieger der Welt. Scoot bedient von Singapur aus zahlreiche Ziele in Ostasien und Australien wie etwa Bangkok, Nanjing, Seoul, Sydney, Taipei und Tokyo. Quelle: Screenshot
Platz 9: Jetstar AsiaDer 2004 gegründete Billigflieger ist eine Tochter der gleichnamigen australischen Fluggesellschaft. Jetstar Asia ist zu 49 Prozent in Besitz der australischen Qantas Airways. Wie auch Scoot fliegt Jetstar Asia seine Ziele von Singapur aus an. Derzeit gibt es über 20 Destinationen in Ostasien und zehn weitere in Australien, sowie Städte in Neuseeland und auf Hawaii.
Platz 8: Virgin America Ebenfalls im Jahr 2004 gründete die US-amerikanische Virgin Group einen Billigableger. Allerdings gingen die ersten Jets nach diversen Finanzierungschwierigkeiten erst 2007 an den Start. Heute verbindet Virgin America ein gutes Dutzend amerikanische Großstädte an der Ost- und Westküste miteinander. Quelle: AP
Platz 7: WestjetDie Kanadier stiegen schon 1995 ins Geschäft mit den günstigen Fluglinien nach Vorbild der Southwest Airlines ein. Mit einer Flotte von über 100 Flugzeugen und knapp 8000 Mitarbeitern lässt Chef Gregg Saretsky von Calgary und Toronto aus vor allem innerkanadische Ziele anfliegen. Einige Destinationen führen auch in die USA wie Phoenix, Las Vegas oder Honolulu aber auch nach Mexiko und auf die Cayman Inseln. Quelle: REUTERS
Platz 6: EasyjetDer britische Billigflieger ist nach Ryanair die zweitgrößte europäischen Billigfluggesellschaft und unterhält 22 Basen in ganz Europa. Von dort aus fliegt die Airline mehrere hundert Routen in Europa, nach Nordafrika, aber auch in die Türkei, Jordanien und Israel. Die Flotte umfasst mehr als 230 Flugzeuge. Mehr als 8000 Menschen arbeiten für Europas umsatzstärksten Billigflieger. Quelle: dpa
Platz 5: Indigo (Indien)Low Cost in Indien, das klang für Vielflieger lange Zeit nach einer argen Geduldsprobe. Schließlich waren selbst die vermeintlichen Top-Linien des Landes Air India oder Kingfisher lange Zeit für ihre Zumutungen am Kunden gefürchtet. Doch Indigo erreicht mit seiner Masche „karg aber solide“ praktisch überall westlichen Low-Cost-Standard. Zudem überzeugt die Line mit - zumindest für indische Verhältnisse – hoher Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Bei Marktforschern gilt sie deshalb als eine der besten Billiglinie Asiens. Das honorieren die Kunden. Sie folgten dem versteckten Aufruf Indi-Go (Frei übersetzt: „Indien, beweg dich“) und machten das Unternehmen zur einzigen profitablen Linie des Riesenlandes. Mit knapp 80 Jets fliegt Indigo aktuell 36 Ziele an, darunter Bombay, Kalkutta, Chennai. Quelle: Screenshot
Platz 4: Jetstar (Australien)Als der australische Marktführer Qantas seine Billigtochter gründete, sollte Jetstar eigentlich nur die anderen Flugdiscounter des fünften Kontinents im Schach halten. Die Mutter wollte sich ungestört auf die profitable Langstrecke konzentrieren können. Doch als der Siegeszug der Fluglinien vom Golf Qantas in die roten Zahlen trieb, wurde der einst ungeliebte Ableger plötzlich zum Retter der Gruppe. Dank der Erfahrung mit den langen Strecken im riesigen Heimatland traute sich Jetstar schließlich auch auf Langstrecken in Richtung Asien - siehe Jetstar Asia auf Rang 9. Quelle: dpa

Es sind noch 20 Minuten bis Mitternacht, als sich Carolyn McCall im Easyjet-Flug EZY2164 aus Amsterdam zum Londoner Flughafen Luton einen orangefarbenen Müllsack greift, durch den Mittelgang geht und jeden Passagier fragt: „Haben Sie noch Abfall, den Sie loswerden wollen?“ Dabei ist die 53-Jährige keine Hilfskraft der Lüfte, sondern Vorstandsvorsitzende von Easyjet, der mit 5,8 Milliarden Euro umsatzstärksten Billigfluggesellschaft Europas.

