Eintritt für Venedig: „Wenn solch ein Preis verlangt wird, werden nicht sofort alle Besucher wegbleiben“
Rund 14 Millionen Touristen besuchen jährlich die italienische Lagunenstadt Venedig (im Bild: der berühmte Markusplatz). Seit Jahren kündigt die Stadtverwaltung an, ein Eintrittsgeld für Touristen einführen zu wollen. 2024 könnte es soweit sein.
Foto: imago imagesWirtschaftsWoche: Herr Reif, wann waren Sie zuletzt in Venedig?
Julian Reif: Das ist schon eine Weile her, bestimmt zehn oder elf Jahre.
Und, war’s voll?
Na klar, das ist ja nichts Neues. Ich war vor kurzem mit meiner Familie im privaten Urlaub in Italien, aber wir haben uns bewusst gegen Venedig entschieden. Es war uns mit den kleinen Kindern zu voll und auch einfach zu heiß.
Das schreckt aber nicht viele ab: Die Stadtverwaltung von Venedig hat vergangene Woche zum wiederholten Male angekündigt, für Tagestouristen Eintrittsgeld zu verlangen. Nach mehreren Anläufen und Verschiebungen soll es nun im Frühjahr 2024 endlich losgehen. Eine gute Idee?
Ob dies nun positiv oder negativ zu bewerten ist, bleibt offen.; es ist auf jeden Fall ein legitimes Mittel der Stadt, mit dem Phänomen Über-Tourismus umzugehen. Das heißt, mit einer Steuer für Touristinnen und Touristen lenkend tätig zu werden.
Julian Reif, stellvertretender Direktor des Deutschen Instituts für Tourismusforschung
Foto: PR
Es gibt allerdings viele Ausnahmen: Übernachtungsgäste und Kinder bis 14 Jahren sollen nichts zahlen. Und zunächst wolle man die Tagesgebühr auch nur an 30 Tagen des kommenden Jahres „probeweise“ verlangen. Hat die Stadtverwaltung Angst, Touristen zu verprellen?
Es soll offenbar erst einmal getestet werden. Und dass Kinder unter 14 Jahren frei sind, ist gängige Praxis und finde ich auch gut so. So ein Eintrittspreis ist ja eine Maßnahme, die medial sehr viel Wirbel verursacht, da ist es verständlich, dass die Stadt vorsichtig agiert. Denn es gibt sicherlich auch Stimmen, die sagen, das sei eine weitere Kommerzialisierung öffentlicher Räume und es schließe diejenigen aus, die sich diese Eintrittsgelder nicht leisten können. Auf der anderen Seite: Das eingenommene Geld soll ja für den Erhalt der touristischen Infrastruktur und für eine sozialere Politik für die Bewohnerinnen und Bewohner in Venedig eingesetzt werden, etwa für geringere Müllabgaben oder auch für die Förderung von Umweltprojekten. Und wenn solch ein Preis verlangt wird, werden ja nicht sofort alle Besucher wegbleiben.
Glauben Sie, dass überhaupt jemand wegbleiben wird? Der Eintrittspreis liegt bei fünf Euro pro Person.
Dies ist schwer vorherzusagen. Mir sind keine Studien bekannt, die dieses erforschen. Meine Einschätzung ist jedoch, dass wenn Urlauberinnen und Urlauber in Italien sind und vorhaben nach Venedig zu reisen, sie dies auch umsetzen werden. Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten, lenkend zu wirken – abhängig davon, wie der Besucherdruck ist. Wenn er zu hoch ist – und Venedig zählt diesbezüglich zu den Extremfällen –, dann hilft mitunter auch keine Preisstrategie mehr. Dann muss man einfach zu machen. Es ist zudem ja auch kein rein städtisches Phänomen. Es muss ja nicht gleich eine ganze Stadt sein, es kann ja auch ein Wanderweg, eine bestimmte Straße oder Sehenswürdigkeit sein.
Welche anderen Lenkungsmöglichkeiten kennen Sie?
Ganz wichtig sind aktuelle und ehrliche Informationen auf Webseiten oder eben dort wo sich Touristinnen und Touristen informieren: Wenn Sie planen, in diesem oder jenem Zeitraum nach Venedig zu kommen, seien Sie sich bewusst: Es wird sehr voll, kommen Sie lieber zu einem anderen Zeitpunkt! Das wären Informationen mit einem gewissen Nudging-Aspekt. Island macht so etwas. Auch Island wird seit einigen Jahren von vielen Besuchern aufgesucht, wenn auch auf niedrigerem Level als Venedig. Die Isländer haben daraufhin ein System online gestellt, auf dem sich Touristen vor ihrer Reise über beliebte Reiseziele auf der Insel informieren können. Da steht dann etwa: Dieser Lava-Felsen ist zu dieser Uhrzeit am meisten besucht, und zu jener Uhrzeit kommen die wenigsten Besucher. Das finde ich smart, denn diese Echtzeit-Informationen kennen die meisten bereits von Google, wenn sie nach Informationen zum örtlichen Supermarkt googeln. Am Deutschen Institut für Tourismusforschung erforschen wir gerade, wie man ein digitales Besucher-Management-System umsetzen könnte. Wir versprechen uns beispielsweise viel von Online-Reservierungen für bestimmte Zeiten und Orte; das haben wir durch die Corona-Zeit ganz gut verinnerlicht.