Ein Pappbecher in den Müllsack, ein freundliches Wort für den Passagier, für McCall sind die Niederungen Teil ihres Jobs. „So sehe ich, wer unsere Kunden sind“, sagt sie. „Manche erkennen mich und werden gleich eine Beschwerde los.“ Andere staunen über das etwas andere Crew-Mitglied in Killer Heels, den Schuhen mit den ultrahohen Absätzen.

Es ist nun fünf Jahre her, dass die Managerin mit dem dunklen Bob und der Schwäche für teure Designermode die Leitung von Easyjet übernahm. „SleazyJet“ (Schleimiger Jet) spotteten viele damals über die notorisch unpünktliche Airline, fast die Hälfte der Flüge erreichte ihr Ziel mit größerer Verspätung. Wie anders die Fluglinie heute dasteht. Das Unternehmen hat unter McCall den Gewinn verzehnfacht, den Aktienkurs um fast 300 Prozent gesteigert und beglückt seine Eigentümer mit dicken Ausschüttungen. Easyjet hat die Deutsche Lufthansa beim Börsenwert abgehängt, ist profitabler und setzt einstigen Staatskonzernen wie British Airways und Air France mächtig zu. Analysten der Credit Suisse zeigen sich „von der finanziellen Performance wirklich beeindruckt“. Als eine der wenigen Frauen an der Spitze eines Unternehmens in der Luftfahrt sowie im Leitindex Footsie der Londoner Börse ist McCall eine Ausnahmeerscheinung. Weswegen sich eine Frage aufdrängt: Wie macht sie das?

Kalkulierte Empathie

Eine Kostprobe ihres Managementstils – kühl, freundlich, bestimmt – gab McCall wieder einmal Anfang März. Alles ist an diesem Tag am Amsterdamer Flughafen in Orange, der Farbe von Easyjet, gehalten; von den Tulpen bis zu den Papierservietten. Ein heikler Termin, eine Woche nach dem tragischen Absturz der Maschine der Germanwings in den französischen Alpen muss die Britin Freudiges verkünden: die Eröffnung der 26. Easyjet-Basis, am Flughafen Schiphol bei Amsterdam. Offiziell erwähnt McCall die Tragödie mit keinem Wort. Erst im privaten Gespräch im Anschluss sagt sie, es stehe nicht zur Debatte, dass Easyjet etwa als Reaktion auf das Unglück die psychische Verfassung aktiver Piloten künftig häufiger testen würden: „Von Schnellschüssen halte ich nichts.“

Kampf der Billigflieger

Ansonsten widmet sich McCall in dem schlauchartigen Raum für die Crew ihren Angestellten, die dicht gedrängt die Hälse nach ihr recken. „Sie hat Charisma, einfach die richtige Mischung aus Wärme und gutem Geschäftssinn“, schwärmt Emmy Radelaar, eine Mitarbeiterin der Easyjet-Personalabteilung.

McCall gilt bei Weggefährten als unprätentiös. Geboren als Tochter eines schottischen Textilmanagers im indischen Bangalore, besuchte sie Schulen in Indien, Singapur und England. Ihre berufliche Laufbahn begann als Lehrerin an einer Gesamtschule in London. Danach wechselte sie zu einer Baufirma und dann als 25-Jährige in den Verlag der britischen Tageszeitung „Guardian“, wo sie von der Assistentin in der Anzeigenabteilung bis zur Verlagschefin aufstieg.

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