Was meinen Sie?
Wenn man am Wochenende an den Strand von Sankt-Peter-Ording fahren will und weiß, ich habe einen Parkplatz vor Ort reserviert, dann erspart mir das Zeit. Umgekehrt hat es aber womöglich auch eine Wirkung, wenn ich sehe, dass es keine Parkplätze mehr gibt zu der Zeit, zu der ich dorthin fahren möchte. Dann weiß ich schon vorher, dass ich x Kilometer rumfahren und suchen muss oder ich suche mir ein anderes Ausflugsziel. Wenn man das großflächig einführt, kann man den Parkplatz-Such-Verkehr eindämmen, das könnte ein Lösungsansatz sein.
Venedig ist nur das neueste und wohl bekannteste Beispiel: Die kroatische Hafenstadt Dubrovnik verlangt 35 Euro Eintritt für Erwachsene. Amsterdam erhebt eine Bettensteuer von drei Euro und hat eine Obergrenze für Übernachtungen pro Jahr beschlossen.
Amsterdam probiert hier vieles aus. Die Stadt verwendet viel Zeit und Mühe darauf, zu untersuchen, wie viele Menschen sich zu welcher Zeit in der Stadt aufhalten. Mithilfe von Mobilfunkdaten, Laserscannern und Kameras. Das ist vorbildhaft, aber auch Venedig hat hier ein derartiges Monitoringsystem installiert. Und Amsterdam war auch eine der ersten Städte, die sogenanntes De-Marketing betreiben: Das heißt, man bewirbt die Stadt nicht mehr öffentlich als Reiseziel. Das mag seltsam klingen, aber auch so kann man Besucherströme entzerren. Stattdessen können sogenannte „cold spots“ – im Gegensatz zu „hot spots“ –, also spärlich besuchte Orte im Umland, die Touristen eher nicht kennen beworben werden. Noch ein Stück weiter als das Verlangen von Eintrittsgeld ist eine sogenannte Qualitäts-Tourismus-Strategie. Mallorca ist hier ein gutes Beispiel: Die wollen weg vom Ballermann-Image.
Heißt das, es wird einfach alles teurer und man sperrt Touristen mit begrenztem Budget einfach aus?
Das muss nicht gleich Luxus-Tourismus sein. Aber die Insel – und viele weitere Reiseziele auch stellen sich die Frage: was ist sozial und ökologisch verträglicher Tourismus? Es geht um eine gezieltere, spitzere Zielgruppen-Ansprache und einen effizienten Einsatz der Mittel, die man für Marketing zur Verfügung hat Es geht um die Frage: Wen möchte ich eigentlich haben in meiner Stadt, meiner Insel, meiner Region. Das heißt natürlich nicht, dass nicht alle willkommen sind.
In Deutschland gibt es mit der Orts- oder Kurtaxe doch etwas ganz Ähnliches, oder? In Baden-Baden soll es die Abgabe schon seit mehr als 500 Jahren geben. Das ist doch auch ein Eintrittsgeld.
In der Tat, wo liegt der Unterschied zu einer Autobahn-Maut oder den Eintritt für eine Kirche oder ein Bauwerk? Die Dinge sind wahrlich nicht neu. Die Kurtaxe ist ein Instrument, das nicht alle Orte einfach so einführen können. Die Bestimmungen sind von Land zu Land unterschiedlich. Aber im Prinzip ist es ein ähnlicher Mechanismus wie das besprochene Eintrittsgeld.
Was sagt die Forschung über den Zweck von Kurtaxen: Lohnt sich das für die Orte und Städte?
Unbedingt! Damit werden vielfältige Maßnahmen finanziert, was touristische Infrastruktur und Instandhaltung anbelangt und auch den Einwohnenden zu Gute kommt. Das Geld kommt unmittelbar dem Ort zugute. Auch da gibt es kritische Stimmen, die fragen: Wem gehört denn der Strand? In der Regel sind die Einwohner der Orte von der Kurtaxe ausgeschlossen. Aber wenn jemand sehr nah an der Ortsgrenze wohnt, muss er streng genommen auch die Kurtaxe entrichten, was regelmäßig für Missstimmung sorgt. Was die Eintrittspreise betrifft: Hier sind mir keine Studien bekannt, ob und wie viele Menschen wegbleiben.
Als stellvertretender Direktor des Deutschen Instituts für Tourismusforschung: Wo machen Sie Urlaub?
Mit einer fünfköpfigen Familie: in der Regel relativ nah. Gerne auf Ameland oder in Dänemark – und ansonsten Italien. Dieses Mal waren wir in der Toskana. Auch da gibt es sehr volle oder überlaufene Orte wie etwa Pisa. Aber zwischendrin finden sich auch entlegene, wunderschöne Stellen.
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